Artikel geschrieben am: 07.07.04

Roland Baisch & das Count Baischy Orchester

Jazzluder

Roland Baisch lässt sich nicht ausreden, dass die Welt im Allgemeinen mehr Stil brauche und insbesondere ihn, den seit über dreißig Jahren durch Funk und Fernsehen ebenso bekannten wie beliebten Unterhaltungskünstler. Also gibt er ihr beides.
Die aktuelle Show, die bis zum 18. Juli im Friedrichsbau Variété läuft, widmet Baisch dem Jazz. „Ein bisschen Swing muss sein!“ singt er in der Nachfolge von Catarina Valente locker vom Hocker. Dean Martin, der ihm im Traum erschienen war, gab wohl den entscheidenden Fingerzeig. Seither nennt sich Roland Baisch Count Baischy, trägt ein Rüschenhemd unterm Smoking, hat ein Glas in der Hand und intoniert - begleitet von einem völlig ausgeschlafenen und sehr kompetenten Jazzquartett - amerikanisches Liedgut aus der Feder von Cole Porter, Nat King Cole und anderen Größen. Darunter mischt er  unauffällig Selbstgeschriebenes. Alles auf deutsch, stark getextet, glänzend übersetzt.
Baischs Sommergastspiel ist im Speziellen einer Gattung gewidmet, die vom Aussterben bedroht ist: dem gemeinen Jazzluder. Darunter versteht man weibliche Fans, die sich - seit den 50-er Jahren ist dieses Phänomen nachzuweisen - nicht zu schade sind, nächtens an zugigen Bühneneingängen auszuharren, um Jazzmusikern die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die ihnen gebührt.
Baisch - tagsüber in Stuttgart schauspielerisch bei Dreharbeiten für eine Berliner Vorabendserie im Einsatz – gibt sich wie einst Count Basie: lässig, treffsicher, punktgenau. Unverkennbar der schwäbische Akzent dieses Spötters, der über das Kleinbürgertum seiner Heimat kübelweise Spott schüttet, ein wenig näselnd wie Paul Kuhn, Charme versprühend wie der junge Juhnke. Mit einer nicht sehr voluminösen, aber hübsch swingenden Stimme, die er gern in ein sonores Rezitativ hineinfallen lässt, singt er vom blauen Mond, vom Trottel, zu dem ihn eine Frau machte, von Seitensprüngen, von Höhen und Tiefen. Er nimmt den Mund voller Bonbons und lässt sie  bei den Breaks dicht am Mikro rhythmisch am Gebiss klappern. Im Verlauf der Show erinnert er sogar an Louis Armstrong. Wenigstens schwitzt er so.
Wie im richtigen Leben mischt sich da Ernstes und Witziges, Stärken und Schwächen, Vernunft und Gefühl. Bei allen Persiflagen, Spitzen und Tiefschlägen nimmt sich Baisch selbst nicht aus. Das macht ihn sympathisch. So kriegt jeder sein Fett weg. Die Hiphopfraktion aus Benztown, zwei gepeircte Zahnspangen, die Spießer, die Jazzpolizei und immer wieder die Herren Musiker („vollsynthetische Freischwinger“), als deren Chef er sich genussvoll inszeniert. Uwe Schenk, Pianist und musikalischer Leiter, genannt Le Bock, wird gar als ehemaliger Country- und Porno-Star geoutet. Da fallen auch flache Kalauer nicht ins Gewicht („Halb Mu, halb Latte – ein Mulatte“); man amüsiert sich, wippt mit der Fußspitze und grinst. „In unserem SM-Club fesseln wir uns und hören Pur“. Lassen wir ihm sein Vergnügen.
Dieser schwäbische Count Baischy und sein kleines Orchester sind mit  ihrem „Jazzluder“ gut für nette Unterhaltung, gepflegten Barjazz, Salsa, Bossa, schnelle Witze. Das passt in die Jahreszeit. Eine Show wie ein Sommerwein: leicht, spritzig, fruchtig, nicht ganz ohne Säure.

P. S. Was sich im Übrigen nach den Zugaben („Luxusfrau“, „Jazzkasperle“) am Bühneneingang zugetragen hat, entzieht sich unserer Kenntnis.

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild