Artikel geschrieben am: 01.01.70
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Michael Riessler & Pierre Charial: Kinderkonzert, Kreuzkirche Nürtingen, 14. 03. 2003
Wer staunen kann ist jung. An Jahren oder im Herz. Zu staunen gab es einiges beim Kinderkonzert von Michael Riessler und Pierre Charial. Für die kleinen und die großen Besucher der Nürtinger Jazztage. Für Frau Bachofer zum Beispiel, die Gattin des Oberbürgermeisters, und ihren Enkel Fabian, die samt Kuschelhase in der Kreuzkirche erschienen waren.
Da wo früher der Altar stand, war nun eine Drehorgel aufgebaut. Daneben stand – in Form eines Vogelbauers – eine alte Spieluhr. Mit allerliebstem mechanischen Gezwitscher begann so das Nachmittagskonzert – quasi als Lockruf für das erste Stück: Haydns Flötenuhr-Komposition. Da die Kreuzkirche vor Jahren profanisiert (und an die Stadt verkauft) wurde, stellte die sogenannte Barbarenorgel, die nun von Charial bedient wurde, natürlich kein Sakrileg dar.
„Vor dem Stanzen wiegen die gefalteten Kartonkarten, die durch die Drehorgel laufen, 300 Gramm, danach bloß noch 250“, erklärte Michael Riessler dem Publikum. „Ihr hört also das, was fehlt.“ Sein Duopartner, erfuhr man, sei wohl der letzte Drehorgelspieler, der die Kunst des Lochkarten Stanzens beherrsche. Mit leuchtenden Augen, gespitzten Ohren und leicht geöffneten Mündern folgten die Kinder dem einstündigen Konzertspektakel. Selbst als Riesslers schräge Jazznummern „W“ und „Orange“ intoniert wurden, ließ die Aufmerksamkeit kaum nach. Mit silberhellen Tönen des Sopranino-Saxophons umflatterte Riessler, der frankophile Holzbläser aus Ulm, dabei die Drehorgelmelodie wie ein Kolibri die Blüte. Sehr hübsch. Dann griff er zur Schwarzwurzel, wie Musiker die Bassklarinette gern nennen, und spielte mit fabelhafter Zirkularatmung eine scheinbar unendliche Folge tiefer schnarrender Töne. Währenddessen schluckte die Barabarenorgel gefräßig die vorbereiteten Karten und schied sie gleich wieder - fein säuberlich gestapelt - aus. Ein faszinierender Vorgang.
Für die Kindersinfonie, die vor mehr als 200 Jahren vermutlich von Mozarts Vater Leopold geschrieben wurde, baten die beiden Musiker ein paar Kinder auf die Bühne und versorgten sie mit diversen Plastikinstrumenten. Mit ihren Rasseln und Flöten halfen sie mit großem Ernst und nach Kräften, die Komposition mit Leben zu erfüllen. Unter herzlichem Beifall klang so das hübsche Nachmittagskonzert der 10. Nürtinger Jazztage aus.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber