Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Seigner StN 8.3.2010)

Die Frau hinter dem Vorhang
Von "Stuttgarter Nachrichten", aktualisiert am 08.03.2010 um 04:31
Während ihr Mann Roman Polanski seit Monaten buchstäblich an sein Haus in Gstaad gefesselt ist, bleibt seine Frau Emmanuelle Seigner gelassen und veröffentlicht eine hübsche CD namens "Dingue", in der sie eine bekloppte Welt besingt.
Von Thomas Staiber
Als Emmanuelle Seigner (43) ihre CD im November 2009 veröffentlichen wollte, stahlen ihr Schweizer Justizbeamte die Show. Wie sollte Seigner in Fernsehstudios und Rundfunkstationen für das neue Album werben, während Roman Polanski (73), gegen den ein internationaler Haftbefehl wegen Sex mit einer 13-Jährigen vorliegt, sich in seinem Chalet versteckte?
"Dingue" - auf Deutsch "Bekloppt" - hat Emmanuelle Seigner das Album betitelt, das nun erschienen ist. Es ist ihr zweites. Ihren Optimismus hat sich die Pariserin, die einer Künstlerfamilie entstammt und von Nonnen erzogen wurde, trotz aller Widrigkeiten nicht nehmen lassen.
Mit 14 Mannequin, mit 19 Schauspielerin am der Seite von Johnny Hallyday in Jean-Luc Godards "Détective" und 1988 neben Harrison Ford in "Frantic" von Roman Polanski, der sie vom Set weg heiratet - Gründe genug, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Oder wie wäre es sonst zu erklären, dass die CD mit "Qui êtes-vous?" eine Nummer enthält, bei der ein Typ im Bett eines Mädchens aufwacht, das ihn offenbar dort gar nicht haben wollte.
Im Stil von Jane Birkin und Serge Gainsbourg erklingen auf der Platte die Stimmen von Emmanuelle Seigner und von Herrn Polanski selbst. Dingue! Die Frau mit der verführerischen Stimme hält in dieser Situation rückhaltlos zu ihrem Mann. Polanski war vor 33 Jahren wegen der Vergewaltigung einer 13-Jährigen angeklagt. Es hat sich des minderschweren Tatbestands des Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen schuldig bekannt, war aber vor einer weiteren Strafverfolgung aus den USA geflohen.
Damals, als der Prozess unter großem öffentlichem Interesse stattfand, war Emmanuelle Seigner eine elfjährige Klosterschülerin - zwei Jahre jünger also als das Mädchen, mit dem Polanski Sex hatte. Heute ist Emmanuelle Seigner der Prototyp der schicken erfolgreichen Pariserin, jünger aussehend, als ihr Pass es ausweist. In Frankreich gilt sie als verrucht, als "Belle de nuit", als Schöne der Nacht. In Wirklichkeit, sagt Seigner, sei sie gar nicht so, sie halte sich von Drogen fern, rauche nicht, und schon nach einem Glas Alkohol komme der Brechreiz.
Ihr erstes Album hatte Seigner vor knapp drei Jahren mit der Gruppe Ultra Orange aufgenommen. Sie orientierte sich damals musikalisch an Velvet Underground, färbte sich die Haare platinblond. Emmanuelle Seigner verehrt David Bowie und die Swinging Sixties in ihrer schrillsten Form. Julian Schnabels Film über Lou Reeds "Berlin", in dem Seigner mitspielt, vermittelt einen Eindruck davon.
Auf dem Cover von "Dingue" präsentiert sie sich im neckischen Streifenkleidchen mit High-Heel-Stiefeln wie einst Nancy Sinatra. In "Jamais d"autres que moi" besingt Emmanuelle Seigner, inzwischen wieder mit kastanienfarbenem Haar, das Porträt einer Frau aus männlicher Sicht. Und neben Polanski gibt es auf "Dingue" noch eine andere Männerstimme zu hören: die von Iggy Pop, der mit amerikanischem Akzent und seinem Bariton-Sex-Appeal das sinnliche Duett "La dernière pluie" mit Seigner singt.
Gar nicht schamlos, sondern innig und empfindsam ist "Autant s"aimer autant" (Sich so sehr lieben, so sehr), das letzte Lied der CD. Wenn man hört, wie harmonisch das Klavier und die Oboe die Stimme der Emmanuelle Seigner umgarnen, glaubt man, dass das prominente Paar hinter den verhängten Fenstern ihres Schweizer Chalets sich doch trösten, aufmuntern und Mut machen muss.

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild