Artikel geschrieben am: 19.04.04
Der alte Mann und die Zeit
Frankreich zu Gast in Stuttgart: Charles Aznavour im Theaterhaus - ein gesellschaftliches Ereignis.
Aznavour, dieser kleine Mann mit dem träumerischen Blick und der großen Stimme, zieht das Publikum in seinen Bann. Seit über sechzig Jahren. Im Mai wird er fünf Abende hintereinander den Pariser Palais de Congrès füllen und dort seinen 80. Geburtstag gebührend feiern. Aznavour - ein Dynamiker, eine Kämpfernatur, die das Leben ausschöpft bis zuletzt, beileibe kein Ruheständler. Unablässig textet er, komponiert, arbeitet im Studio, geht auf Tournee.
Im restlos ausverkauften Theaterhaus (Karten 40 bis 75 €) knüpft er mit der Präsentation seiner aktuellen CD „Je voyage“ nahtlos an seine großen Chansons. Das zentrale Thema - wie immer - die Liebe. Doch der Sänger spürt, dass die Quelle, aus der sich seine Erinnerungen speisen, versiegen wird. Und so durchdringt seine Lieder ein anderes Thema: die Ungewissheit, die Angst, der Tod.
L’amour et la mort, Eros und Thanatos, der Kampf gegen den Fluss der Zeit. „Alle Lust will Ewigkeit“, heißt es, doch der Tod ist die endgültige Negativität der Zeit. So muss Aznavour schließlich die Liebe selbst als leidvoll empfinden, auch wenn er sich noch sosehr in Produktivität erschöpft, um das zu vergessen, was jeden zuletzt erwartet.
Als er im zweiten Set mit seiner Tochter Katja den Titel „Je voyage“ als musikalischen Dialog inszeniert, wird das ganz deutlich. Hier die Siebzehnjährige mit silberheller Stimme, ungestüm vorwärts drängend, die Haare im Wind, dem Leben und der Liebe entgegen, da der alte Vater mit seiner tiefgründigen Baritonstimme, der weiß, wohin die Reise geht und letzte Fühlinge dahinschwinden sieht. Ob das Ziel „oben oder unten“ ist, weiß er nicht. An beiden Plätzen, im Himmel und in der Hölle, scherzt er, habe er Freunde.
Doch die musikalische Zeitreise führt an andere Schauplätze der Liebe. „You are for me, for me, formidable“, singt er mit seinem schiefem Lächeln und – nun komplett auf englisch – eine gelungene Version von „She“, an der auch Elvis Costello seine Freude hätte.
Begleiten lässt sich der schwarz gekleidete Chansonnier mit rotem T-Shirt in bester Music-Hall-Tradition von einem kompletten Orchester mit Klavier, zwei Keyboards, Gitarren, Streichern, einem Holzbläser, Bass, Schlagzeug und zwei blonden hoch gewachsenen Background-Sängerinnen. (Diesem Frauentyp übrigens neigte der französische Charmeur mit den armenischen Wurzeln Zeit seines Lebens zu.)
„Ave Maria“ stattet das Arrangement mit einem derart bombastisch-süßlichen Klangraum aus, dass die Grenze des Erträglichen gestreift wird. Dann, als er über das Privileg der Jugend singt, lässt sich Aznavour – hübsch schlank - nur von einem Chopin-Klavier im ¾ Takt und einem vergnügt schaukelnden E-Bass begleiten. Die Reise durch die Vergangenheit macht Station bei der zufälligen Wiederbegegnung mit einer Marie, und das Schicksal, das sonst stets pressiert, macht mal ne Pause: Je n’ai rien oublié. Aznavour hebt seine buschigen dunklen Augenbrauen und schenkt dem Publikum wieder dieses schräge Lächeln. Als Schauspieler, den wir aus vielen Filmen kennen ( Lelouche, Schlöndorff, Truffaut), hat er ein ausgeprägtes Gefühl für Dramatik und setzt bei seinem Auftritt auf die Wirkung sparsamer Gesten. Bei einer unwiderstehlich vorwärts drängenden Zigeunermusik erstrahlt die Sonne über dem Süden, mit ihr leuchten satte Klangfarben und die warme sonore Männerstimme Aznavours. Dazu passt ein anderes Sommerlied: „Il faut savoir“, auf das vor etwa vierzig Jahren junge Leute nicht nur in St. Tropez Stehblues getanzt haben. Sein wunderbares Französisch lässt sich Aznavour auf der Zunge zergehen - ein Ohrenschmaus nicht bloß für die Franzosen im Publikum, denen er Heimatgefühle nach Stuttgart bringt. Beim nostalgischen „Hier encore“ verdrückt manche(r) eine Träne. Und Aznavour tanzt - eine Hand auf der Schulter – mit sich selbst. Ein rührender Anblick.
Der rote Faden bleibt die Liebe. Damit knüpft Aznavour seine musikalischen Teppiche und überfliegt die Biographie seiner Liebesgeschichten. Die wichtigste Frau – man ahnt es – ist und bleibt aber „La Mamma“. Bei „La Bohème“ - eine Erinnerung an wilde Künstlerzeiten - tanzt er wieder allein, wehmütig dieses Mal einen langsamen Walzer. Dann öffnet er in einer zärtlichen Geste weit die Arme, das Publikum steht auf und feiert ihn minutenlang. Aznavour kommt allein auf die Bühne zurück und singt mit all seiner Kraft und Verletzlichkeit a capella als Abschiedslied einen Liebesschwur.
~ Thomas Staiber
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