Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Strasser, Hugo 28 10 2008)

Hugo Strasser – German Jazz Trophy 2008, Gustav-Siegle-Haus
Mit sechs spielte er im Bayerischen Rundfunk Mundharmonika. Später hielt ihm einer eine Klarinette hin, und Hugo Strasser blies hinein. Es krächzte erstaunlicherweise nicht, dem Instrument entstieg ein weicher Ton, der dem Knaben wohl gefiel. „Dieser Sound ist immer noch mein Kennzeichen“, sagte der heute 86-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln, als ihm der um drei Jahre ältere Erwin Lehn die German Jazz Trophy 2008 in Form einer Hajek-Kleinplastik überreicht. Zwei lebende Swing-Legenden umarmten sich unter dem lebhaften Beifall des Publikums auf der Bühne des Stuttgarter Gustav-Siegle-Hauses.
Strassers Vorliebe für den Swing begann, als in Nazi-Deutschland der Marsch in den massenhaften Tod befohlen wurde. Nach dem Krieg war Schluss mit Gleichschritt Marsch, und es hieß nicht mehr: Swing Tanzen verboten. Jetzt schlug die Stunde von Hugo Strasser. Jazzmusiker wie er eroberten die Keller und Clubs, später die Ballsäle. Die Rundfunkanstalten erfreuten das Ohr mit swingender Live-Musik. Die Menschen wollten nichts mehr von der Vergangenheit wissen und sehnten sich nach Wohlstand und einer heilen Welt – nicht nach stacheligem Modern Jazz, eher nach Schnulzen. Hugo Strasser erkannte die Zeichen der Zeit und schrieb Schlager auf Schlager. Allein „Das Edelweiß vom Wendelstein“ spielte so viel ein, dass sich Familie Strasser ein Haus am Chiemsee bauen konnte. Mit dem Verband der Tanzlehrer schloss er in weiser kaufmännischer Voraussicht einen Vertrag, der ihm quasi das Monopol der deutschen Tanzstundenmusik einbrachte. Von nun an verkaufte er über sechs Millionen Platten. Zu seinen LPs wie „Schicke Tanzmusik“, „Das Goldene Tanzalbum“ oder „Filmhits zum Tanzen“ versuchten Generationen von Schülern die richtigen Rumba- oder Foxtrottschritte zu lernen. Strasser spielte mit seinem Orchester inzwischen bei Tanzweltmeisterschaften und großen Bällen. Er, der damit kokettiert, nicht tanzen zu können, lockte schwäbische Journalisten, hessische Heilpraktiker oder friesische Frisöre mit den jeweiligen Damen scharenweise auf die Tanzfläche. Wie Markus Brock bei seiner gewohnt charmanten Moderation treffend sagte: „Strasser spielt, und der Saal tanzt.“
Natürlich wundert sich nun mancher, dass ausgerechnet so einer die German Jazz Trophy mit dem Untertitel „A Life For Jazz“ erhält – zum achten Mal übrigens ausgelobt von der Sparda-Bank, der Jazzzeitung und der Kulturgesellschaft Musik und Wort. Sollte er nicht vielmehr das goldene Kleeblatt der Tanzlehrergilde erhalten?
Doch wer - wie das Publikum im voll besetzten Siegle-Haus - das Konzert mit Hugo Strasser und den fünf Jazzern der SWR-Bigband erlebt hat, spürte deutlich, woher der Wind weht. Nämlich herüber aus der großartigen Ära des Swing. Da wippten im Saal die Füße, nickten die Köpfe, lächelten Lippen. Besonders schön kam Strassers runder und süßer Klarinettenton bei Balladen zum Tragen: bei „Stardust“, seiner Lieblingsmelodie, oder bei Ellingtons wunderschönem Blues „Creole Love Call“. Einmal verwandelt sich die Combo unter der Leitung von Pianist Klaus Wagenleiter gar in Alexander’s Ragtime-Band, bevor mit „Petite Fleur“ der Abend warmherzig ausklang und es wieder einmal hieß: Hugo Strasser war in der Stadt. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild