Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Wollny - Wakenius 23.10.2009)

Wollny – Wakenius - Youn Sun Nah, Theaterhaus, T 1, 23.10.2009
Ein Konzert mit dem jungen Jazzpianisten Michael Wollny - besonders ein so intimes Duokonzert wie das mit der israelischen Cembalistin Tamar Halperin - ist ein Abenteuer, das die Besucher abseits von Trampelpfaden in unerhörte Klanglandschaften führt. Der 31-Jährige lässt sich gern vom magischen Dunkel mystischer Gegenden in Gotland und Island inspirieren. Doch auch das Licht des Nordens und die Weite des Meeres sollen Raum finden in seiner faszinierenden Improvisationsmusik.
Spröde, an längst vergangene Zeiten erinnernde Cembalotöne umflirren dunkle Mollakkorde und ostinate Bassfiguren, die Wollny dem weit geöffneten Flügel entlockt. Mit seiner Linken reißt er einmal rhythmisch die Klaviersaiten an und tremoliert mit der Rechten flackernd wie eine Flamme. Harte Handkantenschläge auf den Klavierkorpus kontrastieren ein anderes Mal mit weich wallendem Akkordspiel und harmonischer Schönheit, während die Cembalistin ein paar trockene Töne so oft wiederholt, bis sie ticken wie eine Uhr.
„Wunderkammer“ nennt Wollny sein jüngstes Projekt. Wunderkammern, das waren geheimnisvolle Räume in Schlössern, wo Fürsten kuriose Schätze aufbewahrten, Porzellanfiguren, Edelsteine oder chirugische Instrumente. So unterschiedlich, so schillernd sind auch Wollnys Kompositionen. Schon die Titel verraten eine Vorliebe für das Außergewöhnliche. „Mesmer“, dem Hypnosepionier gewidmet, entfaltet tatsächlich mit der Zeit eine Sogwirkung. „Sagée“, eine berühmte Doppelgängergestalt des 19. Jahrhunderts, soll das Verhältnis von Klavier und Cembalo thematisieren. Wollny spielt auch mit elektronisch verzerrten Klängen, macht mit einer kleinen Celesta klingeling, bevor zum virtuosen Klavierspiel zurückkehrt, während sein weibliches Pendant ein Harmonium seufzen lässt. Der britische Observer beurteilt Wollny so: „This ist the future sound of jazz.“ Das Publikum im allzu großen Theaterhaussaal hätte kaum widersprochen.
Ulf Wakenius hat durch Oscar Peterson den Ritterschlag des Jazz erhalten: Im letzten Lebensjahrzehnt war er dessen regulärer Gitarrist Seither muss der 51-jährige Schwede niemandem mehr etwas beweisen. Entspannt und gut gelaunt greift er in die Saiten seiner akustischen Gitarre und spielt die wunderschöne Ballade „Believe, beleft, below“ seines Landsmannes Esbjörn Svensson, der letztes Jahr bei einem Tauchunfall vor Stockholm tödlich verunglückt ist.
Danach bittet Wakenius seine druckvoll agierende Combo auf die Bühne und zieht andere Saiten auf. Bei „Seven Days Of Falling“ von Svensson hält Wakenius eine E-Gitarre im Arm. Und wie flüssig und aussagestark er spielen kann! Das Publikum applaudiert begeistert. Schon wechseln die Klangfarben, und die Sängerin Youn Sun Nah betritt die Bühne, um mit ihrer mädchenhaft weichen und glockenklaren Stimme die Menschen zu berühren. Wakenius zeigt bei einem sehr schnellen brasilianischen Lied von Gismonti mit der akustischen Gitarre, was für ein Virtuose er ist. Staunen allenthalben. Die Koreanerin singt sich weiter durch ihr heterogenes Repertoire: Sie swingt bei einem Calypso von Nat King Cole, scattet wie ein Singvögelchen bei „Voyages“, einer Eigenkomposition, und lässt, begleitet von Wakenius und Wollny, das Doppelkonzert ausklingen mit einem zu Herzen gehenden Volkslied aus ihrer Heimat. Thomas Staiber



~ Thomas Staiber

Deko Füller
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