Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Rollins 2009)
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Die allmähliche Verfertigung der Ideen beim Spielen
Sonny Rollins fasziniert in der Neuen Messe bei seinem einzigen Deutschlandkonzert
Den Jazzkoloss Sonny Rollins in einer gigantischen Halle auftreten zu lassen erwies sich als Fehler. Knapp tausend Besucher saßen in einer Halle, die das Zehnfache fassen kann. Kann da überhaupt ein Begeisterungsfeuer entfacht werden?
Die Scheinwerfer richten sich auf Sonny Rollins, die lebende Jazzlegende. Das Tenorsaxophon sieht bei ihm fast aus wie ein Altsaxophon. Der Mann misst nämlich knapp zwei Meter. Als ob ein Vulkan ausbrechen würde, entströmt seinem Holzblasinstrument eine Vielzahl heißer Töne. Wie Lava träge mäandert, so entfalten sich Rollins ausgedehnte Improvisationen. Der Grammy-Preisträger erforscht dabei jedes Thema, jeden Akkord, den eine Straight-Ahead-Nummer wie „Falling In Love Is Wonderful“ ihm bietet oder - als kleine Verbeugung vor dem deutschen Publikum – Marlene Dietrichs „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Liebend gern erforscht Rollins weiße Stellen auf der Landkarte des Jazz, erfindet und variiert, bis alles ganz leicht wird, und die Klänge zu schweben beginnen. Rollins komponiert beim Improvisieren.
Seine Höhenflüge haben im Lauf der Zeit nichts von ihrer Strahlkraft verloren. Schon Miles, Monk oder Coltrane haben sich davon betören lassen. Heute überragt Rollins die Mitspieler. Man kann aber nicht sagen, er habe sich – wie das bei früheren Tourneen schon der Fall war - durchschnittliche Jazzer in die Band geholt, um auf den Schultern von Zwergen noch größer zu erscheinen. Die Qualität seiner aktuellen Formation erweist sich beim traumhaft sicheren Zusammenspiel und den begeistert aufgenommenen Soli von Kobie Watkins, dem jungen quicklebendigen Drummer, oder Victor See Yuen, dem stoisch ruhigen, aber äußerst reaktionsschnellen Perkussionisten. Während solcher Soli stieß Rollins akzentuierende Phrasenfragmente und Harmoniefetzen aus seinem Horn. Das Quintett - darunter der starke Clifton Anderson an der Zugposaune und Bobby Broom an der eleganten E-Gitarre - rückt seinen Leader mit kraftvoll brodelnden Jazz-Grooves oder zärtlicher Balladenwärme jeweils ins rechte Licht. Und der spielt mit seinen 79 Jahren wie ein junger Gott. Mal grollt er, raut die Töne auf und wird grob. Danach gibt er sich lammfromm, lässt sanfte Arpeggien aufwärts gleiten und schnelle Triolen durch den sehr gut ausgesteuerten Raum perlen. Einmal dröhnt das Saxophon wie ein Nebelhorn, das den Weg weist. Bereitwillig folgen Band und Publikum dem Jazzriesen auf dessen faszinierender Reise durch seine Klanglandschaften. Wie schon Lenny Kravitz erwähnt auch Sonny Rollins Michael Jackson: Ohne Jazz hätte es den nie gegeben.
Die schönste Station aber, der lebensfrohe Calypso „Don’t Stop The Carneval“, verbreitet Karibikstimmung im Saal: Sonny Side Up. Doch als nach hundert Minuten das Licht wieder angeht, reibt sich mancher die Augen, und Ernüchterung macht sich breit. Die Wirklichkeit hat uns wieder. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber