Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Wogram Nostalgia 2008)
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Nils Wogram Trio „Nostalgia“ - ES, Dieselstraße, 13. 1. 2008
Florian Ross legt mit seiner B-3-Hammond - in Musikerkreisen gern „Schweineorgel“ genannt - einen samtweichen Klangteppich aus und lässt bittersüße Harmonien durch den Raum schweben, wie weiland Altmeister Larry Golding. Drummer Dejan Terzic, beileibe kein Klopper, bringt unterdessen mit lockerem, präzisen Beat Schwung in die Bude (Freundin Anke Helfrich, eine bekannte Jazzpianistin, befindet sich auch darin). Da ist es Bandleader Nils Wogram eine reine Freude einzusteigen. Das tut er mit warmem leichtem Posaunenklang. Im Lauf des immer stärker umjubelten Konzerts zeigt er sich von seiner besten Seite: als sensibler und kraftvoller Improvisator, intelligenter Komponist, virtuoser Techniker. Offenbar kommt es dem in Zürich lebenden Norddeutschen, je reifer er wird, weniger auf Effekthaschereien an als darauf, zu klaren musikalischen Aussagen zu finden. Schönheit und Klarheit heißen in diesem Konzept aber nicht so viel wie Glätte und Beliebigkeit. Per aspera ad astra, vom Rauen zum Licht, so könnte das Motto des Jazztrios heißen. Eine tänzerisch anmutende Leichtigkeit beflügelt die nostalgisch angehauchten Originalkompositionen. „Affinity“ der Titel der aktuellen CD ist programmatisch gemeint: Ineinandergefügtsein, kurzfristiges Loslassenkönnen, Impulse aufnehmen und weitergeben, kurz: traumhaftes Spielverständnis zeichnet diese kleine Combo mit der seltenen Besetzung aus.
Beim Autofahren, aber auch im modernen Jazz, ist es ratsam, gelegentlich in den Rückspiegel zu blicken. Im Jazz erscheinen da Giganten wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie oder Miles Davis. Ihnen und Posaunisten wie Jay Jay Johnson, Kai Winding oder Slide Hampton. Ihnen ist dieser retrospektive, aber sehr heutige Konzertabend gewidmet. Es ist, scheint dieser Jazz zu sagen, nein, zu singen, nicht möglich, Zukunft musikalisch zu gestalten, ohne das Vergangene zu ergründen. Nicht zu vergolden. Zu ergründen. Und nach vorne zu bringen. Genau das tut Nils Wogram. Damit erfüllt der Mittdreißiger die Hoffnungen immer mehr, die die europäische Jazzszene auf ihn setzt. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber