Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: StN Chicago)
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Brass-Rock trifft Mainstream
Chicago: Jazzrock und BalladenFoto: Franziska Kraufmann
Stuttgart - Gespannt warten 4200 Menschen auf dem Pariser Platz nach dem Auftritt der empfindsam und kraftvoll singenden Helen Schneider und ihrer vorzüglichen Band (Jo Ambros, Gitarre, Mini Schulz, Bass, und Obi Jenne, Schlagzeug) auf die acht Männer aus der Stadt am Michigansee.Würde Chicago den einst progressiven Brass-Rock machen oder glatten Mainstream spielen, würden sie sich von dem Wort "Jazz" im Festivalnamen inspirieren lassen oder bloß Kuschelballaden präsentieren? Die Antwort am Ende: von allem etwas. Und die Erkenntnis: Hervorragend gelingen die alten Lieder, besonders die leiseren.
Von der Urbesetzung sind nur noch Keyboarder und Komponist Robert Lamm, Trompeter Lee Loughnane und Posaunist James Panlow da. Doch erstaunlicherweise klingt Chicago immer noch fast wie Chicago. Bassist und Sänger Jason Scheff kann Pete Cetera zwar nicht vergessen lassen und Gitarrist Keith Howland ist kein Terry Kath. Doch das Gefüge stimmt, der Sound passt: Ein knallharter Groove verdichtet den Klangraum, die E-Gitarre schneidet sich metallisch ihre Bahn, die Bläsersätze - anfänglich ein wenig zu leise abgemischt - kommen scharf wie ein Riff. Von "Dialogue" führt eine kurze Brücke direkt zu "Ballet", und der musikalische Staffellauf geht nahtlos weiter. Bei "Colour My World" taucht die Lichtregie die Bühne in ein tiefes Purpur, die Querflöte klingt, als ob ein Hirte sie spielte, und Robert Lamm singt das Lied, bei dem sich schon so viele Liebespaare umarmt haben. Doch schon dröhnt das Schlagzeug, ertönt dreistimmig die Fanfare, aus der sich tief tönend die Zugposaune hervorhebt, der Rhythmus zieht an, eine hohe Stimme (Scheff) singt "Make Me Smile". Deutlich fallen gegen das alte Material die neueren Nummern ab. "Presswurst" kommentiert abfällig ein Besucher. Doch schon bei "If You Leave Me Now" blickt er wieder zufrieden drein. Dem Crescendo der Bläser antwortet der kleine Männerchor.Lee Loughnanes Trompete jubiliert in den höchsten Tönen, das Saxofon spielt scharf und schnörkellos. Die Erwartungen des anspruchsvollen Publikums werden erfüllt. Jubel und Partystimmung allenthalben. Man schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, schön im Takt. Zur Belohnung gibt es ein Überraschungsbonbon: Glenn Millers "In The Mood". Die Songs von Chicago haben sich im kollektiven Gedächtnis der Menschen eingebrannt. Ihre Erfolgsstory kann Chicago nur weiterschreiben, wenn die hohe Qualität der alten Lieder nicht durch schwächere neue Nummern aufs Spiel gesetzt wird.
Thomas Staiber
17.07.2008 - aktualisiert: 17.07.2008 10:08 Uhr
~ Thomas Staiber