Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Scofield - Ritenour, jazz open 2009)
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John Scofield, Lee Ritenour 17.7.2009, Mercedes-Benz-Museum, Jazz Open
Das gibt’s: Achthundert Menschen verhüllt in roten und blauen Capes harren im weiten Rund der Open-Air-Arena des Mercedes-Benz-Museums bei 13 Grad im strömenden Regen aus und freuen sich auf Live-Musik. Der Gitarrist John Scofield und seine drei Mitstreiter stellen ihr neues Gospelprojekt „Piety Street“ vor. Das Jazzquartett spielt derart inspiriert und kraftvoll gegen die widrigen Wetterverhältnisse an, dass die Besucher direkt anfangen, sich auf ihren Sitzen im mächtigen Rhythmus des Rhythm & Blues zu bewegen, nach jeder Nummer mit patschnassen Händen applaudieren und spitze Jubelschreie ausstoßen. Ricky Fataar lässt den Rhythmus rollen, Donald Ramseys E-Bass pulsiert im Takt des Herzschlags, während Jon Cleary, der auch als Vokalist fungiert, das Ganze an der Hammondorgel mit süßen seufzenden Klangflächen unterlegt. John Scofield folgt mit seiner E-Gitarre der menschlichen Stimme: Er spielt gar nicht schnell, er macht Pausen, als ob er Luft holen und atmen müsse. Das Überflüssige lässt er weg, die Klischees weiter hinter sich. Das wirkt kraftvoll, mitreißend und authentisch. Atemlos folgen die Menschen dieser erdigen, warmen Wohlfühlmusik, die mit den Mitteln des modernen Jazz so spannend gemacht wurde. Der Bogen reicht vom träg fließenden Gospelsong zum Bourbon-Street-Feeling aus New Orleans und einer B. B. King-Hommage, von einer alten Rock ‚n Roll-Nummer bis zur Jazzversion eines traurigen Hank-William-Liedes mit einem unvergesslichen Gitarren-Intro des John Scofield.
„Jazz ist nicht Tennis, Musiker spielen sich nicht aus“. Diese Lektion konnte man von Charlie Mariano lernen. Es wäre also allzu billig, Lee Ritenour, der das zweite Konzert bestritt, mit Scofields atemberaubendem Konzert zu vergleichen. Ritenour ist ein höchst versierter und sehr vielseitiger Studiomusiker, der bei über dreitausend (!) Tonaufnahmen mitgewirkt hat. In seinem eigenen Projekt setzt er über dem harten brodelnden und elastisch federnden Rhythmus seiner Band, bei der die Keyboarderin Patrice Rushen besonders gefiel, zu geschmeidigen und sehr eleganten Gitarrenläufen an. Während der Himmel seine Schleusen über der Arena noch weiter öffnete, glitten Ritenours elektrische Gitarrenklänge durch den Klangraum wie chromglänzende Limousinen durch eine regennasse Nacht.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber