Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Spalding, Esperanza 5.9.2010)
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Esperanza Spalding: Chamber Music Society. Heads Up. 13.8.2010
Grazie und Groove
Obama und Prince finden sie toll. In aller Bescheidenheit: wir auch. Esperanza Spalding, die so gut Kontrabass spielt und singt, ist eine Hübsche, der die Herzen des Publikums zufliegen. Im Stuttgarter Jazzclub Bix konnte das man letztes Jahr erleben. Sie hat die Figur eines Mannequins, einen cool-glamourösen Style und ein liebes Gesicht, das oft und gern unter einer riesigen Afrofrisur hervorlacht. Dazu hat Esperanza Spalding allen Grund. Die dreisprachige Musikerin gilt als Shooting-Star der Jazz-Szene und schwebt seit ein paar Jahren auf Wolke sieben. Zweimal schon hat sie Obama zum Konzert ins Weiße Haus gebeten und - als er den Nobel-Preis erhielt - nach Oslo. Eine große Ehre für das dunkelhäutige Mädchen: In einem historischen Moment vertrat sie die amerikanische Musik.
Prince, der neuerdings seine CDs als Zeitungsbeilagen gratis verteilt, hat im amerikanischen Fernsehen verkündet, dass er die Kontrabassistin mit dem hoffnungsvollen Vornamen „anbetet und ihr den Hof macht“.
Bevor es zu solchen Ehren kam, hat Esperanza Spalding richtig geschuftet. Seit sie sechzehn ist, kann sie von ihrer Musik leben, seit sie zwanzig ist, unterrichtet sie Kontrabass am Berklee College of Music in Boston. An dieser Elite-Akadamie war sie, nachdem sie dort selbst drei Jahre studiert hatte, die mit Abstand jüngste Dozentin.
Als Tochter einer allein erziehenden Mutter begann sie zunächst mit einem Mini-Bass: mit der Geige. Frühreif, hochbegabt und an der Grenze zur Hyperaktivität spielte sie klassische Musik nach dem Gehör und fing in zartem Alter an, selbst Stücke zu schreiben. Die Violine genügte ihr nicht, sie lernte – fasziniert von den Klängen - Oboe, Klarinette, Klavier und Gitarre. Sie wollte diese Instrumente nicht bloß hören, sondern anfassen und spielen. Als sie dann erstmals ihren Mädchenkörper an einen Kontrabass schmiegt, spürte sie starke Vibrationen und taucht ein in die weiche warme Klangwelt des Tieftöners. Ihr Lehrer zeigte ihr, wie man eine Blues-Linie spielt, wie man improvisiert. Das ist ein Erweckungserlebnis für die hoffnungsvolle Esperanza: Erstmals verspürt sie Lust an der spontanen Kreativität der Improvisation. Sie ist wie ein Kind, das beim Spielen alles um sich vergisst. „Polarisation der Aufmerksamkeit“, nennen Pädagogen diesen wunderschönen Zustand. Im Expresstempo erklimmt Esperanza Spalding die Gipfel des Jazz. In Abwandlung des Mottos ihres großen Gönners könnte man sagen: „Yes She Can.“
Bei „Chamber Music Society“, ihrem jüngsten Projekt, der dritten CD, erlebt man die inzwischen 25-Jährige in erster Linie als Sängerin, weniger als Kontrabassistin. Mit ihrer Stimme, die sich mühelos und glockenklar in hohe Register hinauf schwingt, singt sie Soul ein wenig wie Roberta Flack, sie bringt Broadway-Romanzen und intoniert polyphonen Brasil Jazz von Milton Nascimento und Carlos Jobim. Dabei nimmt sie sich die Freiheit heraus, alles raffiniert miteinander zu verbinden. Sie besinnt sich auf ihre klassischen Ursprünge und musiziert mit einem Kammerorchester. Ganz entspannt lässt sie sich von Saitenklängen tragen und sorgt mit ihrem Kontrabassspiel für einen unwiderstehlichen Groove. Sie singt lieblich wie ein kleines Mädchen, dann scattet sie lustvoll und jagt wie eine Furie durch dissonante Klangräume, um schließlich – von einem melancholischen Bandoneon begleitet – ein schönes trauriges Lied anzustimmen.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber