Artikel geschrieben am: 13.10.02
Rebekka Bakken, voc + Wolfgang Muthspiel, g
13.10.02 Theaterhaus
Mehr oder weniger
Was tut ein schlechter Sänger, der gerne Songs schreibt und Gitarre spielt? Er zieht nach New York, lernt eine hübsche Sängerin kennen (und lieben), stellt mit ihr eine Band zusammen, gründet ein Platten-Label und macht eine ausgedehnte Konzerttournee durch’s gute alte Europa. So wenigstens hat es der Grazer Jazzmusiker Wolfgang Muthspiel, 37, gemacht. Die junge Frau an seiner Seite heißt Rebekka Bakken und kam vor 32 Jahren in Oslo auf die Welt.
Norwegen scheint überhaupt ein gutes Milieu für starke Sängerinnen zu sein, denken wir nur an Sidsel Endresen oder Silje Nergaard. Rebekka Bakken singt mit klarer heller Stimme, die in den tieferen Bereichen warm und wohlig klingt, in den oberen Tonlagen aber jungmädchenhaft verletzlich. So sehr gibt sich ihre Besitzerin beim Singen preis. Dabei hat sie offensichtlich Gefallen daran gefunden, die Rollen der Songs zu spielen: den heißen Flirt, die Zärtliche, die Eifersüchtige, die Hasserfüllte. Und ganz unvermittelt interpretiert sie mit melancholischer Kühle ein altes Lied aus ihrer Heimat und singt von Lust und Leid.
Und der Duo-Partner? Muthspiel, der darauf verzichtet hat, die Band mitzubringen, macht aus der Not eine Tugend. Auf seiner Gibson spielt er nicht nur virtuos jazzige Linien, er spielt auf den beiden tiefen Saiten E-Bass, schickt Klangschleifen auf die elektronische Reise, klopft auf den Corpus, schichtet Rhythmen übereinander, verzögert, verzerrt, vervielfacht und verhallt die Töne mittels Effektgeräten, um überraschend zum einfachen akustischen Wohlklang zurück zu finden. Dennoch vermisst man die Rhythmusgruppe der beiden CDs „Daily Mirror“ und – soeben erschienen - „Beloved“. Es überwiegt bei diesen angejazzten Liedern das Luftige, das Feuer. Aber es mangelt an Erde, es fehlt der Boden. So droht diese eigentlich sehr reizvolle Musik mitunter ins Leere zu fallen und wirkt eigentümlich abstrakt. Wenn Muthspiel seine elektrische One-Man-Band einmal abschaltet und sich schlicht auf’s Begleiten verlegt, entfaltet sich das Potenzial dieser Songs, wie Short Stories mit offenem Schluss. So ist – das zeigte dieses Duo-Konzert recht klar - manchmal mehr halt besser und weniger mehr. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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