Artikel geschrieben am: 01.01.70
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Bugge Wesseltoft & Torun Eriksen bei LBBW jazzopen Stuttgart 04
Implantate, Sounds und Handgemachtes Beginnen wir mit einem Superlativ. Wer heute den stärksten Jazz sucht, wird in Skandinavien fündig. Besonders in Norwegen, dem Land der Fjorde und Fjelle, mit seinen vier Millionen Einwohnern.
Unter den Nordmännern, denen wegen der Mitternachtssonne im Sommer und der polaren Dunkelheit im Winter eine Neigung zur Zyklothymie, eine kollektive Befindlichkeit zwischen heiterer Geselligkeit und mürrischer Verstimmung nachgesagt wird, ragt einer heraus: Bugge Wesseltoft. Nach dem asketisch angehauchten Jan Garbarek mischt mit dem knapp vierzigjährigen Wesseltoft, einem exzellenten Pianist, Performer und Produzenten, wieder ein Norweger die internationale Jazzszene auf. Wie viele Elektronik-Freaks findet er Jazzsoli oft langweilig und selbstbezogen. Vorzeigevirtuosität interessiert ihn kaum. Dafür gibt es für ihn kaum etwas Besseres als großartige Musiker, die die Grenzen ihres Instruments ausloten.
Was sich zunächst wie ein schroffer Widerspruch anhört, ergibt für Wesseltoft durchaus einen Sinn. Melodien klingen für ihn auf akustischen Instrumenten einfach am schönsten, während mit der Elektronik faszinierende Sounds erzeugt werden können. Typisch für postmoderne Musiker: das Zusammenfügen scheinbar unvereinbarer Stile. So schätzt Wesseltoft Weltmusik etwa türkischen oder persischen Ursprungs und er mag Techno, er liebt den Jazzrock der 70-er Jahre, Zigeunermusik, Hip Hop und die Rhythmusästhetik von Café der Mar. Doch in einem unterscheidet er sich von den Computermusikern seiner Generation: Während die den Jazz nach Implantaten absuchen und weder fähig noch willens sind, ein Instrument zu spielen, dreht er den Spieß um. Er spickt seine Fusionmusik – rhythmisch perfekt - mit brauchbaren Lauten und Klängen. Hier eine Autohupe, da ein Lachsack, ein paar Takte Penderecki oder Bruce, die virtuelle Stimme von Apple.
Beim Konzert lässt er den Dingen Zeit und Raum. Zwanzig Minuten kann es dauern, bis aus dem Auf und Ab eines elektronischen Beats endlich eine Melodie aufblüht. Die Spontaneität, das Einfühlungsvermögen und die Interaktion der Live-Musiker entspricht seiner Vorstellung von Jazz. „The New Conception of Jazz“ heißt seine aktuelle Band, die er seit zehn Jahren im eigenen Label Jazzland herausbringt.
Dem kleinen Mann aus Oslo, der die Glatze gern mit einer Mütze bedeckt und stets eine Hornbrille trägt, ist es gelungen, den Jazz auch bei Jüngeren populär zu machen, ohne auf ausgetretenen Trampelpfaden zu wandeln.
Als Entdecker und musikalischer Partner von ausgezeichneten norwegischen Jazzsängerinnen hat sich Wesseltoft zudem einen klingenden Namen gemacht. Sidsel Endresen etwa oder Rebekka Bakken wären zu nennen. Die wunderbare Silje Neergard und das Gesangstalent Torun Eriksen bringt Wesseltoft nun zum diesjährigen Jazzfestival nach Stuttgart mit. Auf diese Konzerte skandinavischer Prägung darf man sich freuen.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber