Artikel geschrieben am: 02.03.05
Rebekka Bakken und Band bei den 11. Nürtinger Jazztagen, Stadthalle K3N, 2.3.2005
Schöner als mit Rebekka Bakken, denkt man, kann ein Jazzfestival kaum beginnen. Denn die 34-jährige Norwegerin gilt gemeinhin - Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich zitiert es im Programmheft - als „das Sinnlichste, was weiblicher Jazz zu bieten hat“. Doch was das Publikum zu hören bekommt ist gar kein Jazz, eher ein Mix aus Folk, Pop und Rock-Musik. „Contemprorary Adult Music“ nennen das manche.
Um Schubladendenken kümmert sich die junge Frau auf der Bühne nicht. Locker plaudert sie auf englisch und deutsch über einen Apothekenbesuch in der Hölderlin-Stadt und Wunder wirkende Holunderpastillen, mit denen (und ein paar Schnupftüchern) sie den Konzertabend übersteht.
Als sie noch Jazz machte und mit dem Wiener Gitarristen Wolfgang Muthspiel zusammen war, wirkte sie oft angespannt und ein wenig unsicher. Hier erlebt man eine strahlende, selbstsichere junge Frau. Langes gelocktes Haar fällt über bleiche Schultern, der schlanke, hoch gewachsene Körper wird von einem kleinen schwarzen Kleid, die Beine von blasslila Strümpfen verhüllt. Meist tritt sie barfuß auf, heute trägt sie Stiefel. Und diese Stimme! Sie klingt kraftvoll und hoch, vielleicht ein wenig spröde, doch wenn sie in warme Altlagen hinunter sinkt, entfaltet sie die viel beschworene Sinnlichkeit. Modulation und Phrasierung sind tadellos. Ihre vier Begleitmusiker aus dem hohen Norden spielen geschmeidig und geschmackvoll. Rebekka Bakken lässt sich von dieser Musik tragen und sie steuert sie. Ins Herz des Publikums.
Die selbst geschriebenen Songs der soeben erschienenen CD „Is That You“, die vorgestellt werden, geben die Richtung vor: Rebekka Bakken kommt zu sich selbst, sie will niemand mehr beeindrucken oder übertrumpfen. Sie ist erwachsen geworden Fragil, stabil, träumerisch, ausgelassen, wehmütig und süß. So abwechslungsreich wie sie selbst präsentiert sich diese schaukelnde, fließende Musik. Ein anrührendes Liebeslied für ihren Vater ist dabei (ihre Mutter bezeichnet sie als „geliebten Drachen“), dann kokettiert sie mit dem Thema Unschuld, gibt Einblicke in ihr Liebesleben („As I Lay Myself Bare“), singt mit archaischer Kraft – leider mit zu viel Hall abgemischt - ein norwegisches Gute-Nacht-Lied („So Ro“) und beendet den 90-minütigen Set mit einem sehr schönen Abschiedslied. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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