Artikel geschrieben am: 01.01.07

ACT S. Loch 2007)

Siggi Loch und sein Jazz-Label ACT
Junger deutscher Jazz wird nirgends stärker präsentiert als beim Münchener Jazz-Label ACT. „Ein Act der Vielseitigkeit“ lobt eine Online-Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Siggi Loch, der 67-jährige Chef der jungen Plattenfirma, hat - assistiert von General Manager Sylvia Obst - dem deutschen Jazz auf die Spur geholfen und eine beispiellose Frischzellenkur verordnet, die während der 15-jährigen Geschichte des Labels mit den rund 200 produzierten CDs für reichlich Bewegung in der Szene gesorgt hat.
Am Anfang orientierte man sich ganz konventionell an Amerika, zum Beispiel an Jazz-Größen wie Michael Brecker, später stellte sich mit skandinavischem Jazz der große Erfolg ein. Das Trio e.s.t. des Pianisten Esbjörn Svensson wird in allen Hallen gefeiert. Jazzmusiker als Pop-Stars. Ihr Konterfei zierte als das erste einer europäischen Band überhaupt das Titelblatt des US-Magazins „Downbeat“. Und auch der erstaunlich vielseitige Posaunist und Sänger Nils Landgren aus Schweden spricht als polyglotter Vollblutmusiker mit Funk, Folk und Jazz ein jüngeres Publikum an.
Loch hatte als erfolgreicher Musikmanager in den 1960-er Jahren Beatbands aus dem Hamburger Star-Club produziert, er hat unter anderem Katja Ebstein und Marius Müller-Westernhagen entdeckt, verkaufte für Elektrola und Philips Platten, bis er vom US-Konzern Warner zu dessen Europa-Präsidenten gemacht wurde.
Dabei war Loch stets klar: Mit Jazz, der zwei Prozent des gesamten Tonträgerumsatzes ausmacht, kannst du nicht reich werden. Und trotzdem hatte der erfahrene Musikmanager, vermutlich als der älteste Plattenchef überhaupt, den Mut und den nötigen Idealismus, mit 52 Jahren das unabhängige Jazz-Label ACT zu gründen.
Sidney Bechet, der Sopransaxophonist, hatte beim 15-jährigen Mopedfahrer Loch die Liebe zum Jazz geweckt, den er fortan mit seiner alten Box, später mit einer Leica dokumentierte. In dem jüngst erschienenen Earbook „Love Of My Life“, dem vier CDs beigefügt sind, kann man diese Photos anschauen und Lochs geistreich formulierte Texte nachlesen. Da finden sich Aufnahmen aus den 50-er Jahren seines Freundes Klaus Doldinger, eines strahlenden Louis Armstrong, von Ray Charles im Regen, George Gruntz am Flügel, Yusef Lateef im Unterhemd usw.
Doch der jünger wirkende Siggi Loch, der mit seiner Frau in einer Villa am Starnberger See lebt, begnügt sich nicht mit nostalgischen Rückblicken. Seit zwei Jahren produziert er mit gutem Geschmack und scharfem Urteil „Young German Jazz“, eine Serie von ACT-CDs. Loch ist sich ganz sicher, dass unter den an hiesigen Musikhochschulen hervorragend ausgebildeten jungen deutschen Jazzern, die nicht mit Dixieland und Swing, sondern mit Techno und Pop aufgewachsen sind, starke Musikerpersönlichkeiten zu finden sind. Bestes Beispiel: der 28-jährige Pianist Michael Wollny, der elektronische Einflüsse, zeitgenössische Klassik und Weltmusik zu mitreißendem Trio-Jazz zusammenfügt. Ihn hat Loch mit dem 74-jährigen Saxophonisten Heinz Sauer zusammengebracht. Resultat: eine der wichtigsten deutschen Jazzplatten seit Jahren und sehr intensive Konzertmomente.
Denn das ist ein wünschenswerter Nebeneffekt von Lochs Arbeit: Auf den meist subventionierten Festivals in Deutschland beherrschen nicht mehr bloß US-Jazzer die Szene, die jungen Deutschen sind stark im Kommen. Thomas Staiber
 

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild