Artikel geschrieben am: 29.01.10

Julian Lage Group + Ulita Knaus & Band,


Entdeckung und Enttäuschung?

Hätte Django Reinhardt, der wohl größte Jazzgitarrist aller Zeiten, das Konzert dieses 22-jährigen Amerikaners erlebt, er wäre bestimmt hellauf begeistert gewesen. Julian Lage, der seinen Nachnamen französisch ausspricht, trägt das Erbe des 1953 bei Paris gestorbenen Saitenkünstlers weiter und führt es auf aufregend frischen Pfaden mitten hinein in unsere Gegenwart. Lage ist ein virtuoser Gitarrist von erstaunlicher künstlerischer Reife, der unter elegant geschwungenen Bögen zu Herzen gehende Melodien spielt. Auf seiner akustischen Gitarre improvisiert er dicht am Mikrophon stehend, mit seinen jungen Kollegen lächelnd Blicke austauschend, sodass man mit geschlossenen Augen phasenweise glaubt, Django Reinhardt selbst zu hören. Das Quintett ist hellwach und hoch konzentriert. Das muss es auch sein, denn die Kompositionen und Arrangements sind gespickt mit überraschenden Brüchen und Tempowechseln. Die musikalischen Brücken führen in immer neue leuchtende Klanglandschaften. Das wirkt nicht kühl konstruiert, sondern spontan und heiter: Jazz, der Freude bereitet.

Der Cellist erzeugt schabende Geräusche, aus denen sich ein Rhythmus entwickelt, den der Schlagzeuger mit bloßen Händen aufnimmt und temperamentvoll multipliziert. Der Kontrabassist lässt darunter con arco einen einzelnen tiefen Ton stehen. Nun folgt eine Straight-Ahead-Passage, von der sich die Combo mitreißen lässt wie ein Floß von einem Wildwasser. Der Tenorsaxophonist reißt mit heißen Tönen den Klangraum auf, bevor Julian Lage wunderbar fließend und warm zu improvisieren beginnt. Mit seinem Gefühl für musikalische Schönheit und den überraschenden Brüchen, aus denen immer wieder neue Melodien aufblühen, fasziniert er das Publikum im Theaterhaus. Das Quintett begeistert mit einer eigenwilligen Version von Heftis „Li’l Darling“ und schließlich mit einer tollen jazzigen Bluegrass-Nummer, an der auch Django Reinhardt bestimmt seine helle Freude gehabt hätte.

In andere Klangräume führte das zweite Konzert der Jazznacht. Vor einem großen magentafarbenen Rechteck agierte in schummrigem Licht das Klavierttrio der Hamburger Jazzsängerin Ulita Knaus. Schon an Ostern bei den Jazztagen konnte die blonde Vokalistin nicht so recht überzeugen. Nun – nach dem fulminanten Auftritt des blutjungen amerikanischen Quintetts – wirkte die Musik ziemlich eintönig und mit der Zeit langweilig, die Bühnen-Show der Vierzigjährigen mit der betont femininen Figur und der nicht allzu voluminösen Stimme bemüht verführerisch. Sicher, im Repertoire befanden sich süße, träge fließende Balladen, die heiße Vulkannummer „Too Hot To Ignore“ und das beschwingte „Fly“. Die Band spielte durchweg routiniert geschmackvoll, auch die Chorusse von Pianist Mischa Schumann waren aussagekräftig, und die Dame intonierte stets sauber. Das Publikum applaudierte brav.

Doch erst als zur Zugabe die jungen Amis auf die Bühne zurückeilten, und alle neun Musikanten miteinander die brasilianischen Komposition „No More Blues“ von Jobim in ausgelassener Freude spielten, stellte sich wieder große Begeisterung ein.


~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild