Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Widmer Riessler 2.9.2010)
---
Urs Widmer & Michael Riessler, Bix, 2.9.
Eine aufgeschlitzte Katze, deren Eingeweide hervorquellen, das Herz ein klopfender Klumpen. So beginnt die Lesung des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer aus dem vor zehn Jahren erschienenen und jetzt als Hörbuch neu aufgelegten Buches der Albträume. Auf der Bix-Bühne neben ihm steht Michael Riessler und entlockt zirkular atmend seiner Bassklarinette eine Vielzahl dahinrollender Töne. Aus samtenen Fagotttiefen steigen sie hinauf bis in helle B-Klarinettenhöhen. Je länger die Tonfolge dauert, umso mehr wird aus dem schönen Kontrast zum Schrecken der Wörter ein beunruhigender Einklang, so als habe sich die Musik vom Text anstecken lassen. „Der Kolkrabe des Todes“ krächzt aus diesen Tönen, und Widmer, mit flatternden Händen dirigierend, liest weiter: “Die Nacht ist die Axt, die dich spaltet.“ Der 72-Jährige kennt sich in der Materie aus; seine Frau ist Psychoanalytikerin. Ängste und Nachtmahre formt er zu sprachlichen Bildern von Folter, Blut und Tod und spickt sie mit animalischen Metaphern. Bannt er sie so, oder gefällt er sich darin – wie einst die Dichter des expressionistischen Jahrzehnts – sich im Ekel zu suhlen, mit einer Ästhetik des Hässlichen zu provozieren? Riessler gelingt es, die schwarzen Texte nicht bloß zu untermalen. Er arbeitet mit Rückkopplungen, imitiert zwitschernde Vögelchen, greift wieder zu seiner Schwarzwurzel, wie die Jazzer sagen, und lässt die Musik weitersprechen, wenn die Stimme des Dichters verstummt. Trost allerdings gibt es nirgendwo. „Gott ist der Raubvogel und du der Gimpel, in den er seine Krallen schlägt.“ Aus den weichen Klängen des „Süßtieftöners“ - so sagt man in Italien zur Bassklarinette - werden nun, von Schreien durchblendet, klappernde, schabende Geräusche, die allmählich leiser werden und am Ende verstummen. Das Spiel ist aus. Ein wenig verlegen lächelnd nehmen Urs Widmer und Michael Riessler den Applaus des Publikums entgegen. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber