Artikel geschrieben am: 09.05.70
Das 500. Jazzkonzert in der Dieselstraße
9. 5. 2010
Irène Schweizer – Pierre Favre
Günter „Baby“ Sommer – Ulrich Gumpert
Das 500. Jazzkonzert war zugleich das letzte, das am Sonntagabend im alten und marode gewordenen Gebäude des Kulturzentrums in der Dieselstraße stattfand. Bis der Umbau abgeschlossen und im September 2011 die modernisierte und erweiterte Spielstätte eingeweiht sein wird, können die Konzerte in der Webergasse, also im schönen alten Esslinger Jazzkeller über die Bühne gehen.
Vor vierundzwanzig Jahren hatte die Jazzreihe in der Dieselstraße mit einem Bass-Solo-Konzert von Peter Kowald begonnen. Organisator Manfred Müller konnte damals nur davon träumen, dass sich die Dieselstraße zur ersten Adresse des nationalen und internationalen Avantgarde-Jazz in der ganzen Region entwickeln sollte. Besucht man dort heute ein Konzert, sieht man Autos mit Nummernschildern aus Aalen, Göppingen, Heilbronn, Stuttgart oder Tübingen. Die Anziehungskraft der Dieselstraße muss wegen der Spitzenmusiker, die hier auftreten, als magnetisch bezeichnet werden. Ein Journalist sei wegen eines Auftritts des Evan Parker Trio eigens aus Kanada nach Esslingen gereist.
Vor 24 Jahren, als alles begann, hatte Peter Kowald noch privat bei Manfred Müller übernachtet. Und vergoss Tränen, weil sein Kontrabass im Flugzeug zu Bruch gegangen war. Er spielte dann auf dem Instrument eines Esslinger Jazzers, der aus dem Staunen nicht mehr herauskam, welche Klänge da seinem Tieftöner entlockt wurden. Inzwischen werden die Musiker natürlich im Hotel untergebracht. Zahlreiche prominente Improvisationskünstler und junge aufstrebende Jazzer sind - solo oder in verschiedenen Gruppen – immer wieder in der Dieselstraße aufgetreten. Der weltbekannte Avantgarde-Gitarrist Fred Frith etwa, Hochschullehrer am kalifornischen Mills College, bezeichnet das Esslinger Kulturzentrum als sein „Wohnzimmer“. Es würde den Rahmen sprengen, wollte man die Künstlernamen aufzählen. Für Interessenten liegt eine 34-seitige Gesamtübersicht aller Bands aus, bei deren Lektüre Erinnerungen an unvergessliche musikalische Momente wach werden. Genannt seien wenigstens die Namen einiger wunderbarer Musiker, die nicht mehr unter uns sind: Steve Lacy, Mal Waldron, Jim Pepper, Tom Cora, Peter Kowald, Jeanne Lee und Albert Mangelsdorff. Und greifen wir noch ein Ereignis heraus, das einmal nach einer Jazz-Lesung stattfand. Günter Grass war noch mit ein paar Leuten in eine Kneipe gezogen und hatte aus dem Nähkästchen geplaudert. Morgens gegen vier konnte man erfahren, dass er sich als Jugendlicher von der Waffen-SS rekrutiert worden war. Fünfzehn Jahre später löste genau diese Tatsache einen Skandal aus.
Die treibende Kraft in der Dieselstraße ist seit 1986 Manfred Müller, dessen Jazzreihe eingeweihten Kreisen in Wien, Paris oder New York wohlbekannt ist. Als Müllers Kinder klein waren, gingen die Buchungen über den Schreibtisch seiner Kollegin Christa Wörner, die heute als Gast viele Konzerte besucht. Wenn in eineinhalb Jahren das Kulturzentrum in der Dieselstraße neu eröffnet werden wird, soll eine noch zu konstituierende Gruppe die anfallende organisatorische Arbeit aufteilen mit dem wie alle anderen Mitglieder des Teams ehrenamtlich tätigen Manfred Müller. Die Zukunft des neuen Jazz, der Jetzt-Zeit-Musik, wie es im Programmheft heißt, ist in der Dieselstraße gesichert. Für die Strahlkraft des Esslinger Kulturlebens ein wichtiges Faktum.
Das Jubiläum wurde mit einem Doppelkonzert zweier exzellenter Piano-Schlagzeug-Duos gebührend gefeiert. Die Züricher Pianistin Irène Schweizer, 68, eröffnete mit ihrem Landsmann Pierre Favre, 72, den Reigen. Der führte ins Freie hinaus, in zerklüftete Klanglandschaften, in denen ein frischer Wind musikalische Klischees wegfegte wie welke Blätter. Günter Sommer, 66, den alle „Baby“ rufen, bewies beim 500. Jazzkonzert in der Dieselstraße, wie komplex sein Schlagzeugspiel und wie komödiantisch sein Auftreten ist. Beflügelt vom Klavierspiel des musikantischen Jenensers Ulrich Gumpert, 65, mischte er mit Rufen, Donnerhall und Trommelfeuer die musikalischen Dialoge auf. Besonders stark: die Jazz-Version von Wolf Biermanns Protestlied „Soldat“. (Übrigens war Sommer der Blechtrommler, der vor fünfzehn Jahren Grass bei dessen Esslinger Lesung und bei besagtem Kneipengang begleitet hatte.)
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber
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