Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Silje Nergaard12.05)
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Silje Nergaard mit Jazzquartett und Streichorchester, 5. 12. 2005 Beethovensaal
Klara müsste man sein! So heißt das zweijährige Töchterchen von Silje Nergaard, das schon während der letzten vier, fünf Monate im Bauch der Mama deren bezaubernde Stimme hören durfte. Und danach gab’s natürlich jede Mengen Zugaben. Aber regredieren wir nicht, beschreiben wir lieber die Ausnahmesängerin als eine reizende Vertreterin von Adult Music, der Musik für Erwachsene. Dieses Etikett wurde wohl erfunden, um sich nicht kategorisch auf Jazz oder Pop festlegen zu müssen. Die 37-jährige Norwegerin hat nämlich eine Affinität zu beiden Sparten. Es scheint eines ihrer Erfolgsgeheimnisse zu sein, dass sie – auf ihre kecke, charmante und vor allem glaubhafte Weise – scheinbar Disparates verbindet: die helle Unschuld einer Jungmädchenstimme und die mittlere Lage einer Frauenstimme, in der viele schöne und sicher auch leidvolle Erfahrungen aufgehoben sind. In der Komplexität und Spontaneität des Jazz fühlt sie sich genauso wohl wie in der melodischen Eingängigkeit der Popmusik. Sie vereinigt das Schlichte mit dem Mondänen, Natürlichkeit mit Eleganz.
Zunächst vertraut sie ganz auf die Strahlkraft ihrer Stimme und begleitet sich singend mit dem Keyboard. Ganz so, als ob sie daheim eine Melodie findet. Mit dem ersten Ton entsteht gleich ein intimes Einverständnis mit dem Publikum, dem sie später halb auf englisch, halb auf deutsch allerhand Anekdotisches von Glühwein und einem abgebrochenem Zahn erzählen wird. Dann steigt die reguläre Tord-Gustavsen-Band ein, die beim Jazzlabel ECM unter Vertrag steht, und die Sache kommt in Fahrt. Nun erfüllt sich Silje Nergaard einen Wunsch, den sie mit vielen großen Vokalisten teilt: Sie bittet zwölf Streicher auf die Bühne, die mit der flirrenden Süße ihrer Saitenklänge den Raum füllen. Der nörgelnde Jazzpurist wendet sich da mit Grausen. Doch genussvoll taucht die norwegische Sängerin ins wohlige Klangbad und singt mit der Kraft und Leichtigkeit ihrer sinnlichen Mädchenstimme „How Am I Supposed To See The Stars” und “Be Still My Heart”. Wer da zu viel Klangschaum abkriegte, kommt bei Coverversionen von Sting („If You Love Somenody“) und David Bowie („This Is Not America“) auf seine Kosten. Dann erscheint Nergaards Mann auf der Bühne, mit dem sie – vom Streichorchester versilbert – ein nicht ganz kitschfreies Ständchen bringt. Als danach die Regie mit milchigen Blautönen noch eine Märchenwaldatmosphäre auf die Bühne zaubert, intoniert Nergaard mit der lässigen Eleganz einer Diva den Standard „Bewitched, Bothered And Bewildered“ von Rodgers und Hart. Sie erinnert an Pat Metheny, der mit ihr ein Lied aufgenommen hat, als sie gerade sechzehn war und damals „A Star Is Born“ in den Zeitungen stand:. Recht hatten sie. Nergaard kommt bei ihrer Show ohne Allüren aus und wirkt einfach sympathisch. Die zwei hübschen Konzertstunden gehen mit einem norwegischen Folksong („En Og En“) zu Ende. Keiner der 600 Besucher verlässt den Beethovensaal ohne ein Lächeln. Auf dem Heimweg in der Sichelmondnacht klingt noch das Gutenachtlied nach, das Silje Nergaard einmal für ihr schlafendes Töchterchen geschrieben hat. Man müsste Klara sein. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber