Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Tempel BW02)

Rainer Tempel – Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg 2002
Von der Jazzmuse geküsst
Einer, der die Geographie des Lebens wie so viele andere quasi auf Schienen durchquert, ist Rainer Tempel gewiss nicht. Dem jungen Komponist, Arrangeur und Pianist gönnen wir den Jazzpreis wirklich. Nicht nur wegen des Geldes ( 12.500 € ), das er als Leiter einer nicht-subventionierter Big Band natürlich gut brauchen kann. Vor allem wegen des außergewöhnlichen musikalischen Potenzials, das ihn stimuliert, und wegen des unternehmerischen Wagemuts, mit dem er seine Jazzprojekte verwirklicht, hat er diese bedeutende Auszeichnung verdient.
In Tübingen, wo Rainer Tempel vor 31 Jahren auf die Welt kam, hat diese Nachricht Freude ausgelöst. „Da haben sie den Richtigen ausgewählt“, meint etwa Claus Stötter, der Ausnahmetrompeter und Wegbegleiter Tempels. „Der hat’s echt verdient“, heißt es auf der ganzen Szene im Land.
Wie erhält einer in jungen Jahren so viel Anerkennung wie andere talentierte Jazzmusiker in ihrem ganzen Leben nicht? Zunächst nichts besonders Auffälliges: Mit sieben Jahren Klavierunterricht, Leistungskurs Musik, Abitur, drei Semester Jura. Aber dann der Bruch. Ab da hieß es nur noch: Musik, Musik, Musik. Jazz vor allem, aber auch die Liebe für die Klassik hat Tempel nicht verdorren lassen und zeigte – für junge Leute nicht ganz untypisch – ein gewisses Faible für tanzbare Tunes, für anspruchsvollen Rock und Pop.Er studierte bei Martin Schrack in Nürnberg fünf Jahre Jazzklavier und gründete noch während seines Studiums (!) die Rainer Tempel Big Band, um im eigenen Orchester seine Kompositionen („Ups And Downs“, „Stadt-Land-Fluss“, „Albaufstieg“ oder „White Song“) auszuprobieren. Das tat er derart erfolgreich, dass zahlreiche Kompositionsaufträge und Gastdirigate bei großen deutschen Big Bands die Folge waren.
1999 bot sich Tempel anlässlich des 100. Geburtstags von Duke Ellington die Chance, mit einem Jazztrio, vier Streichern und dem Tübinger Trompeter Claus Stötter so bekannte Nummern wie „Take The A-Train“ oder „Lush Life“ zu arrangieren. Wie alles, was der junge Mann mit den großen Augen und dem empfindsamen Blick anpackte, meisterte er auch diese Herausforderung bravourös. Unter dem lautmalerischen Titel „Suite Ellington“ erschienen letztes Jahr bei „Jazz’n’Arts“ reizvolle Aufnahmen mit exzellenten Solisten.
Tempel verzichtet inzwischen darauf, selbst Klavier zu spielen, sein Instrument ist das Jazzorchester. Das „Album 03“, eine soeben veröffentlichte CD, gibt beredt Auskunft darüber, wie gut er dieses Instrument beherrscht, wie angenehm die Klangbäder sind, wie melodiös und doch scharf geschliffen die Bläsersätze. Dabei kann es statt des üblichen Thema-Soli-Tutti-Thema-Schemas schon einmal vorkommen, dass ein Tempel-Stück drei Anfänge, aber keinen Schluss hat, oder dass die dichte fünfköpfige Rhythmusgruppe für ein paar Minuten nichts zu tun hat, während die Bläser blasen.
Live-Auftritte der Rainer Tempel Big Band sind kurzweilig: Nicht nur wegen der witzigen Moderation des Dirigenten, sondern natürlich vor allem wegen der Strahlkraft, der Wucht und den lebendigen Klangfarben seines Jazzorchesters. Das Preisträger-Konzert findet am 17. November um 19h30 im Tübinger Sudhaus statt. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild