Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Schweizer, Irène)

Irène Schweizer + Mani Neumeier, 22.04.06 LAB
In der Schweiz, so heißt es, sei alles hübsch aufgeräumt, a bitzeli langsam, dafür recht teuer. Man höre vom Matterhorn das Alphorn tönen und im Berner Oberland den Sennenhund Heidi bellen. Für die Diskretion ihrer Banken steht die Schweiz, für die Qualität von Militärmessern und Uhren.
Das Schweizer Generalkonsulat in Stuttgart - übrigens die größte Auslandsvertretung der Eidgenossen nach Lyon - unterstützt das kleine Festival „Alpenrauschen“, das die schmucke Schweiz von einer anderen Seite zeigt, nämlich von seiner hemmungslosen, aufmüpfigen, lustigen. Der Dichter Endo Anaconda trat mit der Kultband „Stiller Has“ im Laboratorium auf, eigensinnige Formationen wie Stimmhorn und The Dead Brothers liefern am Wochenende musikalischen Zündstoff, ein kleines elektronisches Weltorchester namens ewo2 widmet sich schon am Donnerstag dem Werk des Art-Brut-Künstlers Adolf Wölffli und Helvetierinnen vom Schlag einer Erika Stucky bürsten Folklore lustvoll gegen den Strich.
Der hübsche kleine Steinway auf der Bühne des LAB ahnte nicht, was die auf den ersten Blick harmlos wirkende 64-Jährige, was Irène Schweizer mit seinem edlen Klangkörper anstellen wollte. Er war ja einiges gewohnt, besonders von Neutönern: von schmetterlingszart bis knüppelhart. Aber jetzt hüpften da allerlei Hölzchen auf seinen straff gespannten Saiten, das Elfenbein und Ebenholz wurde mit trockenem Stakkato angeschlagen, der Korpus zuerst gestreichelt, dann geschlagen. Allerhand! Perlende Läufe, abrupt abgestoppt, harte Kontraste, heftiges Spiel, das in weiche wolkige Harmonietupfer mündete: Nichts war fest notiert, alles entsprang der lebhaften Phantasie dieser Frau. „Die blitzschnelle Verfertigung der Ideen beim Spielen“ – so könnte dieser Improvisationsstil in einer Abwandlung eines Kleist-Essays genannt werden. Ihr Duopartner Mani Neumeier am Schlagzeug begleitete zunächst eher brav, streute dann spitze Akzente ins freie Spiel, produzierte unabhängige rhythmische Gegenläufigkeiten und stachelte so die Pianistin weiter an. Nach einer Weile spielte sie längere Linien, sogar Blues und Stride-Passagen, nun hackte sie die Bögen nicht kurz und klein, sondern begann zu grooven und zu schwelgen. Da klang das Schlagzeug, als ob eine Ladung Schottersteine auf eine Metallfläche prasselt, als ob ein Güterzug durch den Klangraum rollt. Schließlich machte sich die Eidgenossin daran, dem weit geöffneten Flügel in die Saiten zu greifen und ein Perkussionsfeuerchen zu entfachen. Am Ende gab es noch ein paar auf den Deckel. Unerhört, diese Schweizer!
Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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