Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Weber Interview 03.05)
---
Eberhard Weber, Kontrabass – 20. 03. 05
Ich bin ein Naturtalent
stai: Sie sind vor kurzem 65 geworden. Mit gemischten Gefühle?
EW: Ja. (lacht) Bei manchen Autovermietungen kriegt man kein Fahrzeug mehr. Im Ernst: Alter ist Erfahrung, manchmal sogar Weisheit, aber eben auch mit den negativen Seiten. Gott sei Dank habe ich wenig Beschwerden. Und: Ich brauche nicht mehr zu kämpfen wie ein Junger, man kennt mich auf der ganzen Welt
stai: Neben Jazz-Veteranen im Hauptprogramm treten im „Festival Spezial“ bei den 20. Jazztagen im Theaterhaus junge, viel versprechende Musikerinnen und Musiker auf. Kündigt sich da ein Generationenwechsel an?
EW: Natürlich. Aber die große Zeit des Jazz ist vorbei. Es gibt noch Kreativität, aber kaum mehr Innovation. Nostalgie und Fusion beherrschen die Szene. Die Schnelllebigkeit nimmt zu.
stai: Auch Sie werden mit einem Fusionprojekt von Jazz und Klassik an den Start des Festivals gehen.
EW: Je älter ich werde, umso mehr entdecke ich meine alte Liebe zur Klassik wieder. Aber Jazz und Klassik zusammen zu bringen ist nicht leicht: Ein Jazzer kann zuhören und improvisieren, der klassische Musiker liest und spielt. Beide müssen geleitet werden, bis eine Synthese entsteht.
stai: Wären Sie lieber Dirigent als Solist?
EW: Im nächsten Leben vielleicht (lacht). Ja, ein erfolgreicher Dirigent wäre ich gern. Aber die sind oft Alleinherrscher und unbeliebt. Also: ein beliebter Musiktyrann – das wäre ideal.
stai: Als Bassist haben Sie mit Ihrem Soloprojekt „Pendulum“ die Möglichkeiten des Instrumentes ausgeschöpft.
EW: Früher mümmelte der Bass als Rhythmussklave in der zweiten Reihe. Die Frontliner fanden es oft gar nicht witzig, als ich nach der Umstellung auf den elektrischen Spezialbass nach vorne kam, um musikalische Abläufe zu bestimmen. Jan Garbarek hat mich mal gefragt, wer von uns beiden eigentlich seine Band leitet. (Lacht). Ich glaube, habe wirklich viel zur Emanzipation des Bassspiels beigetragen.
stai: Sie wollten bestimmen und verließen, wenn das nicht funktionierte, die jeweilige Formation. Das Dave Pike Set, das United Jazz & Rock Ensemble.
EW: Aber nicht im Unfrieden. Nach zwölf Jahren habe ich beim United gekündigt. Ich spürte, die Luft ist raus. Für mich gab’s da zuviel knacko, zu wenig weiche Musik. Ich war dort der Balladenlieferant
stai: Sie gründeten Ihre eigene Gruppe Colours, mit der Sie weltweit Erfolg hatten. Stehen nun nach dem großen Jazzfest, das zu Ihren Ehren in Stuttgart gegeben wird, wieder neue Tonaufnahmen mit Eberhard Weber an?
EW: Bei mir unterscheiden sich die Konzepte von CD zu CD sehr stark. Die größte Schwierigkeit: Was macht man als Nächstes? Ich will nicht wie der alte Pantomime sein, der schon wieder gegen den Wind geht. Zurzeit habe ich keine reguläre Band und bin auf der Suche nach neuen Ideen.
stai: Spielen Sie um des Spielens willen?
EW: Im Unterschied zu den meisten Jazzern überhaupt nicht. Mich interessiert nur das Produkt. Am Mittwoch beispielsweise habe ich kein Solo für mich eingeplant.
stai: Üben Sie regelmäßig?
EW: Nach einer Tournee stelle ich den Bass weg und hole ihn erst kurz vor der nächsten wieder hervor, um Hornhäute auf den Fingerkuppen zu bekommen. Ich muss nicht üben, nur auffrischen. Ich denke, das nennt man ein Naturtalent.
stai: Wie wichtig ist für Sie der Applaus?
EW: Es gibt zwei Sorten. Den schnellen Jubel nach einem beeindruckenden Solo und den anschwellenden, nicht enden wollenden Beifall. Der entsteht, wenn die Gefühle der Menschen angesprochen werden. Den liebe ich.
stai: Hören Sie in Ihrem südfranzösischen Domizil viel Musik?
EW: Ich bin wie ein Quartalsäufer: Mal ganz viel, dann wieder gar nichts. Und ich bin eher ein sentimentaler als ein intellektueller Hörer. Ich schätze Musik, die zu Herzen geht. Bachs Matthäuspassion, Romantiker, Mahler.
stai: Und Jazz?
EW: Miles Davis, z. B. diese unglaublich starke, ganz offene Version von „My Funny Valentine“ 1964. Aber dann höre ich wieder lange nichts. Ich schaue mir die Bilder meiner Frau Maja an, wir gehen am Gard spazieren, besuchen Freunde im Dorf, trinken einen Apéritif.
( Wer waren als Bassist Ihre Vorbilder?
EW: Paul Chambers, als ich jung war. Und Ray Brown. Umgehauen hat es mich, als ich Scott LaFaro gehört habe. Wolfgang Dauner, Fred Braceful und ich haben dann im Geist des Bill-Evans-Trios mit LaFaro gespielt. Zum Beispiel im Stuttgarter AT.
stai: Dream Talk heißt diese starke Platte, die 1964 erschienen ist, und jetzt – leider bloß in Japan – wieder aufgelegt wurde.
EW: Ja, da muss ich ein bisschen mit Wolfgang Dauner schimpfen. Sonst wäre sie vielleicht bei ECM wieder erschienen. )
~ Thomas Staiber