Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Ribot 8.7.2010 LB)
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Marc Ribot & Friends: Caged Funk, 8.7.2010, Ludwigsburger Schlossfestspiele, Louis-Bührer-Saal
Die Ludwigsburger Schlossfestspiele 2010 präsentiert der neue Intendant Thomas Wördehoff als ein groß angelegtes Festivalprojekt, das immer wieder Erstaunliches verspricht – und hält. Der Plan etwa, den amerikanischen Jazzgitarristen Marc Ribot auf die Musik von John Cage loszulassen, ist reizvoll und birgt Zündstoff. Das provoziert Anhänger der reinen Werktreue und sorgt für Debatten. Cage selbst mochte keinen Jazz, mit Pop und Funk beschäftigte er sich gar nicht. „Jazz erinnert mich an Leute, die im Kreis sitzen und mit ihrer Musik etwas sagen wollen“, pflegte der Meister der Neuen Musik abschätzig zu bemerken. Lieber als Musik, die zu ihm „spricht“, war ihm „objektive“ action music, etwa der Verkehrslärm der 6th Avenue, an der er wohnte. Cages aleatorisches Verfahren, Geräusche und Klänge in beliebiger Folge aufzunehmen, erinnert durchaus an Protagonisten des Free Jazz wie Ornette Coleman oder Albert Ayler, die ähnliche Kompositionsstrukturen benutzten. „Improvisation ist Freiheit“, lautete deren Credo. Marc Ribot und seine Musikerfreunde sitzen nicht im Kreis und lassen ihre Musik plaudern, sie lassen sie krachen, zärtlich flüstern, vehement schreien. Marc Ribot ist ein New Yorker Avantgarde-Improvisator, einer, der die Rasanz, das Flackern der Großstadtlichter, die Gewalt, die Einsamkeit in der City ausdrücken will. „Cage war selbst ein Funk-Typ“, sagt er lachend und weiß, dass der vor 18 Jahren Verstorbene sich gegen so ein Etikett nicht mehr wehren kann. Der harte schnelle Funk ist für Ribot der authentische Rhythmus der Metropole. Dementsprechend besetzt ist die Band: zwei E-Gitarren, Keyboards, Bass, Schlagzeug und ein DJ. Das musikalische Material von „The Sonata For Two Voices“, eine chromatische Komposition für „zwei oder mehr Instrumente“, die Cage 1933 im idyllischen Santa Monica geschrieben hatte, behandeln Ribot und seine Freunde nicht mit ehrfurchtsvoller Werktreue, sie schicken es wie einen Flieger durch den Klangraum, entführen es und leiten es um. Vielleicht hätte diese Raumvorstellung von Musik Cage ja gefallen, dem bei seinen Kompositionen stets „Klangskulpturen“ vorschwebten. Bei Ribot geschieht das mit den heutigen Mitteln elektronischer Technik, mit einem scratchenden Mixer, der auf den Namen „ DJ Logic “ hört.
Wie hätte Cage reagiert, hätte er diesem Konzert im Louis-B-Saal beigewohnt? Hätte er seine Sonate, die er einst Richard Buhlig gewidmet hat, hätte er Credo In Us, oder Third Construction überhaupt wieder erkannt? „Caged Funk“, lacht Ribot. Man kann nicht umhin, sich John Cage, den Papst der Neuen Musik, in einem Käfig vorzustellen, so wie ihn Francis Bacon gemalt hätte. Die Begegnung von schwarzem Funk und weißer Avantgarde verläuft abwechslungsreich und aufregend. Das Publikum geht mit. „Fröstelnde Puristen“, die Wördehoff bei seiner Ansage augenzwinkernd ankündigte, sind nicht auszumachen. Ribot ist bei seiner Vorgehensweise keineswegs respektlos. „Jeder notierte Takt, den wir spielen, stammt von Cage.“ Schwebende Keyboardklangflächen des Funk-Pioniers Bernie Worell von den Funkadelics, die wie Frisbeescheiben durch den Saal zischen, treffen auf pumpende Beats, kontrastieren mit einer kleinen herzerwärmenden Melodie, die Marco Capelli auf seiner akustischen Gitarre spielt. Kaum ist The Harmony Of Maine verklungen, kündigt sich mit dröhnenden Schlägen auf Felle und Becken, mit irrlichternden, kreischenden E-Gitarren ein bedrohliches Klanggewitter an. Die Ruhe vor dem Sturm währt bei Ribot und seinen Avantgarde-Funk-Musikern nie lange. Verhaltener Beifall zunächst als Ausdruck der Überraschung, am Ende unverhohlene Begeisterung. „Was für ein Konzert!“, sagte die Stuttgarter Jazzpianistin Olivia Trummer, die am 13. Juli ihren großen Auftritt bei den Festspielen haben wird, beim Hinausgehen noch ganz atemlos zu ihrer Mutter.
In der von Thomas Wördehoff anschließend souverän auf Deutsch und Englisch moderierten Podiumsdiskussion strichen alle Teilnehmer die Bedeutung der Freiheit bei der Interpretation notierter Werke heraus. „Man muss die Noten mit Leben füllen“, betonte Michael Hofstetter, der junge Chefdirigent der Schlossfestspiele und wies darauf hin, dass bei seinen Händel-Aufführungen „ein Drittel der gespielten Orchesternoten nicht in der Partitur stehen“. Christina Pluhar, die österreichische Lautenspielerin und Expertin für Alte Musik, pflichtete ihm bei, machte aber klar: „Aus dem alten Notentext machen wir keinen neuen Musikstil.“ Wie kriegt man Sinnlichkeit, wie kommt Leben in die fixierten Noten, fragte auch der Komponist und Jazzposaunist Christian Muthspiel und nannte als warnendes Beispiel rein mathematische Schönberg-Interpretationen, bei denen völlig übersehen wurde, dass Schönberg im Abendschein der ausgehenden Romantik komponiert hatte. Marc Ribot führte das Gespräch auf Cage zurück und unterschied drei Kategorien: Spielen nach der Paritur wie bei „Imaginary Landsacape“, zweitens das Material von Cage auf Klangschleifen („Loops“) über einem funky Rhythmus schicken und zuletzt mischen und verändern, ein Prozess, bei dem nur einige Originalelemente beibehalten werden. Zum Thema Werktreue sagte der 56-jährige Saitenkünstler aus New York: „Zwischen Gesetz, Ethik und Ästhetik muss da unterschieden werden“. Er bedankte sich bei den Erben von John Cage, der Stiftung und dem Verlag, die das Projekt „Caged Funk“ erlaubt hatten. Sein Partner Marco Capelli, der italienische New-Jazz-Gitarrist, überraschte mit der Bemerkung, dass ein Stück legal zwar dem Komponisten gehöre, aber ansonsten sei es Allgemeingut, mit dem man machen könne, was man will. „Stimmt“, pflichtete Ribot ihm bei, „man denke nur an die Interpretation der Sex Pistols von Sinatras My Way.“ Bei der Interpretation solle stets gefragt werden, ob man dem Komponisten brav folgen müsse oder ob man ihm nicht auch widersprechen könne. „John Cage“, sagte Capelli am Ende dieses sehr einvernehmlich geführten Gesprächs, „hätte unser Konzert wahrscheinlich nicht gemocht, aber er hätte es akzeptiert.“ Thomas Staiber
~ Thomas Staiber