Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Sanborn Wright)

David Sanborn, Lizz Wright (Karsten Jahnke Jazznights), Beethovensaal, 9.10.05
Die Ärzte empfahlen dem kleinen David, ein Blasinstrument zu lernen, der wegen einer Kinderlähmung eine Zeitlang mit einer eisernen Lunge leben musste. Ein guter Rat: Aus dem kleinen Jungen ist einer der weltweit erfolgreichsten Saxophonisten geworden.
Und dennoch scheiden sich an ihm die Geister: Die Einen legen ihn unter der Rubrik „Weichspüler“ ab, andere schätzen ihn wegen der geschliffenen Schärfe und Kantabilität der Improvisationen, seiner außergewöhnlichen Virtuosität. Beispielsweise David Bowie („Young Americans“), Sting oder die Rolling Stones, aber auch Jazzmusiker wie Cassandra Wilson oder Gil Evans („Svengali“). Sanborn, der kürzlich seinen 60. feierte, als einen Aufzugbeschaller dem Easy-Listening zuzuordnen, hieße ihn total zu unterschätzen.
Bei einer Saxophonolympiade wäre dem Holzbläser mit der knabenhaften Figur die Goldmedaille sicher, denn schneller, höher und weiter als der smarte Sanborn kann’s keiner. In der druckvoll agierenden Combo mit einem exzellenten Geoffrey Keezer am Keyboard fühlt er sich in allen möglichen Kontexten (Rockjazz, Latin, Pop-Balladen) völlig in seinem Element. Und auch in den heftigsten Passagen verliert er nie die Kontrolle. Präsenz, Dynamik, Einfallsreichtum – das sind seine Stärken. Natürlich sind da auch Vorführeffekte mit ihm Spiel – die jüngste CD heißt „Closer“ - und Sanborn beeindruckt oft mehr als er berührt.
Das war im ersten Konzertteil dieser Karsten Jahnke-Jazznight anders. Vor der Schärfe des Altsaxophons öffnete die Wärme einer Altstimme die Herzen der Menschen. Mit einer langsamen, völlig entspannten Blues-Version von „A Taste Of Honey“ begann die 23-jährige Lizz Wright den Konzertabend im nicht allzu gut besuchten Beethovensaal. Vom Blues geerdet und vom Gospel imprägniert, füllt ihre kehlig-warme und pfirsichweiche Stimme ganz unangestrengt den Raum. Schmerz ist darin aufgehoben und Glück, der Geschmack von Tränen ist in ihr und eine dunkle Süße. Salz und Honig. Immer bewegt sich das balladensatte Programm, das sie mit ihrer einfühlsam und rund spielenden Band vorträgt, in diesem Kraftfeld. Neil Youngs „Old Man“ ist dabei, „I’m Confessin’ „ von Frank Sinatra, aber auch „Walk With Me, Lord“, ein Gospelsong, den die kleine Lizz als Pfarrerstochter in der Kirche vorgesungen hat. Wohltuend unprätentiös und anmutig ist dabei ihr Vortrag, und ihr Singen ist frei von Effekten. Geheimnisvoll und sinnlich wie dunkler Samt leuchtet diese junge unverbrauchte Stimme und tut der Seele einfach gut. Thomas Staiber


~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild