Artikel geschrieben am: 02.05.05

Abdullah Ibrahim, Solo- und Triokonzert

Im Wechselspiel von Ferne und Vertrautheit entfaltet sich das melodienselige Klavierspiel von Abdullah Ibrahim. „Trance-Mission“ nennt er das. Musik ist ihm „Heilung, Magie und eine Möglichkeit, die Realität zu verändern“. Er spiele nicht, betont der zum Islam konvertierte Musiker, er werde gespielt.

Bei der ausverkauften Jazznight im Theaterhaus, wie immer von Karsten Jahnke organisiert, scheint es ein ziemlich schläfriger Gott gewesen zu sein, der „durch ihn gespielt hat“. Abdullah, gerade siebzig geworden, ist auf der Kreuzfahrt seines bewegten Lebens im gepflegten Salon der sanften Nachdenklichkeit, in der Bar zur leisen Langeweile gelandet. Wie ein müder Schmetterling taumelte er über die Wiesen seiner Improvisationen. Hier ein Zipfelchen Ragtime, da ein Schäufelchen Blues und immer viel Melodiensüße, oft genug in dämpfendes Moll gehüllt. Auch pianistisch ist Ibrahim gealtert: Die Dynamik seines Anschlags, das rollende Ostinato seiner Linken, die sperrigen Akkorde, aus denen das Thema hervorleuchtete – wo sind sie geblieben? Stattdessen erlebte das Publikum einen introvertierten Mann, der Erinnerungen nachhängt, einen Klavierspieler mit ausgedehnten Ritardandi, der Schusterterzen nicht verschmäht und harfenartig auffächert. Alles still und leise, mit sehr verhaltenen Tempi, akustisch, ganz ohne Verstärkung. „Wer die Wiederholung will, der ist im Leben gereift“, heißt es bei Kierkegaard. Dies könnte auch ein Wahlspruch des Südafrikaners sein. Nicht die Zielgerichtetheit westlicher Musik zieht ihn an, sondern die Wiederkehr des Ewig-Gleichen, die Form des Kreises.

Im Piano Solo des ersten Sets war der Sinn für das Schöne, die utopische Qualität der Musik zu spüren, die aus der Tiefe menschlicher Erfahrungen auftauchte. „African Echoes“.

Sein Vater wurde getötet, als der kleine Adolphe Johannes Brand gerade vier Jahre alt war, mit sieben wurde er erstmals Zeuge eines Mordes. Gelebt hat er in einem von der Apartheid zerrissenen Land bei einem verhassten Stiefvater. Nach dem Sharpeville-Massaker verließ er als 26-Jähriger mit seiner Freundin, der Sängerin Sathima Bea Benjamin, das Land. Es folgten fast dreißig Jahre Exil, Triumphe als Musiker, aber auch dreißig Jahre Heimweh. Wer wollte einen wie ihn verurteilen, wenn die Musik ihre kämpferische Kraft, ihre mitreißende Energie zu verlieren droht? Denn hoffnungslos ist Ibrahims Musik nicht geworden. Im Gegenteil.

Doch beim Triokonzert des zweiten Sets und im halbstündigen Zugabenblock mit Fragmenten aus „Blue Bolero“ und „African Marketplace“ wurde allzu deutlich - besonders im Vergleich zur jungen, extrem leisen Rhythmusgruppe mit Kontrabassist Belden Bullock und Schlagzeuger George Gray - wie müde der einmal von Duke Ellington geförderte Jazzpianist , der musikalische Mitstreiter von Nelson Mandela geworden ist. Leise Wehmut mischte sich in den Applaus - wie Rauch, der von Räucherstäbchen auf der Bühne süßlich ins Publikum wallte.

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild