Artikel geschrieben am: 01.01.70

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United Jazz & Rock Ensemble: Abschied, 30.11.02 Theaterhaus
Kein leises Servus zum Abschied – das United Jazz & Rock Ensemble setzte – souverän wie eh und je - an das Ende ihres Bestehens ein markantes Zeichen. Ein über dreistündiges fulminantes Abschlusskonzert im vertrauten Theaterhaus - ein Ausrufezeichen! „Ciao, Leute, danke, das war’s!“ Erst mit der Zeit werden die Leute, werden wir verstehen, was das heißt: Doch auch in der Band der Bandleader rumort es. Wie ein Paar, das sich trennen will, gibt es im letzten Moment Rückzugsphantasien. „Die Meinungen sind teilweise geteilt“, formuliert Albert Mangelsdorff. Er, Wolfgang Dauner und Werner Schretzmeier könnten sich eine Reunion Band durchaus vorstellen. Vielleicht schon an Ostern im neuen Domizil auf der Prag. Der Bandintellektuelle Volker Kriegel dagegen sagt: „Ja nicht auströpfeln lassen! Diese Farewell-Tournee als glänzender Abschluss ist dem United angemessen. Für mich gibt’s da kein Zurück.“ Viel hängt auch von Barbara Thompson, der englischen Saxophonistin, ab. Ob ihr Gesundheitszustand eine „Wiederkehr“- wie sie ihre jüngste Komposition genannt hat - erlaubt, scheint fraglich.
Die Langspielplatte „Live im Schützenhaus“ hatte vor 27 Jahren eingeschlagen wie ein Blitz. Dieses neue Tentett war für viele dieser Generation eine musikalische Offenbarung. Ich selbst habe kaum ein Konzert erlebt, bei dem eine solche Stimmung herrschte. Die Konzertbesucher entdeckten eine neue Musik und spürten zugleich: Das ist der Sound, auf den wir gewartet haben, das ist ja unsere Musik!
Auf dem knackig federnden Rock-Fundament von Jon Hiseman, dem kolossal starken Drummer mit dem punktgenauen Punch, über den suggestiv schwebenden Basslinien von Eberhard Weber blühten einprägsame Eigenkompositionen auf. Messerscharf geschliffene Bläsersätze, die wie Fanfarenstöße den Klangraum durchschnitten, virtuose, spannende Jazz-Soli von unverwechselbaren Einzelkönnern. Gerade die Synthese von Freiheit und Ordnung, von auskomponierten Teilen und spontaner Improvisation mit einem Schuss Free Jazz machte einen Gutteil der Faszination des United aus. Und natürlich die Persönlichkeiten:
Barbara Thompson, die hingebungsvolle Saxophonistin und Flötistin, brachte eine kraftvolle Note ins maskuline Gruppenbild mit Dame. Dazu der bärenstarke Jon Hiseman, ihr Gatte mit dem Rhythm-Stick. Dann Eberhard Weber, der als erster ausstieg und von dem funkigen Dave King ersetzt werden musste. Oder Volker Kriegel mit der roten Gibson, das komponierende Multitalent mit dem schrägen Lächeln und den süß schmelzenden Harmonien. (Für ihn kam zuletzt Peter O’Mara in die Band.) Albert Mangelsdorff, der deutsche Vorzeigejazzer mit diesem einmaligen mehrstimmigen und obertonreichen Posaunenspiel. Charlie Mariano, der liebenswerte Erbe von Coltrane und Parker, für den später einer der besten europäischen Holzbläser einstieg: Christof Lauer. Die Blechbläser Ian Carr, Ack van Rooyen und Kenny Wheeler (neuerdings von Rüdiger Baldauf ersetzt), die diesen markanten Bläsersatz bildeten und von denen jeder hervorragend soliert. Und schließlich Wolfgang Dauner, der überragende Komponist und Jazzpianist aus Stuttgart, , ohne den - als Primus Inter Pares - das demokratisch funktionierende „United“ schon längst ein „Divided“ geworden wäre.
Ohne die organisatorische Energie und persönliche Integrität von Werner Schretzmeier allerdings, dem Theaterhaus-Meister, wäre diese Formation gar nicht erst entstanden. Mitte der 70-er Jahre liefen in der ARD die – recht geistreichen - Familienserien „Goldener Sonntag“ und „Elfeinhalb“. Für ein prägnantes musikalisches Signal würfelten Schretzmeier und sein Freund Dauner damals eine Studio-Band zusammen: die Geburtsstunde des „United Jazz & Rock Ensemble“, das– immer unter Schretzmeiers Regie - in knapp 30 Jahren zahlreiche erfolgreiche Tourneen absolvierte und im musikereigenen Label mood records (Versand: 2001) immerhin an die 400.000 Tonträger verkaufen konnte.
Doch der Zahn der Zeit nagte auch an diesem phänomenalen Klangkörper, der erfolgreichsten All-Stars-Band Europas. Alter und Krankheiten sorgten für Unruhe. Animositäten nach missglückten Projekten (Ellington-Bearbeitungen) gab es gelegentlich auch mal. Kein Wunder nach so vielen Jahren. Vier von elf Bandmitglieder mussten sukzessive ersetzt werden. Der Anfang vom Ende? Lieber ein finaler Schnitt als ein Ensemble von Jazz-Rentnern? Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende?
Das United Jazz & Rock Ensemble, das uns so viele Jahre so viele intensive Momente beschert hat, sagt selbstbewusst und gut gelaunt „Ciao!“ Auf seine Weise: Mit der vollen Wucht, mit der ganzen Präzision, mit aller Empfindsamkeit, die diese mitreißenden, zu Klassikern des Rock-Jazz gewordenen Nummern auszeichnen. Mit der humorvollen Abgeklärtheit und Souveränität, mit der sympathischen Menschlichkeit, die diese Musiker ausstrahlen. Mit Dauners Kracher „Be-Bop Rock“ - eingeleitet durch eine pianistische Meisterleistung - und Kriegels Gute-Laune-Nummer „Circus Gambet“ schloss sich der Kreis vom Schützenhaus 1977 bis zum letzten umjubelten Heimspiel im Theaterhaus 2002. Stehende Ovationen, Feuerwerk, Lamettaregen, Blumen: „Danke, ade, macht’s gut!“
Thomas Staiber

Ein (bereits ausverkauftes) Wiederholungskonzert findet am 3. 12. 02 im Theaterhaus statt.

P.S. www.ujre.net/history-d.htm (witzige Cartoons der Bandmitglieder von Volker Kriegel)


~ Thomas Staiber

Deko Füller
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