Artikel geschrieben am: 01.01.70
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Nylon: Die Liebe kommt. (Universal 06024-9821155-7)
Mögen Sie das knisternde Geräusch einer Nadel auf Vinyl? Die Nachhaltigkeit eines monotonen Beat, durchdrungen von einem dominanten E-Bass? Mögen Sie den trockenen Klang von Akkordeonseufzern? Ja? Aber mögen Sie auch deutsche Schlager? Oder sagen wir lieber: Chansons? Starke Texte von der Liebe, von Großstadteinsamkeit, Verlangen, Glück und Trennung? Chansons, wie sie früher Friedrich Holländer geschrieben hat, Lieder im Peter-Kreuder-Takt, Lieder von Hildegard Knef oder vom jungen Manfred Krug? Aus der Zeit, als Damen Probleme mit ihren Laufmaschen hatten.
Eine Berliner Band, die sich Nylon nennt, hat altes deutsches Liedgut mit viel Jazzkompetenz und Hiphop-Performanz sehr lässig ins neue Jahrhundert geholt. Die rhythmische Auffrischung hat diesen eingängigen Liedern spürbar gut getan, doch das Beste ist die Stimme der Sängerin. Mal klingt sie wissend und durchtränkt von Liebesleid, mal naiv und verführerisch wie eine Kindfrau. Niku Sebastian steht im Booklet dieser CD mit dem Titel „Die Liebe kommt“. Dahinter verbirgt sich eine der aufregendsten Jazzsängerinnen der letzten Zeit: Lisa Bassenge aus Berlin. Hoch konzentriert und entspannt singt sie mit leichter Stimme und einem kleinen, aber sehr sinnlichen Vibrato diese alten Lieder: „Im 80. Stockwerk“, „Jonny, wenn du Geburtstag hast“ oder „Vergiss mich, wenn du kannst“.
Letzteres dürfte bei dieser Stimme schwer fallen. Wer Lisa Bassenge auch als Jazzvokalistin kennen lernen möchte, muss sich bis Anfang September gedulden. Da nämlich erscheint ihre dritte Trio-CD, die sie schlicht Three genannt hat (Minor Music 801113). Darauf finden sich wieder von Keyboarder Andreas Schmidt bemerkenswert arrangierte Cover-Versionen bekannter Hits. „I Feel Good“ von James Brown in einer überraschend ruhigen Fassung ist darunter, das anrührende „Love Me Tender“ von Elvis oder „There Must Be an Angel“ von Annie Lennox. Lisa Bassenges Interpretationen wirken auch hier wie eine Wohltat. Und auch bei Three offenbart sich eine Vorliebe für deutsche Lieder: Sie singt - sehr hübsch - „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“ und eine gut gelaunte Strophe von „Wir machen Musik“, nachdem die 84-jährige Ilse Werner ein Solo gepfiffen hat.
Bei beiden CDs übrigens spielt Paul Kleber, Bassenges ständiger Begleiter, Bass. Und ein Stuttgarter Gastmusiker hat im Tonstudio auch kräftig mitgemischt: der Trompeter und Keyboarder Sebastian Studnitzky, der schon vor Jahren als begabter Musikstudent in diversen Hiphop- und Jazz-Projekten hierzulande Aufsehen erregt hat. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber