Artikel geschrieben am: 19.03.10
Ein Jazzer wie von der Musikindustrie konfiguriert: nicht zu glatt und nicht zu schwierig, jung, selbstbewusst, recht gut aussehend. Der 32-jährige Bonner – vom Spiegel als „deutsches Jazz-Wunder“ gepriesen - hat einen so geschmeidigen Trompetenton und seine seit Jahren eingespielte Band klingt derart homogen, dass man sich in diese Musik am liebsten hineinfallen lassen möchte wie in ein Matrazenlager. Hard-Core-Fans, denen Jazz nicht stachelig genug sein kann, waren gar nicht erst ins Bix gekommen. Doch der High-Tech-Club platzte auch so schier aus den Nähten. Genießer und Genießerinnen unter sich.
Und die sollten ein paar Überraschungen erleben. Beim jüngsten Jazzprojekt, seiner sechsten CD mit dem schlichten Titel „6“, die er im Bix präsentiert, spricht Wülker von einem Experiment und betätigt sich als Sänger. Das sollte er in Zukunft aber lieber lassen. Dafür ist er als Trompeter ein begnadeter Melodiker und improvisiert astrein, obwohl er erst spät zum Jazz fand. „Als Sechzehnjähriger wusste ich nicht, wer Miles Davis war“. Dann allerdings hat’s gefunkt - wie bei einer großen Liebe. (Die hat er im wirklichen Leben gefunden und ist deshalb von Berlin nach Hamburg gezogen.)
Überrascht sind auch viele Bix-Besucher, dass Wülkers nicht mehr seinen wolkenweichen Wellnessjazz macht, sondern frisch und knackig, ja tanzbar daherkommt. Auf der Bühne wird ordentlich gerockt und gegroovt. Und im Publikum allenthalben genickt und gewippt. Das liegt am kräftig zupackenden Schlagzeuger (Jens Dohle), am ruhig pulsierenden Bass, an den schwebenden Klangtupfern des Keyboarders Lars Duppler, aber vor allem an Arne Jensens E-Gitarre, die mit jubilierender Rock-Wucht und elaborierter Jazz-Eleganz den Klangraum durchblendet. Wülkers musikalisches Alter Ego ist der Saxophonist Jan von Klewitz. Die beiden Freunde, die seit der Schulzeit miteinander Musik machen, verstehen sich blind. Sie bilden einen höchst präzisen Bläsersatz und beflügeln sich gegenseitig zu solistischen Höchstleistungen. Faszinierend ist auch der Band-Sound, der wie alle Kompositionen deutlich erkennbar Wülkers Handschrift trägt. „Running Circles“ heißt eine der tollen Up-Tempo-Nummern, „Runout“ eine andere. Wenn jedoch allzu viele hochenergetische Stücke aufeinander folgen, kann das ermüden, und das Konzert verliert an Glanz. Das muss Wülker gespürt haben: Er entlässt das Publikum mit „Glow“, einer glutvollen Ballade, deren wunderbar weiche und warme Flügelhornmelodie noch lange auf dem Heimweg nachklingt.
~ Thomas Staiber
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