Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Tomasz Stanko 06)

Tomasz Stanko, Theaterhaus – 23.9.2006
Ein halbes Jahr nach dem begeistert aufgenommenen Konzert der Sängerin Anna Maria Jopek war im Theaterhaus ein anderer großer Jazzmusiker aus Polen zu Gast. Der Trompeter Tomasz Stanko betrat unter dem Beifall des Publikums – darunter zahlreiche Polen - die Bühne. Auf Ansagen in ihrer konsonantenreichen Heimatsprache oder auf Deutsch wartete man allerdings vergeblich. Doch die Musik entschädigte für die Stummheit der Sprache.
Stanko, ein herausragender europäischer Jazzer, hat vor dreißig Jahren einen Wandel vollzogen. Seit seinem Wechsel zu Manfred Eichers ECM-Label ist aus dem jungen Wilden ein Freund des wohltemperierten Jazz geworden. Ein Schönwetterspieler, ein Harmonienverkäufer ist er deshalb allerdings keinesfalls, zu sehr hat er die Wildheit und die rauen Seiten des Free Jazz verinnerlicht. Natürlich schwebt auch ihm der Traum vom geglückten Leben vor, also spielt er mitunter sehr schön, aber die Hindernisse, die der Erfüllung im Weg stehen spielt er gleich mit: Das ist Jazz. Stanko umgibt seinen ungedämpften Trompetenton mit so viel Raum und spielt so luftig, dass mancher schon die Augen schließt und an Chet Baker oder den großen Miles denkt.
Zusammengetan hat sich der 64-Jährige mit einem jungen Trio von Landsleuten um den Pianisten Marcin Wasilewski, der sich heute schon zur Handvoll der besten europäischen Tastenkünstler zählen darf.
Behutsam, aber nicht zaghaft findet das Quartett in die Improvisation. Ein flirrendes Becken, ein Akkordtupfer des Pianisten, vom tiefen Schwingen eines warmen Kontrabasstones unterlegt, öffnet Stanko den Klangraum. Ein verhangener Trompetenton schwebt herein wie von weit her. „Lontano“ heißt die Komposition. Doch ehe man sich versieht, kommt Fahrt in die Nummer. Sie wird härter, schneller, zupackender. Die nervöse Unruhe des Rhythmus lässt an nächtliches Großstadtgetriebe denken. Die Urbanität des Jazz verdrängt das Idyll. Etwas Bedrohliches verbirgt sich darin, Grelles kommt blitzartig zum Vorschein, während der Rhythmus treibt und treibt. Es folgt „Kattorna“, eine Komposition, bei der Stanko schon 1965 in der Gruppe des legendären Krzysztof Komeda mitgewirkt hat.
Das aktuelle, ausgezeichnet eingespielte Quartett fährt fort mit atemlosen Jazz ohne jeden Leerlauf. Stanko blendet in sein luftiges lyrisches Spiel gelegentlich harte dramatische Attacken ein, die wie triumphierende Fanfaren klingen. Doch in Wirklichkeit bleibt er ein Melancholiker, der spielerisch auf seiner Distanz zur Schnelllebigkeit und Flüchtigkeit zu bestehen scheint. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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