Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Reijseger-Godard-Biondini)
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Reijseger - Godard - Biondini,
11. 4. 2008, ES, Münster St. Paul
Der Tubaspieler Michel Godard, 47, bläst in sein großhubiges, metallic-blau gefärbtes Instrument, und weiche runde Klänge schweben wie Riesenseifenblasen sanft empor zum Dachstuhl des mächtigen Kirchenschiffs von St. Paul, dem Esslinger Münster. Spröde antwortet das Knopfakkordeon von Luciano Biondini, 38. Der kleine, schwarz gelockte Mann aus Spoleto wiegt es in seinem Arm und lässt es atmen. Neben ihm - mit geschlossenen Augen und offenen Lippen - sitzt der Virtuose Ernst Reijseger, 53, zwischen Ambo und Altar. Mit feinem Bogenstrich lässt er sein Violoncello singen. Für die drei Improvisatoren bedeutet es eine Herausforderung, mit den akustischen Verhältnissen klar zu kommen, für die Menschen auf den Kirchenbänken ist es ein Erlebnis, die Verschmelzung so unterschiedlicher Klänge in diesem Raum zu hören. Mit der Zeit macht es den Musikern sichtlich Freude. Reijseger durchmisst mit schnellen Schritten spielend die kühle Säulenbasilika. Es ertönen ein Tremolo, ein Flageolett und Kratzgeräusche des Cellodorns auf den Fliesen. Lachend quittiert es das Publikum. Godard, gelegentlich zum Bass (statt wie früher zum archaischen Serpent) greifend, spielt eine zärtliche kleine Tonfolge in Moll, über die das von mediterraner Melancholie geprägte Akkordeon der Marke Victoria zu einem phantasievollen Klagelied anhebt. Reijseger reibt dabei die Saiten, sodass sie klingen wie ein Windhauch. Ganz leise verklingt die Komposition. Das Publikum erwacht wie aus einem Traum, zögert ein wenig und applaudiert.
Der tonangebende Italiener, der französische Tieftöner und der holländische Cellist bilden eine kleine, aber feine europäische Union. Die Improvisationsmusik ihres neu formierten Trios changiert zwischen sardischem Volkslied, Tango Nuevo, Blues und sinnlicher Avantgarde. Ein weltlicher Genuss im sakralen Raum - für Herz und Verstand. Thomas Staiber
Jessica Gall im Merlin, 12. 4. 2008
Was für ein Unterschied zwischen der unter dem Diktat der phonographischen Industrie hübsch konfektionierten CD „Just Like You“ und dem Konzert der Berliner Sängerin Jessica Gall und ihrem Quartett! Als wären Wildkatzen aus einem Tierpark in die Freiheit gelangt. Was auf der CD mit der Zeit ein wenig schablonenhaft und brav klingt, wird beim Live-Auftritt zum Leben erweckt. Und wie! Die 28-jährige Absolventin der Hanns-Eisler-Musikhochschule gewinnt mit ihrer hellen ungekünstelten Stimme, die nach Rauch und Honig klingt, auf Anhieb die Sympathie des zahlreich erschienenen Publikums. Sie singt Eigenkompositionen ihres Keyboarders Bene Aperdannier und Songs von John Lennon, den Bangles und Coldplay. Die Band begleitet ihre Frontfrau elastisch leicht und melodiös. Ein alter Bekannter, der seit sechs Jahren in Berlin lebende Saitenkünstler und Landesjazzpreisträger Jo Ambros, spielt dabei sehr hübsch Gitarre. Besonders anrührend gerät eine langsame, nachdenkliche Version von „Should I Stay Or Should I Go“ von The Clash. Mit verhaltener Melancholie, betont schlicht und auch ganz langsam singt die werdende Mutter das Lied vom Erwachsenwerden: „Hänschen Klein“. Ein zauberhafter Moment im Stuttgarter Live-Club Merlin. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber