Artikel geschrieben am: 01.01.70
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Heinz Sauer, ts, Michael Wollny,p 11.12.05 ES, Dieselstraße
Oft fällen Puristen vor und nach Jazzkonzerten dieses Urteil: zu glatt, zu süß, zu rund. Stacheln mögen sie lieber als Beeren. Trompeter Till Brönner gilt ihnen als Prototyp des marktkonformen und modebewussten Jazzmusikers.
Nun gibt es in Deutschland eine - wen wundert’s - weniger bekannte, doch umso markantere Gegenfigur: Heinz Sauer, der vor 73 Jahren in Merseburg auf die Welt kam, ist zweifellos eine der großen Saxophonstimmen Europas.
46 Jahre später als er wurde sein Duopartner in Schweinfurt geboren, Michael Wollny, d i e Nachwuchshoffnung am Jazzpiano. Der Altersunterschied wirkt sich bei diesem Paar keineswegs nachteilig aus. Der eigenwillige Hesse Sauer der freundliche Unterfranke Wollny haben beide einen Sinn für’s Wesentliche und einen gewissen Abstand zur leichten Muse. Wollny wird stets von einer Unruhe angetrieben wie ein Uhrwerk. Da er nur einen Bruchteil aus der Vielzahl möglicher Töne spielt, entsteht Hochspannung. Man hört die Pausen und spürt das schnelle Ticken des Takts. Der Zuhörer wird so zum virtuellen Mitspieler. Den echten verführt der junge Mann am (gelegentlich präparierten) Klavier dazu, sein Tenorsaxophon düster und licht zu blasen, löchrig und geschmeidig, so heftig und sensibel wie möglich. Und das ist nicht wenig. Sauer changiert dabei zwischen John Coltrane und Coleman Hawkins. Es entstehen generationsverbindende Improvisationen, Grenzüberschreitungen, zerklüftete Klanglandschaften mit sanften grünen Hügeln und jähen Abgründen, Hindernisläufe, Höhenflüge. Welche Seiten die beiden Standards wie „Round Midnight“ oder „Don’t Explain“ abgewinnen, zählt für mich zum Besten, was deutscher Jazz derzeit zu bieten hat.
Durch die zeitliche Beschränkung der meisten Nummern auf etwa drei Minuten gewinnen die Improvisationen an Dichte, ohne dadurch bitter zu schmecken wie ein Löffel voll Instantpulver. Sehr aufmerksam, ganz und gar klischeefrei und traumhaft sicher bewegen sich der junge, aber keineswegs unbeherrschte Tastenkünstler und der erfahrene, aber überhaupt nicht altersmilde Holzbläser durch ihre Stücke. Das klingt aufregend, erfrischend und ehrlich. Jazz wie wir ihn schätzen, sagen da nicht nur Puristen.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber