Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Sauer Wollny Wogram 2008)

Albert Mangelsdorff, 3. Todestag, Doppelkonzert Theaterhaus T 2, 25. 7. 2008 (Sauer/Wollny, Wogram Trio) Manche mögen Marsh-Mallows, andere lieber Stachelbeeren. Künstliche Süße ist Heinz Sauer, dem Frankfurter Jazzurgestein, auch musikalisch ein Graus. Der Saxophonton dieses großen, etwas linkischen Mannes kommt von weit innen. Archaisch und ungeschützt dringt er nach außen, als Frage oder Schrei, als Text oder Kommentar, als Fleisch oder Stachel. Die Zuhörer im Theaterhaus spüren Sauers Staunen darüber, was gerade gespielt wird. Manchmal lacht er vor Freude über eine gelungene Improvisation laut auf, manchmal lächelt er hinter vorgehaltener Hand. Natürlich sind Teile durchkomponiert - eindrucksvoll besonders die rhythmisch und harmonisch anspruchsvollen Unisono-Passagen mit seinem Duopartner Michael Wollny am Klavier - aber die beiden erweisen sich als herausragende Improvisationskünstler. Dieses Staunen beflügelt den 46 Jahre jüngeren Pianisten. Auf seinen 88 Tasten vervielfältigt er die Saxophontnöne, er verdichtet sie mit geballtem Akkordspiel, löst sie schmetterlingshaft wieder auf, erfindet eine neue Melodie, auf die Sauer dann antwortet. Es ist ein wunderbares Geben und Nehmen zwischen den beiden. Der Altersunterschied spielt dabei überhaupt keine Rolle. Ihr Einfallsreichtum, ihre Aufrichtigkeit, ihre Spontaneität und ihre technische Fertigkeiten haben Heinz Sauer und Michael Wollny zu einem Spitzenduo des europäischen Jazz gemacht. Vor 48 Jahren spielte der 28-jährige Sauer im pianolosen Quartett von Albert Mangelsdorff, dessen dritten Todestages heute gedacht wird. Der Chef lobte damals ausdrücklich das intensive Saxophonsolo bei "Certain Beauty". Nun verbeugen sich der knorrige Alte und der quecksilbrige Junge vor dem großen Posaunisten und improvisieren über dessen Komposition. Das Tastenspiel ist wie ein sprühender Wasserfall, in dem mit der schönen Saxophonmelodie ein Regenbogen aufscheint. "Ich bin nicht mehr da", könnte Albert aus dem Off verkünden, "aber der Jazz ist beileibe nicht tot." Recht hätte er. Wie lebendig der Jazz heute ist, zeigte auch das erste Konzert des Gedächtnisabends, den das Nils Wogram Nostalgia Trio gestaltete. Allerdings begann es ziemlich zäh. Ganz anders als noch vor ein paar Monaten in der Esslinger Dieselstraße. Doch gegen Ende fand das Trio zur gewohnten Form zurück. Florian Ross breitete mit zartbitteren Hammond-Orgel-Tönen weiche Klangteppiche aus, Dejan Terzic trommelte sensibel und kraftvoll, sodass Posaunist Nils Wogram zeigen konnte, was in ihm steckt: das Zeug, ein legitimer Nachfolger von Albert Mangelsdorff zu werden. "Danke, Hut ab!" hieß dessen passende Komposition. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild