Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Akkordeon)
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DAS COMEBACK DES SCHIFFERKLAVIERSSeemannslieder sind in Deutschland untrennbar mit dem Akkordeon verbunden. Heutzutage haftet ihm etwas Muffiges an. Doch weltweit ist es neben der Geige das beliebteste InstrumentVon Sabine KobesTextzusammenfassung "Die Sprache geht respektlos mit der Zieharmonika um, nennt sie Knopfleiste, Quetschkommode, Teufelsbüchse, Trecksack, Zerrbalken, Wanzenpresse ..." "Schifferklavier" klingt im Vergleich zu solch starkem Tobak wenigsten neutral. Ein Solitär in der Harmonika-Familie mithin? "Nein", sagt die auf diesem Gebiet führende Wissenschaftlerin Maria Dunkel, "die Geschichte des Schifferklaviers ist exakt die Geschichte der Handharmonika - unter Berücksichtigung des maritimen Umfeldes." In der Seefahrt habe man im letzten Jahrhundert gemerkt, "dass die Ziehharmonika ideal die rhythmischen Arbeitslieder der Seeleute begleiten konnte. Es waren Lieder über Heimweh, Sehnsucht oder Liebe." Angefangen hat alles in China. Vor fast 5000 Jahren nutzte man dort beim Bau des Sheng - einer Art Mundorgel - erstmals das Prinzip "freischwebender Zungen": In einem schmalen Spalt wird ein Plättchen durch den Luftstrom zum Durchschwingen gebracht. Erst zu Beginn des 19. Jahrhundert schenkt Europa der Weiterentwicklung der "Chinesen-Orgel" größere Aufmerksamkeit. Das "Klavier der Armen", ob nun mit zwei oder mehr Knopfreihen ausgestattet, blieb erschwinglich und entwickelte sich zum Verkaufsschlager, nicht nur in Europa. Drei Standorte wetteiferten um die Vorherrschaft in der Massenproduktion: Castelfidardo an der italienischen Adria, Klingenthal im Vogtland und Trossingen am Fuße der Schwäbischen Alb. Dort eröffnet 1857 der Uhrmacher Matthias Hohner eine Musikinstrumenten-Manufaktur, und schon bald werden Hohner und Harmonika in einem Atemzug genannt. Einen Boom erlebt die Firma in den Jahren um den ersten Weltkrieg. Landser und später die Anhänger der Wandervogel-Bewegung wissen die Ziehharmonika zu schätzen. Die Comedian Harmonists nehmen "Hein spielt abends so schön auf dem Schifferklavier" in ihr Repertoire auf. Kaum eine Jazz- oder Zigeunerkapelle verzichtet auf die Ziehharmonika. Im Dritten Reich vereinnahmt die völkische Ideologie das gesamte Volksgut. Das Akkordeon soll zum offiziellen Instrument "unserer schönen deutschen Volks- und Hausmusik" werden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fällt die Volksmusik in Deutschland in ein Popularitätstief. Zu den Leidtragenden zählt die Harmonika. Die Akkordeonbrachne stagnierte, und als in den 90er Jahren die volkstümelnde Musik das Land überrollte, wurde am Fuße der Alb schon keine Ziehharmonika mehr produziert. 1997 übernahm die Firmengruppe des taiwanischen Musikmagnaten Wu H. Hsieh das Hohner-Unternehmen. Nach fast fünf Jahrtausenden sind die freischwebenden Zungen von Europa nach Asien zurückgekehrt. Die Volksrepublik China zählt mit großem Abstand nicht nur die meisten Akkordeonspieler, sondern auch die größten Stückzahlen in der Harmonika-Ausfuhr.
Schon immer war das Akkordeon ein "Pop-Instrument", das schnelle Verbreitung insbesondere durch die Seeleute fand.Zur Zeit erleben wir, dass das Akkordeon nicht nur "typisch deutsche Volksmusik" ist, sondern vielmehr ein multikulturelles Phänomen. Nun kommt der Klang des Akkordeons aus den Ländern der Welt zum Entstehungsort zurück und präsentiert sich in aller Vielfalt:Musette aus Frankreich, Tango und Chamamé aus Argentinien, Cardas und Klezmer und Polkas aus Osteuropa, Walzer aus Venezuela, Peru und Mexico, Vallenato aus Kolumbien, Forró aus Brasilien uns sehr viel mehr.Das Akkordeon ist in aller Welt zuhause und so ist Akkordeonspielen und hören eine Reise in die Welt !!
Die Entwicklung der Harmonikainstrumente geht auf ein in der Zeit um 2.700 v. Chr. in chinesischen Raum entstandenes Instrument namens "Sheng" (= chin. Mundorgel) zurück. Das Prinzip der freischwingenden Zunge verbindet die Sheng und das Akkordeon: die Zungen waren bei der Sheng in Bambuspfeifen eingeschnitten, die in einer Kürbisschale steckten. Durch ein Mundstück blies der Spieler Luft in die Kürbisschale und brachte so die Zungen in den Bambuspfeifen zum Schwingen.Bereits um 1600 muss das Prinzip der durchschlagenden Zunge in einigen Teilen Europas bekannt gewesen sein. Die erste Erwähnung hierzu finden wir bereits bei Michael Praetorius, einem der ersten bekannten Musiktheoretiker, und eine erste Abbildung bei Marin Mersenne in seiner Schrift "Harmonicarum Libri" von 1635. Etwa ab 1750 war dieses Prinzip der Tonerzeugung dann allgemein in Europa bekannt, denn zu dieser Zeit begann man mit den ersten Versuchen, Instrumente mit freischwingenden Zungen zu bauen. Durch verschiedene Neuerungen angeregt, wurde in der Zeit nach 1800 eine Vielzahl dieser Instrumente konstruiert. Die ständige Weiterentwicklung führte zu drei heute weltweit verbreiteten InstrumentenHarmonium, Mundharmonika und AkkordeonDie Erfindung der Mundharmonika und des Akkordeons wird dem Thüringer Christian Friedrich Buschmann (1805-1864) zugeschrieben. Buschmann und sein Vater beschäftigten sich mit dem Bau eines damals üblichen harmoniumartigen Instrumentes, das auf Saugluft ansprach. Im Rahmen dieser Arbeiten entwickelten sie ein Gerät, mit dem sie beobachten konnten, wie sich der Klang der Metallzungen beim Saugen oder beim Blasen verhält. Aus diesen Ursprüngen entwickelte Friedrich Buschmann nach seiner Heirat in Hamburg die Instrumente weiter. Er baute Äolinen, kleine Tasteninstrumente mit durchschlagenden Zungen, die er schließlich "Physharmonika" nannte. Man geht heute davon aus, dass diese Entwicklungen die Grundlage für die Entstehung von Mundharmonika und Akkordeon bildeten.Als Ursprungsort der heutigen Mundharmonika wird Wien angesehen, bereits im Jahre 1833 gab es dort 7 Mundharmonikahersteller. Von dort aus verbreitete sich das neue Instrument weltweit. In Deutschland entstanden die ersten Mundharmonikas in Trossingen, Knittlingen und Klingenthal.Technische Hinweise:Die Mundharmonika besteht aus einem Tonkanzellenkörper aus Hartholz oder speziellem Kunststoff mit einer Reihe parallel eingefräster, entweder einfacher (einchörig) oder geteilter (zweichörig) Luftkanäle. Der Kanzellenkörper trägt oben und unten je eine Stimmplatte aus Metall mit ausgestanzten Stimmzungenschlitzen, in denen die an der Platte über den Luftkanälen vernieteten Metallzungen frei schwingen können.Mundharmonikas sind meist diatonisch; sie sind in fast allen Dur- und Molltonarten erhältlich. Die chromatische Mundharmonika heißt Chromonica. Sie basiert auf der Kombination von zwei diatonischen Tonreihen im Halbtonabstand (z. B. beginnend mit C- bzw. Cis-Dur) die in zwei übereinander gelagerten Tonkanzellenreihen angeordnet sind. Durch einen an der rechten Seite des Instrumentes befindlichen Schieber lässt sich jeweils eine Ton- bzw. Kanzellenreihe abdecken. Das bedeutet: Schieber draußen = C-Dur, Schieber drinnen = Cis-Dur.Cyrill Demian – der Erfinder des AkkordeonsIn Wien erhielt am 23. Mai 1829 der Orgel- und Klaviermacher Cyrill Demian ein Patent für ein Instrument, das er "Accordion" genannt hatte. Zitat aus der Patentanmeldung:"Dieses Instrument hat die Gestalt eines kleinen Kästchens mit einem Blasbalge. Die Bodenplatte ist mit 5 Tasten versehen, von denen jede einen Akkord zum Ansprechen bringt. Die vibrirenden Theile sind dünne Metallplättchen, welche ein Schnarrwerk mit durchschlagenden Feder bilden".Das erste Akkordeon hatte einen Tonumfang von c‘ bis e‘‘. Schon wenige Monate nach dieser Erfindung brachte Demian größere Modelle heraus, es sind noch Instrumente mit 6 Tasten erhalten, die er selbst gebaut hat. Die ersten Akkordeons waren wechseltönig, jede Taste hatte also 2 verschiedene Töne, die durch aufziehen und zudrücken des Balges entstanden. Ein Akkordeon mit 5 Klappen hatte also 10 Töne, eines mit 6 Klappen 12 Töne usw. Jeder dieser Töne war mit einem Akkord unterlegt, der als Begleitung diente. Durch Bedienen einer Klappe konnten diese Akkorde gedämpft werden, so dass die Melodietöne besser hörbar wurden. Demian hatte sein Instrument "ACCORDION" genannt, weil die Akkorde gleichzeitig mit dem Melodietönen zum Erklingen kamen. Später baute man eine Art "Schieber" ein, mit dessen Hilfe man die Akkorde bewusst mitspielen oder weglassen konnte.In die ersten Instrumente waren nur die Töne einer bestimmten Dur-Tonart eingebaut, nämlich C-Dur. Wenn das Instrument mehr Tasten hatte, als man für eine Oktave brauchte, erweiterte man den Tonumfang entsprechend. Alsbald wurde auch in anderen Tonarten gebaut. Auf den kleinen Accordions konnte man nur in der Tonart spielen, in welcher es gestimmt war; auf den größeren waren gewöhnlich zwei Tonarten enthalten, z. B. G- und D-Dur, C- und F-Dur usw.1831 baute Demian schließlich das "vollkommene Accordion", das in einer Reihe die Töne der Tonart und in der zweiten Reihe die fehlenden Halbtöne hatte. An der Bassseite gab es bereits eine Basstonleiter in der Stimmung der Haupttonart mit einigen Ergänzungen. Interessant ist hierbei, dass in der Reihe der zusätzlichen Halbtöne und in der Bassseite bereits das Prinzip der gleichen Töne (Chromatik) angewendet wurde.Demian und seine Söhne haben ein Instrument erfunden, das bereits alle Merkmale des Akkordeons von heute in sich barg und das der Ursprung für jedliche Weiterentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert gewesen ist.Das von Demian gebaute Accordion war wechseltönig und diatonisch. Auch heute gibt es noch immer die Handharmonika und die Steirische Harmonika mit fast den gleichen Tonschritten. Auch Halbtöne und Gleichtöne hatte Demian schon in seinem "vollkommenen Accordion". So wie vor 150 Jahren baut man auch heute noch die Handharmonikas in verschiedenen Tonarten (Stimmungen).Demian legte die Wurzel aller Entwicklungen des Akkordeons bereits in seinen ersten Modellen. Eine Reihe von Entwicklungen führte zur Entstehung des Instrumentes "Akkordeon" in seiner heutigen Form.Die weitere Entwicklung des Akkordeons bis zum Jahre 1900Die Akkordeons von Demian waren "einchörig"; Tremolo oder andere Klangfarben kannte man noch nicht. Wilhelm Friedrich Kaiser, Harmonika-Bauer aus Wien, entwickelte um 1835 einen Registerschieber, mit dem man die Tonart wechseln konnte. Diese Erfindung kann als Ursprung der Register angesehen werden und findet sich auch bei den Chromonicas der heutigen Zeit noch wieder.Bereits 1838 gibt es ein Akkordeon, das Metallknöpfe, Mutation, Akkordknopf und Luftventil und einen eingebauten Schieber hat. 1837 setzen Experimente ein, um dem Accordion andere Klangfarben zu geben z. B. mit aufgesetzten Trichtern, sie sollten dem Instrument einen trompetenartigen Klang geben.Ebenfalls im Jahre 1838 baute Matthäus Bauer in Wien die ersten Instrumente mit Kanzellenkörpern. Dieser Kanzellenkörper bestand aus kleinen quaderförmigen Hohlräumen, die am Boden und an der Decke offen waren. An der Bodenseite befand sich das Loch mit den Abdeckplättchen der Claves, am anderen Ende die Stimmplatte mit der Zunge. Die ersten Stimmplatten waren aus Holz, und der Schlitz für die Zunge war direkt aus dem Holz geschnitten. Ab 1845 verwendete man auch schon Messingplättchen, aus denen zuerst die Schlitze gebohrt und gefeilt wurden. Nach und nach verschwanden die Instrumente mit der Mutation, stattdessen machte man weitere Experimente mit Schiebern. In dieser Zeit entstand auch der sog. Tremolo-Klang. Um 1850 hatte der Musiker Franz Walther die Idee, ein Instrument bauen zu lassen, das 3 Reihen Knöpfe besaß und das im "Gleichtonprinzip" gebaut war. Das erste dieser Instrumente hatte 46 Knöpfe, später wurden solche mit 52 Knöpfen gebaut. Die Bassmechanik im heutigen Sinne fehlte noch, man musste sich zunächst mit 8 bzw. 12 diatonischen Bässen zufrieden geben.Man experimentierte auch mit verschiedenen Holzarten für den Kasten des Instrumentes und den Kanzellenkörper. Die Entwicklung des Kanzellenkörpers, wie er heute üblich ist, fällt ebenfalls in diese Zeit. Vor allem das erste Register, mit dem man TREMOLO spielen konnte, erforderte ein Umdenken bei der Konstruktion des Anbringens der Stimmplatten. Nun wurde auch der Instrumentenkasten größer, um bessere Klangqualitäten zu erlangen.Matthäus Bauer zeigte 1854 das erste Accordion, das über eine Pianotastatur verfügte.Er nannte es "Clavierharmonika". Erstmals wird hier eine Trennung der Melodieseite und der Begleitung erwähnt. Die rechte Hand spielt die Melodie und die linke Hand spielt den Bass.Etwa in diese Zeit fallen auch weitere Experimente mit Registern und man unterschied nun Instrumente mit einfacher (einchöriger) oder doppelter (tremolo) Stimmung, also mit oder ohne Register. Schließlich entstand auch die "tiefere Oktave", d. h. man konnte oktaviert die tieferen Töne mitklingen lassen. Mit Hilfe der Register konnte man dann in "einfacher, doppelter oder dreifacher Stimmung" bzw. in "dreifacher Orgelstimmung" spielen – so nannte man es damals.1890 baute Matthias Bauer in Wien ein Akkordeon mit 46 Tasten und 46 Bässen als einzelne Töne, d. h. hier liegen bereits die Ursprünge für die Entwicklung der Instrumente mit Melodiebass. Somit waren alle Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung vorhanden, die letztlich zur Herstellung der heutigen Akkordeons führte.In Klingenthal, im Sächsischen Vogtland, hatte Johann Wilhelm Rudolph Glier seine Heimat. Er bekam auf einer Reise eine Mundharmonika geschenkt, erkannte ihren Wert als Handelsobjekt und baute sie nach. Alsbald entstanden auch in Klingenthal Fabriken, in den Mundharmonikas angefertigt wurden.1852 brachte der Klingenthaler Adolph Eduard Herold ein Akkordeon mit in seine Heimat und bald wurde auch dieses Instrument in Klingenthal gebaut. Schnell hatte man großen Erfolg und bereits im Jahre 1860 baute man 214.500 Akkordeons! 1862 gab es 20 Fabriken mit fast 350 Arbeitern. Die meist in Heimarbeit hergestellten Einzelteile der Akkordeons wurden in den Fabriken zusammengesetzt.Auf dem Gebiet der industriellen Instrumentenherstellung war Julius Berthold bahnbrechend, der in Klingenthal Maschinen entwickelte, die die Produktion von Harmonika-Instrumenten beschleunigten, z. B. eine Stimmenfräsmaschine oder eine Presse zum Falten der Bälge. Viele dieser Erfindungen wurden später auch an andere Akkordeon-Hersteller verkauft.Unter dem Namen "Weltmeister" wurden die Sächsischen Instrumente in der ganzen Welt vertrieben und stellen vor allem in Osteuropa den grössten Anteil der Harmonika-Instrumente dar.
Christoph Wagner: "Das Akkordeon oder die Erfindung der populären Musik"
"Das Akkordeon oder die Erfindung der populären Musik" - klingt interessant oder vielleicht doch etwas dröge? Keine Bange - der Schwabe Dr. Christoph Wagner, Jahrgang 1956, hat mit seiner Abhandlung über die globale Geschichte der Handharmonikas ein Werk vorgelegt, welches die verschiedensten Aspekte rund um die Instrumentenfamilie bestehend aus Akkordeon, Bandoneon und Concertina, unterhaltsam zusammenträgt. Schon die Biographie des Autors gibt Aufschluss über seine Motivation: zehn Jahre musikalische Basisarbeit als Grundschullehrer auf der Schwäbischen Alp hat er geleistet. Da bekommt ein studierter Wissenschaftler entweder Respekt vor dem Gewöhnlichen oder er flüchtet in die hohe Kunst. Für Christoph Wagner trifft das Erstere zu.
Geburtsstunde des AKkordeonsWo ging es also los mit dem Akkordeon? Wer als Shanty-Fan auf die norddeutsche Waterkant tippt, liegt völlig daneben, denn die Geburtsstunde des Akkordeons liegt im Wien des 19. Jahrhunderts. Und es gibt sogar - man glaubt es kaum - eine Geburtsurkunde. Am 6. Mai 1829 erhielt der Wiener Orgel- und Klavierbauer Cyril Demian das Patent, mit dem die historische Kettenreaktion in Gang gesetzt wurde. Eine Entwicklung, die das Akkordeon zu dem Instrument der Industrialisierung machte. Denn es waren letztendlich auch die Etablierung industrieller Produktionsweisen nebst den darauf folgenden Migrations-Bewegungen, welche zur raschen internationalen Ausbreitung des Akkordeons aus dem städtischen Mittelstand heraus, zu den Arbeitern der Vorstädte, der Landbevölkerung und auch nach Übersee führte, unter anderem auch nach Brasilien
Verdrängung jahrhundertealter MusikpraxisDie Autoren breiten auf 230 Seiten des apart gestalteten Buches ein farbiges Gemälde vor dem Leser aus. Die These, das Akkordeon sei das erste Pop-Instrument, wird bei der Lektüre des Buches durch Fakten untermauert. Denn obwohl ein musikalisches Konversationslexikon des 19. Jahrhunderts dem Klang des Akkordeons (Zitat) "jeden Adel und jede Schönheit" abspricht, geschieht schon bald derjenige Wandel der Musikpraxis, welcher auch finanzschwachen Gesellschaftsschichten den Zugang zum aktiven Musizieren erlaubt. Eine jahrhundertealte ländliche Musikpraxis wird durch das neue Instrument hinweggefegt. Heute posiert paradoxerweise jeder zweite Star der Pop-Avantgarde mit einer Handharmonika - jetzt als ein Sinnbild für Traditionsbewusstsein. Eine Entwicklung von den mehr oder weniger bildungsfreien "Spaßbewegungen" des 19. Jahrhunderts zu einer Rehabilitation des Instrumentes in Klassik, Jazz, Avantgarde und Pop am Ende des 20. Jahrhunderts.
Export westlicher TonalitätIn gewisser Weise wird nach Lektüre dieses Buches das Akkordeon sogar zu einer analogen Entsprechung aktueller Digitalwelten. Denn wo heute oft Technikfreaks musikalisch bildungsfrei die Produktpalette im Geiste der Spaßkultur bestimmen, galt auch für die frühen Akkordeon-Laienspielscharen eine ebensolche Begeisterung am menschlichen Zusammenkommen unter dem Dach eines Klanges. Do It Yourself - es unterscheiden sich lediglich die Tastaturen. Und wo im 19. Jahrhundert mit dem Akkordeon-Export auch der Export westlicher Tonalität nach Übersee und damit ein Kulturimperialismus der subtilen Art einsetzte, folgt man heute schlicht den globalen Marktmechanismen. Die Musik und das Geschäft sind anders geworden, doch das Akkordeon ist geblieben.
[Autor: Harald Mönkedieck]
~ Thomas Staiber