Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Snow, Valaida)



Die Jazztrompeterin Valaida Snow
Eigentlich hatte sie alles, was einen Star ausmacht: Charisma, Schönheit, Virtuosität. Und doch ist die elegante Frau mit der Trompete in Vergessenheit geraten. Hundert Jahre alt wäre sie jetzt geworden –Zeit sich an sie zu erinnern:
Valaida Snow aus Chattanooga, ein Name wie Musik. Das dunkelhäutige Mädchen, das nicht größer als einsfünfzig, aber wohl gestaltet werden sollte, hatte einen weißen Vater, der als Show-Man arbeitete. Ihre Mama Etta, eine akademisch gebildete Afroamerikanerin, war Musiklehrerin. Solche „Mischehen“ galten im Süden als kriminell. Familie Snow lebte am Rande der Gesellschaft und – immer wieder – innerhalb von Gefängnismauern. Man kann sich vorstellen, wie befreiend und beglückend unter solch erniedrigenden Umständen Musik gewirkt haben muss. Nicht von ungefähr bezeichnet Bertolt Brecht das Leben in der Kunst als „die leichteste Form der Existenz“.
Ihre Tochter unterrichtete Etta Snow in seschs (!) Sprachen und brachte ihr das Tanzen und „typisch weibliche“ Instrumente bei: die Harfe, die Mandoline, die Violine. Doch Valaida faszinierte - obwohl oder gerade weil sich für Mädchen Blasinstrument nicht schickten - die Trompete, deren triumphale Attacke, die keine Unterordnung kennt, deren hell glänzender Strahl, der sich über alles erhebt. Kochen oder putzen wollte sie nicht, sie wollte spielend Geld verdienen. Also verließ sie ihre Eltern, ihre Geschwister Lavaida und Arvada und zog als blutjunge Variété-Künstlerin in die Welt. Doch in den Südstaaten war nicht alles Gold, was glänzt: miese Unterkünfte, betrunkene Zuhörer, Lynchjustiz. Billie Holiday konnte ein Lied davon singen: Strange Fruit. Auch Valaidas Vater sollte einem Totschlag zum Opfer fallen. Die Mutter floh mit der Familie vom ländlichen Süden nach Washington D. C. Und Valaida zog es weiter in den Big Apple, nach New York, in die Metropole des Jazz.
Am Broadway trat sie zunächst als Swing-Sängerin und geschmeidige Tänzerin vor einem weißen Publikum in der Erfolgsshow „Chocolate Dandies“ auf. Alles sprach gegen sie: ihre afroamerikanische Herkunft, ihr Geschlecht, ihr Instrument. Aber dem begegnete sie mit großer Kühnheit, außergewöhnlicher Intelligenz, eisernem Willen und zahlreichen Talenten. Sie tanzte in schwarzen Vaudeville-Theatern, trat, wenn sie Trompete oder Kornett spielte, oft in Herrenanzügen auf, machte sexy Tap Dancing in chinesischen Strohsandalen, holländischen Holzschuhen, türkischen Slippern oder russischen Stiefeln. Damit entzückte sie das Publikum. Den Durchbruch aber schaffte sie mit „Rhapsody in Black“, dem von Gershwin inspirierten Musical. Sie spielte Klavier, Trompete und dirigierte locker ein großes Orchester.
Louis Armstrongs swingender New-Orleans-Stil hat zweifellos Valaidas Trompetenspiel und Ethel Waters ihren Gesang geprägt. Doch Miss Snow - alles andere als eine Plagiatorin - überzeugte jeden von ihrer Einmaligkeit.
Dann liierte sie sich, obschon noch verheiratet, mit Earl Hines, dem Armstrong-Pianisten, wurde wegen Bigamie in Chicago vor Gericht gestellt, was ihre eine Nacht im Gefängnis eintrug, sie aber nur noch bekannter machte. Sie scherte sich nicht um Konventionen und liebte, wen sie wollte. Schließlich schiffte sich die glamouröse Afroamerikanerin mit ihren hautengen, crème- und orchideenfarbenen Abendkleidern (aber ohne ihren ständigen Begleiter, ein possierliches Äffchen) nach Europa ein und spielte in Paris mit der Jazzlegende Django Reinhardt. Auch ihn – wie zuvor Josephine Baker, Count Basie und Louis Armstrong – nahm sie mit glänzendem Trompetenspiel und selbstbewusstem Auftreten für sich ein. Weiter führte sie ihre Tournee nach Bombay und Shanghai. Dort brachte sie chinesischen Köchen zur Freude ihrer Band die Zubereitung von Soul Food bei, sodass niemand mehr auf Brathuhn, Eier und Speck verzichten musste. Sich selbst brachte sie Chinesisch bei, um es erstaunlich bald fließend und nahezu akzentfrei zu sprechen. Überall wurde sie als „Hot Snow“ umjubelt und bestaunt wegen ihrer charmant-erotischen Bühnenpräsenz, diesem an Satchmo erinnernden Trompetenstil und ihrem lässig swingenden Gesang. Das britische Aristokratenpaar Lord und Lady Sassoon luden sie nach London ein, bevor sie wieder in die USA zurückkehrte, einen 19-jährigen Tänzer heiratete und mit Jazzgrößen wie Buck Clayton und Chick Webb auftrat.
1940, als die exzentrische, aber inzwischen koksende Valaida Snow in den Swing-Clubs Kopenhagens spielte, tanzte und sang, marschierten die Nazis in Dänemark ein. Die schwarze Musikerin kam ins Gefängnis und wurde abgeschoben. Nur war sie jetzt nicht mehr das süße junge Ding, dem sich alle Türen auftaten. So machte sie sich mit einer Lüge interessant und behauptete vor der US-Presse, in einem KZ interniert worden zu sein.
„Little Louis“, wie sie von vielen genannt wurde, tourte in den fünfziger Jahren noch in den USA. Aber ihr Ruhm verblasste. Bei ihrem letzten Auftritt im New Yorker Palace Theatre erlitt Valaida Snow eine Gehirnblutung und starb. An ihrem 52. Geburtstag wurde sie beerdigt. Einige Größen des Show-Business begleiteten sie zur letzten Ruhestätte. Man spielte „Over The Rainbow“ und begann sie zu vergessen.









~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild