Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Ruf der Heimat04)
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„Ruf der Heimat“ feat. Ernst Ludwig Petrowski
ES, Dieselstraße, 17.10.04
Wenn es herbstelt, wird in der Esslinger Dieselstraße Avantgarde-Jazz gemacht, bis die Blätter fallen (und die Balken sich biegen). „Expressionistisch“, nennt Programmgestalter Manfred Müller diese Konzerte im letzten Jahresquartal. Den Auftakt machte am Sonntagabend ein legendäres Saxophonquartett aus Berlin, das sich paarweise aus „Wessis“ und „Ossis“ zusammensetzt und auf den Namen „Ruf der Heimat“ hört. Am 28. 11. folgt „Doppelmoppel“ von Conny Bauer und zwei Wochen später das Trio von Alexander von Schlippenbach.
Kenner schnalzen bei solchen Namen mit der Zunge. Doch leichte Kost aus West und Ost wird da beileibe nicht gereicht. Bei den Protagonisten handelt es sich immerhin um in die Jahre gekommene Leuchttürme des guten alten Free Jazz. Eimerwerfer und dilettierende Krachmacher sind das allerdings nicht! Auf dieser Szene kann sich nur halten, wer sein Instrument und die Kunst der Interaktion beherrscht. Wer auf Egotrips ist, fliegt.
So ein Konzert mutet an wie ein Werkstattbesuch. Man wird Ohren- und Augenzeuge eines Entstehungsprozesses. Es handelt sich bei den Stücken um Einzelfertigungen, um einmalige und unwiederholbare Hör-Ereignisse. Denn Vorgefertigtes und Versatzstücke sind verpönt. Wer - wie die recht erkleckliche Schar in der Dieselstraße - dem „Ruf der Heimat“ folgt, trifft auf das Trio von Saxophonist Thomas Borgmann mit Willi Kellers am Schlagzeug und der sehr hörenswerte Christoph Winckel am Bass. Zum Quartettspiel holt man sich Gäste. Dieses Mal Ernst Ludwig Petrowsky, 70, einen schon zu DDR-Zeiten legendären Holzbläser, einen Meister der freien Musik. (Sein tägliches Brot allerdings musste er sich brav als Studiomusiker für das staatseigene Label Amiga verdienen.) Petrowski antwortet auf die markante Tenorsax-Stimme Borgmanns auf seine Weise: hochenergetisch und einfühlsam. Der Schlagzeuger entfacht dröhnende Donnerwetter. Urplötzlich verklingt das Klanggewitter, die Schlagzeugbesen klingen wie Regen, und die Holzbläser schließen die Augen, werden ganz lyrisch und reihen einen pastoralen Wohlklang an den anderen. Doch die Ruhe nach dem Sturm ist die Ruhe vor dem Sturm. Schon wetterleuchtet und grollt es wieder in der Ferne.
Warum hat die Combo den Bandname „Ruf der Heimat“ ausgewählt? Ist es das historische Eingedenken, dass der schöne Begriff Heimat von den Nazis in den Dreck, in Blut und Boden, gezogen wurde? Ist es eine ideologiekritische Replik auf das Schindluder, das oft mit der Volksmusik getrieben wird? Soll gar dem System der Verordnungen, den mächtigen Zentralen mit eruptiver Wildheit begegnet werden? Die freie Musik, die ihre Schönheiten nicht leichtfertig preisgibt, ist offen: Sie hält viele Antworten bereit. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber