Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Watts Ernie)
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Ernie Watts, 12.10.2007 Bix
Wie klingt Routine? Ausgelutscht, abgedroschen, vorhersehbar. Nicht so der 61-jährige US-Saxophonist Ernie Watts. In den letzten vierzig Jahren hat der über 500 Platten aufgenommen, mit Aretha Franklin, Barbra Streisand, den Rolling Stones, mit Frank Zappa, Count Basie, Thelonius Monk, Charlie Haden, Gilberto Gil, Miles Davis, den Los Angeles Philharmonikern gespielt, er hat Grammys ( „Tootsie“, „Die Stunde des Siegers“, „Grease“) bekommen und sich einen Namen als Sideman und Bandleader gemacht.
In Deutschland tourt Watts mit dem sehr gut eingespielten Trio des Jazzpianisten Christoph Sänger aus Wiesbaden. Nicht von ungefähr heißt das erste Stück des weitgereisten Holzbläsers „Road Shoes“, eine fulminante Originalkomposition, die ihn als herausragenden Saxophonisten in der Coltrane-Nachfolge ausweist. Nahezu unerschöpflich scheint sein Ideenreichtum beim Improvisieren, seine Virtuosität ist stupend, der Ton scharf, aber rund, sein Vortrag heiß. Von Warm-Up-Problemen keine Spur, Watts läuft sofort zu Höchstform auf – sehr zur Freude des zahlreich erschienenen Publikums im - wie stets - akustisch bestens eingestellten Bix. Er erweist sich im Verlauf des Konzerts als einer, der ganz unterschiedliche Varianten des modernen Jazz verarbeitet und zu einer eigenen Spielweise gefunden hat. „Road Shoes“ ist eine Nummer aus dem aktuellen Album „Analog Man“, das Frau Watts in der Pause am Bühnenrand verkauft. „Ich bin wohl der letzte Jazzer, der keinen PC hat, halt der Analog Man“, sagt Watts lachend und macht dann abfällige Bemerkungen über erfolgreiche Soft-Jazz-Interpreten wie Norah Jones.
Bei Watts’ Chorussen, die über einem dichten Rhythmusgeflecht emporsteigen, kann einem auch ohne elektronische Loops schwindelig werden. Für solistische Entlastung sorgen immer wieder die drei deutschen Jazzer, allen voran der äußerst fingerfertige Pianist Sänger. Bassist Rudi Engel sorgt für ein sicheres Fundament und tritt gerne aus der Rolle des Begleiters heraus. Auch Heinrich Köbberling ist kein „Rhythmusknecht“, sondern ein filigraner Schlagzeuger, der punktgenau zu reagieren vermag. Faszinierend, wie die Vier sich gegenseitig Freiräume verschaffen, wie intuitiv das Zusammenspiel ineinander greift. Die schnellen Kompositionen von Watts wurzeln tief in der Be-Bop-Tradition, kommen aber knackig frisch, ganz ohne Patina herüber. Watts spielt sein Keilwerth-Horn eher hart und angriffslustig, aber nie spröde, stets volltönend. Auch lyrische Passagen geraten nie wolkig, immer geht es um klare Konturen. Das gilt selbst für liebevolle Balladen, bei denen er zum hellen Sopran greift. Die Klangfarben wechseln, wenn das Quartett sich mal in freiere raue Jazzgefilde begibt, dann arabische Skalen hinaufklettert, oder wenn Watts eine wunderbar tönende Zedernholzflöte spielt und ein indianisch inspiriertes Lied intoniert, den „Spirit Song“. Aber das Gebot der beiden Konzertstunden in den verschiedenen klanglichen Kontexten bleibt stets dasselbe: Originalität und Eindringlichkeit.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber