Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Wenn Kinder den Ton angeben)

Wenn Kinder den Ton angeben

Noch nie hat wurden sie als Babys so gehätschelt, als Kinder so ernst genommen, als Jugendliche so aufgewertet. Seit die Kindersterblichkeit zurückgegangen ist, bestieg das Wunschkind strahlend den Familienthron.
Noch nie war Kindheit derart sakrosankt und kuschelig. Seien sie zwei oder zwanzig – alle wichtigen Entscheidungen in der Familie hängen von den Kindern ab. Ihre Vornamen zieren Briefkästen, ihre Stimme ertönen auf Anrufbeantwortern, sie kündigen die Geburt eines Brüderchens oder Schwesterchens in der Zeitung an, als ob sie den Nachwuchs selbst zu verantworten hätten.
Die Familie ist eine sich selbst verwaltende Demokratie geworden, in der die Kleinen fast ebensoviel zu sagen haben wie die Großen. Manche 13-jährige Tangaträgerin benimmt sich wie eine junge Frau, und Frau Mama bestellt beim Schönheitschirurgen Bäckchen so glatt wie die Rückseite ihrer Tochter.
Wenn Jugendliche Grenzen überschreiten, in ihrer Peer Group abhängen, sich bei Raves vergnügen, im Chat Room treffen, wissen die Eltern oft nicht recht weiter. Und während Psychologen Eltern ermahnen, auch nein zu sagen, nimmt das Fernsehen die ganze Familie unter seine Fittiche, bevormundet Groß und Klein gleichermaßen. So bewegt man sich zwischen der Permissivität von gestern und der Autorität von vorgestern, umstellt von psychologischen Ratgebern. Doch niemand ist sich sicher, wie Kinder erzogen werden sollen. Dafür kann man den Eltern selbst die Schuld geben, weil sie zu lasch, zu hedonistisch sind. Aber auch der Gesellschaft, die Kinder als Konsumenten umschmeichelt und wie Erwachsene behandelt.
Die Macht der Jungen offenbart sich privat und öffentlich: Sie bestimmen, was Mode ist und fungieren als Bezugssystem. Daheim bedient man sich ungefragt aus dem Kühlschrank, isst, wann und was man will, hört die Musik, die man will, sieht die Fernsehsendungen, die man will. Wenn Eltern als cool gelten möchten, machen sie halt mit.
Seit die Kindersterblichkeit im 18. Jahrhundert zurückgegangen ist und seit ein paar Jahrzehnten die Pille geschluckt wird, kommen Kinder nicht mehr massenhaft auf die Welt. Sie sind seltener geworden - und werden gefeiert. Früher riskierten die Mütter bei jeder Geburt ihr Leben, und ein Drittel der Kinder starb noch vor dem 10. Lebensjahr. Seitdem der Tod zurückgedrängt wurde, hat sich vieles verändert. Die Geburt ist heute ein Glücksversprechen. Noch in den 1960er Jahren waren 40 % der Schwangerschaften unerwartet oder unerwünscht, heute sind über 80 % der Geburten gewollt und geplant. Das Kind gilt nicht mehr als Zufallsprodukt einer sexuellen Beziehung oder von Gott befohlen. Kinder werden heute nicht mehr in einer Funktion – etwa als männlicher Erbe oder als Altersversicherung - geboren, sondern um ihrer selbst willen. Als Schatz. Unsterblich in einer Umgebung, in der sich – bis zu einem gewissen Alter – alle unsterblich fühlen. Eine Glorifizierung des einzigartigen Wesens ist die Folge, jeder Geburtstag wird zur Feier des kleinen Gottes, der kleinen Prinzessin. Die UNO beispielsweise hat ein Gesetz erlassen, das das kindliche Recht auf Meinungsäußerung außerhalb elterlicher Zwänge garantiert. Man kann diskutieren, ob der Preis einer so geschützten Autonomie des Kindes nicht den Verlust der Kindheit selbst markiert. Einer Kindheit, in der so viel zu erfahren und zu lernen ist, bevor eine selbständige Meinung autonom geäußert werden kann.
„Liebe reicht nicht“ heißt das vor kurzem in Frankreich erschienene Buch des Psychoanalytikers Claude Halmos. Der stellt klar, dass ein Kind ohne schmerzhafte Verbote nicht erzogen werden kann. Es brauche Anstrengungen, um notwendige Frustrationen bewältigen zu können. Nur so werde man im späteren Leben intelligenter. Ein Kind benötige also Sanktionen, wenn es Grenzen überschreitet, weil es auf Anhaltspunkte, auf Orientierung angewiesen ist. Ein Kind zu lieben, bedeutet nach Halmos, sich selbst zu lieben. Wenn man also von seinem Kind nichts fordere, hieße das nur, dass man bequem sei und Forderungen selber ausweiche.
Jugendliche – ausgestattet mit allen Freiheiten – fühlen sich einzigartig. Allein, aber auch in der Gruppe. Die Gesellschaft belässt sie allzu lange in ihrem goldenen Käfig und bewahrt sie vor der Konfrontation mit der harten Wirklichkeit. Solange feiern sie ihre Nutzlosigkeit, hören Musik, spielen am Computer und machen Party. Sie sind frühreif und retardiert zugleich. Manche weichen in Krankheiten aus, manche in die Sucht, andere suchen den Kick im Risiko, andere sogar den Tod.
Was ist das für eine Gesellschaft, in der jugendliche Energie in Sackgassen verpufft, in der es wenig Perspektiven und viel Jugendarbeitslosigkeit gibt? Was ist das für eine Zeit, in der junge Menschen sich beim Warten langweilen, erschöpfen, abstumpfen? Eine soziale Utopie müsste heute darauf zielen, solche Zustände vor dem Eintritt in die Wirklichkeit zu ändern. Aufgerufen dazu sind wir alle.
Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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