Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Trummer, Czichowsky, Ambros 5.11.2009)

Jazztage XL, Olivia Trummer, Jo Ambros, Anne Czichowsky, 5.11.2009
Als die junge Pianistin mit blassem Teint und schwarzem Haar sich an den geöffneten Flügel setzte und ihre schlanken Hände die Tasten von Elfenbein und Ebenholz berührten, verwandelte sich der schicke High-Tech-Jazzclub Bix flugs in einen Ort der Romantik. Volksliedhafte Gedichte des Freiherrn von Eichendorff wurden vertont. Zur anmutigen 24-Jährigen gesellten sich Fagottist Libor Sima und Klarinettist Claudio Puntin, zwei meisterhafte musikalische Wegbegleiter. „Es war als hätt’ die Erde den Himmel still geküsst, dass sie im Blütenschimmer nun von ihm träumen müsst“ – so klang in einer mondhellen Novembernacht das Trio. Erstmals erlebte man die Pianistin bei ihrem wohl vorbereiteten Projekt als Vokalistin. „Schläft ein Lied in allen Dingen“. Sehnsuchtsvolle Lieder aus der Romantik über Burgruinen, Waldesrauschen, Liebeslust und Liebesleid intonierte sie mit heller Stimme und glockenklarem beseeltem Klavierspiel, das die beiden Holzbläser mit warmen tiefen Bassklängen begleiteten. Während das Fagott eine kleine Reihe von Tönen scheinbar endlos wiederholte, schnarrte die sehr einfallsreich und virtuos bediente Bassklarinette, beflügelt vom Tastenspiel der jungen Frau. Doch nicht Vergangenes verklärend gingen die Drei zu Werk. Mit den Mitteln des zeitgenössischen Jazz, mit Euphonie und „Allerleirauh“, Harmonie und Dissonanz holten sie die Eichendorff-Texte in unsere Gegenwart. Sehr zur Freude des überwiegend jungen Jazzpublikums.
Im Kraftfeld von Wohlklang und Reibung bewegte sich auch der Jazz, den - einen Steinwurf entfernt - Landesjazzpreisträger Jo Ambros an der Gitarre und Schlagwerker Uwe Kühner in der Kiste machten. Fernöstliches mischte sich da mit schwirrenden Klangflächen einer E-Gitarre, die vertraute Wärme einer akustischen Gitarre mit dem Hall balinesischer Gamelan-Gongs, bis eine ganz besondere Atmosphäre entstand, in der Schwebendes und Festes zueinander fanden. Herzlicher Beifall der Jazzfreunde im kleinen stimmungsvollen Club.
Unterdessen hatte mit Anne Czichowskys und ihrer neuen Formation Re-Bop das zweite Abendkonzert im Bix begonnen. Auf den Spuren des Vokalensembles der 1950-er Jahre Lambert, Hendricks & Ross bewegten sich die gesanglich dominierende Combo-Chefin, Jennifer Rüth und Wolf-Dieter Rahn, begleitet von einem federnd swingenden Klavierttrio mit dem intensiv und geschmackvoll spielenden Peter Gromer, dem melodisch klingenden Kontrabass von Axel Kühn und dem lockeren Punch von Drummer Marcel Gustke. Wie weggefegt war alle Wehmut, überbordende Sangeslust und gute Laune machten sich breit – auf der Bühne und im ganzen, wie immer hervorragend beschallten Bix. Weich und warm „In A Mellow Tone“ oder temperamentvoll sprühend bei „Benny’s Tune“.
Und doch: Das spannendste Konzert der Festivalnacht dieser 30. Stuttgarter Jazztage war der Jüngsten gelungen: der klugen Musikerin und gefühlvollen Musikantin Olivia Trummer. Chapeau!
Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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