Artikel geschrieben am: 31.05.05
Bobby Burgess Big Band, Rosenau, 30.01.05 (Terry-Gibbs-Programm)
So haben wir’s gern: Jazz made in Germany, Jazz als Kult. Die Rede ist von der Bobby Burgess Big Band Explosion, die einmal monatlich in der Rosenau vor einem enthusiasmierten Publikum aufspielt. An der Clubtür in der Rotebühlstraße findet sich dann das Schild mit der Aufschrift „Ausverkauft“.
Das kennt man eher von spanischen Großstädten: Nach dem Nachtessen besucht man ein heißes Jazzkonzert, kommt auf Touren und tanzt dann in einer Disco, bis es tagt. In Madrid oder Barcelona hätte die BBBB gewiss auch Kultstatus. Doch die Musiker wohnen in Schöckingen, Baiereck, Köln, Mannheim oder Berlin. Also spielt man hier.
Diese Band ist, wie man sagt, ein Knaller. Mit voller Wucht krachen die Schallwellen dieses Jazzorchesters ins erst sprachlos staunende, dann heftig applaudierende Publikum. Die Bühne ist eigentlich viel zu klein für die siebzehn Musiker, die in engem Körperkontakt losjazzen, dass es eine Wonne ist. Hochenergetischer Big-Band-Jazz, der mitreißt, ob man will oder nicht. Aus einem süßen Säuseln, gurgelnden Brodeln und unruhigen Rumoren schält sich strahlend das Thema heraus, eine Handvoll Saxophonisten steht auf und bläst sich die Seele aus dem Leib; dahinter schmettert das Blech in scharf konturiertem Satz die Attacke, angetrieben von einem stringenten Schlagzeug, einem kraftvollen Bass und einem intelligent akzentuierenden Klavier. Doch zur Härte gehört Zärtlichkeit, ohne die sie zur Brutalität zu verkommen droht. Da schmeichelt die Musik den Gehörgängen, das Orchester gerät zum Schwellkörper mit Schmelz und macht Musik zum Träumen. Jazz wie aus alten Filmen. „No Heat“ heißt der Blues on Terry Gibbs’ Dreamband, arrangiert – wie fast alle anderen Nummern des Abends – von Bill Holman, einem Bigbandbändiger par excellence.
Wie aus einem Guss spielt die BBBB, ausgezeichnet sind die Solisten. Klaus Graf am Altsaxophon spielt punktgenau und verdichtet die musikalische Essenz bei seinen prägnanten Soli. Andi Mailes Tenor klingt beseelt, Ian Cummings Posaune singt. Die meisten sind Jazzpreisträger, viele spielen in Rundfunkorchestern, alle sind hochmusikalisch und kompetent. Einmal im Monat kommen sie – für ein paar Euros bloß - nach Stuttgart, um ins geliebte Klangbad ihrer starken Big Band zu steigen.
Da viele Stücke dieses Konzertabends von Terry Gibbs sind, lag es nahe, als Gast einen Vibraphonisten einzuladen. Da kam nur einer in Frage: Dizzy Krisch aus Schramberg. Aus dem einstigen Wunderkind ist ein gestandener Mann geworden und ein routinierter, aber stets inspirierter Spitzenklöppler.
„After You’ve Gone“ gerät mit ihm zu einem atemberaubenden Parforceritt. Auch bei hohem Tempo haben die Herren alles im Griff und swingen, dass es eine Freude ist. Nach einer Hommage an Artie Shaw („Begin the Beguine“), bei der frühe Foxtrotterinnerungen wach werden, und der fulminanten Latin-Nummer „Tico Tico“ folgt Mulligans „Swinghouse“ – quasi als Motto des Abends in der Rosenau.
Bei der Zugabe „My Heart Belongs To Daddy“ denken viele an Bobby Burgess, den Namensgeber der Band. Wenn er seine Jungs an diesem Abend beispielsweise im Himmel gehört hätte, würde er den Kaugummi lässig in die andere Backe schieben und stolz grinsen: „Boys, it swings like hell!“
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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