Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Zappa)
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DIE ZEIT
"And I showed him how to do it right"
Frank Zappa zum virtuellen 65. Geburtstag
von Jochen Reinecke
Die Welt ist ungerecht: Während die ewig untoten Rolling Stones noch immer ungezählte CDs und Stadien volllärmen, liegt Frank Zappa seit zwölf Jahren unter der Erde und schweigt. Wäre der Krebs nicht gewesen, könnte Zappa heute seinen 65. Geburtstag feiern. Doch was soll man über Zappa noch schreiben? Soll man aufzählen, wie viele Alben er veröffentlicht hat? Soll man Vermutungen darüber anstellen, wie viel unveröffentlichtes Material in akkurat ausgerichteten Ampex-Mehrspurbändern noch in seinen Archiven schlummert? Soll man auflisten, welche Musiker er begleitet, verschlissen, emporgehoben, niedergemacht hat? Soll man aus einem unerschöpflichen Zitatenfundus kleine Insiderschnipselchen aneinander reihen? Nein, das soll man nicht. An so einem Tag wird nicht noch einmal recherchiert.
Reden wir von den drei Dingen, die ihn auszeichneten: Gitarrenspiel, Songwriting, Perfektionismus.
Will man das Gitarrenspiel von Zappa auf einen Punkt bringen, dann kann man sagen: Seine Soli sind dazu geeignet, bei größtmöglichem eigenen Genuss die Eltern in kürzester Zeit zu krampfgepeinigten Feinden zu machen. Das Geheimnis von Frank Zappa war ein technisch äußerst komprimierter Gitarrensound, der dafür sorgte, dass die Lautstärke der Soli zwar dynamikfrei war, sie dafür aber einen ungeheuren, nahezu beängstigenden Druck hatten. Zappa war fingerflink und brauchte keine Pfusch-Effektgeräte wie Tremolo, Delay oder Hall. Ein Zappa-Solo war eine klare Aussage: MIT MIR NICHT. Sein Gitarrenspiel ein einziges virtuoses Hakenschlagen. Er konnte von bemerkenswert ausdauernder Herumimprovisiererei auf zwei Akkorden (wer bei Instrumentalstücken wie "Apostrophe" nicht wild im Zimmer herumhüpft, der muss zum Arzt) hinüberwechseln in ein hochkomplexes polyrhythmisches Spiel - und zurück. Was ihn jedoch von beinahe allen Zeitgenossen unterschied: Keines seiner Soli war langweilig! Zappa hatte die Wirrnis des Daseins früh erkannt und den Umstand verinnerlicht, dass in den meisten Fällen so altbackene Dinge wie Argumente sinnlos sind. Zappa ließ die Gitarre reden, und die Jugend verstand. Die Eltern verstanden nicht. Das war der Trick. Jedes seiner Soli erzählte eine Geschichte, und wenn eine Geschichte eine Viertelstunde brauchte, dann dauerte das Solo eben eine Viertelstunde lang. Zappa war der einzige Musiker, dessen Projekt, Schallplatten ausschließlich mit Soli zu veröffentlichen, tatsächlich Sinn ergab.
Sprechen wir über das Songwriting. Nein, sprechen wir nicht darüber. Kratzen wir an der Oberfläche. Wie soll man adäquat über Miniaturopern wie die Geschichte über den tragischen Eskimo Nanook und den von ihm verkonsumierten gelben Schnee schreiben? Zappas Humor war unerschöpflich, mal böse, mal liebevoll, kam stets aus ungewohntem Blickwinkel und verblüffte auch deshalb, weil er sich scheinbar mühelos in musikalische Motive übersetzen ließ.
Zu guter Letzt der Perfektionismus. Trotz aller Auflehnung gegen das Establishment: Die Arbeitshaltung von Zappa war nahezu preußisch. Er trieb seine Musiker zu äußersten Höchstleistungen. Verlangte das Maximum. Wer auch nur ein bisschen weniger lieferte, hatte nichts zu lachen. Aber auch er selbst gab das Maximum. Seine Livekonzerte waren technisch so gut, dass viele live aufgenommene Stücke als Basic Tracks für Studioalben dienten.
Zappa produzierte bereits in den 70-er Jahren mit einem ungeheuren technischen (und finanziellen!) Aufwand. Was heute jeder Dummschädel mit seinem Midi-Keyboard einspielt und per Cubase, Notator oder ProTools so lange zurechtbiegt, bis es passt, das hat Zappa mit seinen Mannen (und Frauen! Zappa hatte einen Riecher für geniale Percussionistinnen) live eingespielt. Was aber nicht heißt, dass er an studiotechnischen Spielereien kein Interesse gehabt hätte. In Stücken wie Rubber Shirt montierte er Instrumentaltracks aus verschiedenen Sessions (noch dazu in verschiedenen Taktmaßen…) miteinander und erschuf auf diese Weise vollständig neue Werke.
Womit schließt man so einen Text? Vielleicht mit einer Empfehlung, die sich an diejenigen Menschen richtet, die aufgrund von Jugend oder anderer entschuldigender Umstände bisher noch nie ein Fitzelchen Zappa gehört haben. Besorgen Sie sich die Alben Hot Rats, Apostrophe und Roxy & Elsewhere und hören Sie sich folgende Songs an: Peaches en Regalia (Hot Rats), Apostrophe (Apostrophe) und Don't you ever wash that thing (Roxy & Elsewhere). Danach gibt es für Sie nur zwei Möglichkeiten: Sie sind süchtig – oder Sie warten geduldig auf das nächste Album der Rolling Stones.
(c) ZEIT online, 21.12.2005
52/2005
~ Thomas Staiber