Artikel geschrieben am: 01.01.70

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Jacky Terrasson Trio „Smile“/ Nils Landgren „Sentimental Journey“ + Rigmor Gustafsson + Flesh Quartet - Jazznights (Karsten Jahnke) , Theaterhaus, 07. 10. 03
Der Mann liebt es heiß und süß. Ein Jahr währt nun schon die süße Phase. So lang nämlich befindet sich Nils Landgrens mit seiner roten Posaune im Gepäck auf seiner „Sentimental Journey“. Bei Karsten Jahnkes Jazznights - zum ersten Mal im Theaterhaus – glitt der charmante Schwede geschmeidig wie ein Delphin durch die angenehm warm ausgestalteten Klangräume. Musik zum Träumen. Aus seinem Hang zur Sentimentalität macht Landgren keinen Hehl. Mit unprätenziöser und verletzlicher Bubenstimme singt er „This Masquerade“ oder „I Will Wait For You“. Das ist, wenn man nicht ein Herz aus Holz hat, richtig anrührend. Landgren bringt mit souveränem Posaunenspiel und seiner stets ein wenig heiseren Stimme bei vielen eine emotionale Saite zum Schwingen, und sie spenden dem „abgeklärten Crooner“ (Programmheft) herzlich Beifall. Die weibliche Gegenstimme gehört der schwedischen Jazzvokalistin Rigmor Gustafsson, die - aber mit deutlich weniger Bühnenausstrahlung als ihr Bandleader - die Balladen mitsingt. Um das Publikum nicht vollends in wohlige Schaumbadmusik zu tauchen, ist das Flesh Quartet angehalten, mit verzerrten Streicher-Sounds das Ganze aufzurauen, während Deutschlands Jazzelite (Pianist Roberto Di Gioa, Bassist Dieter Ilg und Wolfgang Haffner am Schlagzeug) geschmackvoll begleiteten. So klang mit Gloria Gaynors immergrünen Disco-Nummer „I Will Survive“ die Jazznight vor bloß dreihundert Besuchern aus, ohne dass der Funke – wie beim letztjährigen Konzert im Mozartsaal – wirklich übergesprungen wäre.. Die deutsch-schwedische Doppelband wirkte ein wenig inkohärent, müde und überspielt. Am Keyboard saß bei der Zugabe ein gewisser Jacky Terrasson, der mit seinem Trio den ersten Teil des Doppelkonzerts gestaltet hatte.
Der Sohn einer schwarzen Amerikanerin und eines weißen Franzosen hat Berlin das Licht der Welt erblickt, er hat Dee Dee Bridgewater in Paris begleitet und kam schließlich in New York mit seinem Trio und einer starken Version von Cole Porters „I Love Paris“ und verjazzten Chansons bei Blue Note groß heraus. Sein aktuelles Projekt „Smile“ (eine Chaplin-Komposition) stellte er nun in Stuttgart vor. Nach wie vor bringt er Europa und Amerika, bringt er Klassik und Jazz einander nahe. Der Jazz als rauer, kräftig zupackender Kerl begegnet der modernen Klassik (von Ravel oder Poulenc), die sich verträumt im Walzertakt dreht wie ein kluges verliebtes Mädchen. gegensätze ziehen sich an, aber die Allianz funktioniert, weil sie von Liebe getragen ist.
Terrassons spürbare Zuneigung zur Musik, seine technischen Fertigkeiten, seine Wildheit, die in einem kultivierten Klaviervortrag aufgehoben ist, findet das Publikum faszinierend. In seinem Schlagzeuger Eric Harland hat er einen sensibel-kraftvollen Wegbegleiter, während Bassist Sean Smith allzu haushälterisch mit seinen Fähigkeiten umgeht. Glänzend wie das Trio den Rhythmus zum Rollen bringt, bis er in alle Glieder fährt, um endlich das Thema aufblühen zu lassen. Großer Jazz in einer halbleeren Halle. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild