Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Rabih Abou)

Nicht so bei Rabih Abou-Khalil. Der etablierte World-Jazz-Künstler verschmilzt auf "Morton's Foot" nicht nur musikalische Welten, sondern sucht auch im Art-Design die gelungene Fusion. In Gerhard Haderer, dem Stern-Karikaturisten, hat er für diese Aufgabe einen humorvollen Kollaborateur gefunden. Seine Symbiose aus Kalligraphie und Karikatur-Kunst verwirrt und entzückt ebenso wie die Musik seines Auftraggebers.
TRACKLISTE

1.
Ma Muse M'abuse

2.
Morton's Foot

3.
Il Ritorno Del Languore

4.
Lobotomie Mi Baba Lu

5.
L'histoire D'un Parapluie

6.
O Papaia Balerina

7.
Dr. Gieler's Wiener Schnitzel

8.
Il Sospiro

9.
Hopping Jack

10.
Waltz For Dubbya

11.
The Return Of The Maltese Chicken













"Für viele Künstler unserer Zeit ist das Multikulturelle, das lockende Fremde, als musikalische Stimulanz längst Alltag" wissen die Liner Notes zu berichten. Während Bhangra und Oriental-Pop die Diskotheken erobert, werden in den Konzertsälen der Jazz- und Weltmusik auf verschiedene Weise dieselben Symbiosen gefeiert. "Keine Fusionen im Sinne eines Wolpertingers - halb Hase, halb Ente! Hier entsteht aus verschiedenen Kulturelementen etwas Eigenes, in sich Schlüssiges. Etwas Lebendiges und Schönes, wie ein blaues Kamel!"
Obwohl die Schönheit von blauen Kamelen, oder in diesem Fall die Musik von Rabih Abou-Khalil live am schillerndsten strahlt, ist sie auch aus der Konserve zu genießen. Davon sind auch die Jurymitglieder überzeugt, die ihm im Dezember 2002 mit der Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik auszeichneten: "In der Musik von Rabih Abou-Khalil spiegeln sich die reichen Erfahrungen eines Wanderers zwischen den Kulturen. Fernab eines modischen Folklorismus überzeugt Rabih Abou-Khalil mit einer Musik, die aus dem Verständnis unterschiedlicher Traditionen zu zeitgenössischen Ausdrucksformen findet."
Eigene Klangsprache

"Aus einer der herausragenden Instrumentalisten auf dem Oud, der arabischen Laute, wie auch als Komponist hat er sich mit einer völlig eigenen Klangsprache profiliert." Auch eine Jury, in diesem Fall die des Deutschen Schallplattenpreises, tastet sich gelegentlich erst einmal vorsichtig an ein Werk heran. Das ist angesichts der stilistischen Vielfalt dieser Musik, die sich jedem Versuch der Zuordnung kurzerhand entzieht, auch nötig. Zudem ist Rabih Abou-Khalil kein Komponist, dessen Musik sich bereits beim ersten Hören in ihrer ganzen Pracht entfaltet.
So erfordert auch "Morton's Foot", das jüngste Album des aus dem Libanon stammenden Abou-Khalil, die ganze Aufmerksamkeit des Zuhörers. "Morton's Foot" bezeichnet die ungewöhnliche Fußform, bei welcher der zweite Zeh länger ist als die anderen. Der Albumtitel lässt sich in seiner metaphorischen Bedeutung für die Besonderheit der Musik von Rabih Abou-Khalil durchaus auf sein Werk übertragen. Auch bei ihm wachsen einzelne Komponenten über den ihnen gewöhnlicherweise zugestandenen Rahmen hinaus und führen ein regelrechtes Eigenleben. Zu entdecken sind zarte Klarinetten-Improvisationen (hervorragend: Gabriele Mirabassi) im Zusammenwirken mit einem magischen Akkordeon (virtuos: Luciano Biondini), außerdem eine ungeahnt filigrane Tuba (beeindruckend: Michel Godard), die multikulturelle Rhythmik von Schlagzeug und Rahmentrommeln (großartig: Jarrod Cagwin) und natürlich das Oud-Spiel des Meisters selber (hypnotisierend: Rabih Abou-Khalil).
Den Höhepunkt bildet jedoch der sardische Tenor Gavino Murgia, dessen fremdartige Gesangstechnik, die auf Sardinien eine lange Tradition besitzt, die Grenzen zwischen Instumental- und Vokalmusik aufzuheben scheint - das hervorstechendste Beispiel für eine über sich selbst hinauswachsende Klangfarbe.
Der faszinierende Detailreichtum von "Morton's Foot" erschließt sich erwartungsgemäß erst nach mehrfachem Hören. Vollends verstehen wird man die Musik vielleicht trotzdem nie. Sie bewahrt sich ein phantastisches Geheimnis, eine Aura des Unergründlichen, die den Neugierigen dazu treibt, immer tiefer in sie einzutauchen.
Man neigt dazu, Musik nach Kategorien zu sortieren. Ist "Morton's Foot" nun Jazz mit arabischen Klangfarben oder moderne arabische Musik mit Jazz-Einfluss ? Oder beides zu gleichen Teilen und damit die versuchte Verschmelzung kultureller Traditionen zwischen Orient und Okzident ? Noch einmal die Jury des Deutschen Schallplattenpreises:
"Fernab eines modischen Folklorismus überzeugt Rabih Abou-Khalil mit einer Musik, die aus dem Verständnis unterschiedlicher Traditionen zu zeitgenössischen Ausdrucksformen findet."
© Michael Frost, 07. Oktober 2003
 DISKOGRAPHIE

2003 Morton's Foot Ansprechende Fusion vom preisgekrönten World-Jazz-Künstler.


2002 Il Sospiro Ein Oud-Tagebuch voller Skizzen, loser Blätter und Gedankensplitter.



2001

Cactus Of Knowledge

1999

Yara

1997

Odd Times

1996

Arabian Waltz

1994

Bukra

1994

Between Dusk And Dawn

1994

Tarab

1994

Roots and Sprouts

1994

Sultan's Picnic

1992

Blue Camel

1992

Nafas








Rabih Abou-Khalil - "Morton's Foot"
Rabih Abou-Khalils Alben waren schon immer Gesamtkunstwerke - "Morton's Foot" legt aber noch einen drauf: Bookletgestaltung – vom Meister selbst, mit etlichen Seiten Text und Photos sowie diversen überraschenden Spielereien – und die Musik dieses Albums sind bis ins Detail ausgeklügelt und ausgemalt, zeigen zarteste Nuancierungen und schönste Bilder.
Rabih Abou-Khalil - "Morton's Foot"
Oud-Spieler Abou-Khalil, aus dem Libanon stammend und in München beheimatet, hat sich über die Jahre einen aufeinander eingestimmten Künstlerstamm herangezogen, der einen nuancierten Bandsound ohnegleichen erzeugt. Erwähnt seien hier an vorderster Front der Tubaspieler Michel Godard und Akkordeonist Gabrielle Mirabassi. Und hört man Godards Tuba grunzen, unerwartet filigran Basslinien tupfen, und Mirabassi melodische Akzente setzen, wer kann da noch wiederstehen ...
Die Musik dieser CD ist – wie immer bei Abou-Khalil – eine Klangreise: Ausgehend von der Welt der arabischen Musik durchwandert sie Zeit und Raum, läßt einerseits Osteuropa nicht links liegen, aber andererseits auch westliche Einflüsse nicht völlig außen vor.
"Morton's Foot", mit dem schönen humorigen elf-sekündigen "The Return of the Maltese Chicken" ist Liebe zu Musik und Klängen pur – mit entsprechendem Spaßfaktor!
Carina Prange
CD: Rabih Abou-Khalil - "Morton`s Foot" (Enja 94622)
Seine CDs mit dem arabisch angehauchten Artwork fallen in jedem Plattengeschäft sofort auf. Der Oud- Virtuose Rabih Abou-Khalil besticht seit eineinhalb Jahrzehnten mit außergewöhnlichen genreübergreifenden Live- und Studioprojekten. Über den Unterschied zwischen Didi Hallervorden und Charlie Chaplin, Hering mit Sahne, seine neue CD, die Bedeutung von Sinnlichkeit in der Musik und vieles mehr sprach er ausführlich mit CONCERTO.

Martin Schuster: Warum wird deine neue CD "Morton's Foot" heißen?
Rabih Abou-Khalil: Ich verstehe zwar das Bedürfnis, die Titel meiner Stücke und CDs zu interpretieren, und ich könnte es auch erklären. Ich liebe auch Titel, die Anlass zu diversen Interpretationen sein können. Es ist auch letztlich die Hauptaufgabe der Kunst, Rohmaterial zum Träumen zu liefern. Ich kann natürlich einiges über "Morton's Foot" sagen, über diesen amerikanischen Arzt, der das Phänomen anatomisch beschrieben hat. 25% der Bevölkerung haben so einen Fuß, wo die zweite Zehe länger ist.
MS: Die Band ist auch teilweise neu; Michel Godard und Jarrod Cagwin waren schon auf anderen CDs mit dir zu hören, die anderen Bandmitglieder sind ganz neu dabei - ein Sänger, ein Akkordeonist und ein Klarinettist, alle aus Italien.
RAK: Wenn möglich, arbeite ich mit derselben Band so lange zusammen, dass die Musik wirklich reifen kann. Das ist wie bei einem Liebesverhältnis: Beim ersten Mal ist es zwar wunderbar aufregend, aber es ist nicht das Schönste. Dieses sinnliche gegenseitige Verständnis kann man nicht innerhalb einer kurzen Zeit finden, das muss wachsen. Die größte Tragik heute in der Musik ist, dass es kaum noch Bands gibt. Das hat zum einen ökonomische Gründe, zum anderen ist es eine ganz eigenartige Auffassung vom Musikbusiness. Da habe ich schon öfter von Veranstaltern gehört: "Ach, die Band hatten wir schon voriges Jahr; ich warte mal, bis du eine neue Band hast." Dabei ist dieselbe Band ein Jahr später vielleicht viel besser. Früher konnte man auch nicht genug von der Miles Davis Band haben. Das besitzt ganz andere Qualitäten - die Leute gehen viel instinktiver aufeinander zu, man ist befreundet, und du weißt von den anderen, was sie in einer bestimmten Situation sagen und wie sie sich verhalten. Mehr Raum zu lassen, das ist eine Sache, die ich immer wieder predige, und dass jeder so spielen sollte, dass die anderen besser klingen. Was ich nicht schön finde, sind diese unendlich langen Soli, an deren Ende man eigentlich überhaupt nicht mehr weiß, worum es ging. Letztendlich hat das keine Aussage mehr. Deshalb versuche ich immer, eine Band länger zusammen zu halten. Der Sänger, Gavino Murgia, kommt aus der sardischen Tradition. Er ist kein ausgebildeter Jazzmusiker, spricht nur Italienisch und kommt aus einem ganz kleinen Dorf in Sardinien. Ich habe gleich gespürt, dass wir hier eine rhythmische Basis für eine Stimme haben. Einen Sänger in der Band zu haben ist schon einmal etwas Schönes; aber es ist ein Unterschied, ob man ihn so integriert, dass er mit dem, was er macht, noch eine andere sinnliche Dimension einbringen kann. Wir haben ihn sozusagen aus seinem Kontext gerissen und seinen Gesang dann wieder so adaptiert, dass er in den neuen Kontext hineinpasst. Das ist für mich das Interessante an einer solchen Begegnung: Dass man scheinbar gegensätzliche Dinge so zusammenführen kann, dass sich jeder fragt, warum das noch keiner vorher gemacht hat. Wie Hering mit Sahne zum Beispiel. Das ist auch bei Beziehungen oft so, dass da zwei vollkommen gegensätzliche Menschen zusammen sind, deren Beziehung aber trotzdem länger interessant bleibt.
MS: Das heißt, du triffst öfter Musiker, von denen du glaubst, der könnte es sein …
RAK: Öfter nicht, aber wenn es passiert, ist da meistens schon ein Moment, in dem ich sage: Das ist toll, das will ich machen. Ich probiere dann auch lang herum, bis daraus zum Beispiel eine Tournee wird. Persönlich hasse ich nichts mehr als Zeitverschwendung. Es ist auch wunderschön, das Intuitive mit dem Erarbeiten zu mischen, aber es ersetzt nicht dieses sinnliche Erlebnis, dieses Ausgereifte, zu dem man nach einiger Zeit kommen kann. Deshalb üben wir auch alle gemeinsam. Und unser Ziel ist es, dass jemand aus dem Konzert hinausgeht und das Gefühl hat, er hat jetzt ein paar Träume mehr, oder Vorstellungen, oder Bilder. Das ist etwas, was ich schon von einem Konzert erwarte, und solche Konzerte findet man selten. Abgesehen davon, dass auch jeder Musiker in meiner Band allein ein Konzert bestreiten könnte. Das ist noch seltener: Dass man Leute hat, die wirklich spielen können, die aber nicht alles spielen, was sie spielen können. Da ist immer noch etwas drin das nächste Mal.
MS: Siehst du musikalisch einen Unterschied zu deinen letzten Projekten - "Yara", "The Cactus Of Knowledge" und die Solo-CD? Es fällt auf, dass die neue Band sehr "italienlastig" ist.
RAK: Na ja, das hat mit Italien gar nicht so viel zu tun. Es hat mich auch nie interessiert, wo jemand herkommt. Das ist das Schöne: Man findet Leute, die völlig unabhängig von ihrer kulturellen Zugehörigkeit zusammenkommen. Das ist ähnlich, wie wenn du eine Party machst. Da schaust du auch nicht: Jetzt hab ich einen mit 1,60 Metern, dann brauch ich noch zwei mit 1,80 und mit 2 Metern … es sind schon Gefühlsfragen, wo man sagt, das passt jetzt zusammen. Das mit Italien … nun, ich bin ja aus dem Libanon, das ist auch ein mediterranes Land, und da gibt es schon Ähnlichkeiten in der Lebensart. Das wirkt sich aber gar nicht so sehr auf die gemeinsame Musik aus. Gavino kommt zwar aus diesem kleinen Dorf in Sardinien, wenn er singt, gibt er einem aber gar nicht das Gefühl, dass er stark in der sardischen Tradition verwurzelt ist.
MS: Bei deinen Konzertansagen gestern bekam man den Eindruck, dass es zu jedem Stück eine eigene Geschichte gibt. Entstehen so die Titel - zuerst gibt es da eine Komposition mit einem bestimmten Charakter, und dann versuchst du dazu einen Titel zu finden?
RAK: Die wechseln verrückterweise mit den Geschichten und die Geschichten mit den Stücken. Ich mache das auch aus einem bestimmten Grund: Ich finde, Musik, die gut ist, ist auch Musik, die man auf verschiedenen Ebenen hören kann. Man kann sie auch oberflächlich genießen oder eben in komplexe Strukturen eintauchen und sie länger genießen. Eine Musik, die so offensichtlich ist, dass man sie beim ersten Hören versteht, mag zwar sehr gut gefallen, aber das ist nicht etwas, das man sich länger anhören kann. Ich habe ja in Deutschland auch klassische Flöte studiert, und ich hatte einen Lehrer, der ein großer Mozart-Fan war. Mozart kann ja auch unendlich kitschig klingen. Seine Aufgabe sah er darin, den Leuten beizubringen, dass Mozarts Musik eigentlich gar nicht so kitschig ist und dass man an Hand der Notenblätter sehen kann, wie komplex, raffiniert und genial seine Kompositionen sind - was man beim ersten Hinhören nicht unbedingt merkt. Das hat mir zu denken gegeben, und ich habe dann analysiert: Wenn mir eine bestimmte Musik gefallen hat, dann hatte sie diese Elemente, auch das Tiefgründige, dass man eben nicht gleich die Faust vors Gesicht kriegt oder auch nicht Musik, die sich nach Angabe anhört, nach dem Motto: Schau mal, was wir alles draufhaben. Das mit den Geschichten: Ich habe damit angefangen, weil ich auch ganz gern ein surrealistisches Traumerlebnis liefere, das sehr viel Raum für eine persönliche Interpretation eines jeden bietet. Und so merke ich, dass sich auch die Ansagen gemeinsam mit den Stücken ändern, je nach Tagesstimmung.
MS: Wie komponierst du? Ganz herkömmlich mit Stift und Notenpapier, oder mit dem Computer?
RAK: Ich schreibe es natürlich zuerst mit der Hand auf, so wie man eine Geschichte anfängt. Und dann benütze ich schon ein Computerprogramm, wo ich die Noten reintippe, damit das ordentlich aussieht - ich habe eine furchtbare Handschrift! So organisiere ich das dann optisch, und letztendlich ist es auch einfacher, es zu korrigieren und zu verändern.
MS: Welchen Stellenwert hat Humor in der Musik?
RAK: Genauso viel wie Humor in der Sinnlichkeit, im Sex. Sinnlichkeit gehört für mich grundsätzlich zu jedem künstlerischen Ausdruck; das sind die Sachen, die uns am meisten beeindrucken. Sinnlichkeit heißt jetzt nicht nur Geschlechtsverkehr, sondern das Gefühl, dass man bestimmte Sinne berührt hat. Ich bin ja auch ein totaler Zappa-Freak, und diese eine Platte heißt: "Does Humor Belong In Music?". Es hat mich immer beeindruckt, wenn jemand Humor in die Musik bringt, ohne gleich banal oder dämlich zu werden oder auf Kalauer aus zu sein, so dass die Leute nach mehrmaligem Hören immer noch schmunzeln können. Auf diese Weise schätzt man auch Virtuosität wieder viel mehr, denn an sich hat die eigentlich keinen Sinn - jede Sekretärin kann schneller tippen … Das Ganze muss noch mit einem sinnlichen Erlebnis verbunden sein, da gehört auch Humor und Trauer usw. dazu, eigentlich eine Mischung von vielen Gefühlswelten. Musik, die nur traurig ist, macht depressiv, wenn sie nur lustig ist, wird sie doof und banal, wenn sie nur happy ist, wird sie unerträglich. Wir brauchen immer eine Balance zwischen dem Yin und Yang, zwischen forte und piano, zwischen Mann und Frau … und je mehr wir eine Balance haben, die immer wieder zum Kippen neigt und im letzten Moment doch noch zurückgerückt wird, desto mehr kommen wir zu diesem emotionalen Rhythmus, der vielleicht das ausdrückt, was Musik oder Poesie an sich sein soll. Ich sehe auch immer eine Verbindung zum Wort, dass ich etwas musikalisch und in Worten ausdrücken kann. Das gehört zu den schwersten Dingen - etwas humorvoll und gleichzeitig nicht banal zu machen. Das macht den Unterschied zwischen Didi Hallervorden und Charlie Chaplin aus …
MS: Bei einem Musiker, der sehr viele arabische Elemente einbringt, stellt sich natürlich die Frage: Wie ist sein Verhältnis zur Tradition? Das ist ja etwas sehr Zwiespältiges - einerseits ist es etwas sehr Schönes, das man auch pflegen sollte, aber Tradition kann auch hemmen, erdrücken.
RAK: Mittlerweile benutze ich äußerst wenige arabische Elemente, trotzdem hört es sich immer noch arabisch an - ich weiß nicht, woran das liegt. Es gibt diese Rhythmen, die wir verwenden, in der arabischen Musik nicht. Die Tonarten, die ich verwende, klingen eigentlich sehr chromatisch, das ist eher wie neuere klassische Musik. Vielleicht ist es die Art, wie ich Rhythmus verwende, mit diesen Akzenten, die sich immer wieder verschieben, die einem diesen "arabischen" Eindruck geben. Aber letztendlich ist es mir wahnsinnig egal. Ich glaube auch, dass der Begriff "Tradition" irreleitend ist. Die Tradition von heute war gestern revolutionär, die Tradition ist nicht etwas, das einfach da ist und fertig. Heute sagt man: Beethoven ist traditionell, aber irgendwann war seine Musik revolutionär. Ich höre das auch immer aus der arabischen Welt, wo man aus mangelndem gegenwärtigem Wertbewusstsein auf die Tradition zurückgreift. Das ist sehr schön - ich höre sehr gern traditionelle arabische Musik, das ist vielleicht sogar das, was ich am allermeisten höre. Auch im Jazz mag ich gern die älteren Sachen. Ich glaube, es ist auch wichtig, dass man seine Wurzeln kennt. Wenn ein Baum wachsen will, müssen die Wurzeln immer tiefer in den Boden gehen. Es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt, um auch eine Richtung für seinen Weg zu finden. Nur, die Traditionspflege als musikalischen Ausdruck herzunehmen ist eigentlich ein völliges Unverständnis der Tradition gegenüber. Man sollte immer daran denken: Was heute revolutionär ist, sollte morgen traditionell werden können.
MS: Ist es eigentlich sehr anders im Libanon aufzutreten? Hat Musik dort einen anderen Stellenwert, oder fasst man sie anders auf?
RAK: Das ist von Stadt zu Stadt anders, sogar von Veranstaltung zu Veranstaltung. Und das finde ich schön, weil es überhaupt nicht langweilig ist - es ist etwas völlig anderes, ob ich in Italien auftrete oder hier oder im Libanon. Ich würde gar nicht mal sagen, besser oder schlechter. Es gibt große Unterschiede in der Art, wie verschiedene Leute Freude oder Zufriedenheit ausdrücken. In den arabischen Ländern kommt immer noch ein anderes Element dazu: Die vergleichen ihre eigene Geschichte mit dem, was da geboten wird.
MS: Und wie nehmen arabische Zuhörer deine Musik auf?
RAK: Sehr gemischt. Ich höre natürlich oft Kritik gerade aus diesem Bereich - na ja, wo bleibt die Tradition? Ich bin auch kein traditioneller Mensch, meine ganze Art und so. Ich wohne auch nicht zwischen den Kulturen, sondern ich würde sagen: innerhalb der Kulturen. Wenn ich im Libanon bin, schlüpfe ich gern in die Rolle des Libanesen - es ist ja auch ein Teil von mir. Ich pflege das für mich, nicht aus ideologischen Gründen.
MS: Du siehst dich also nicht als Botschafter oder Vermittler zwischen den Kulturen?
RAK: Es wäre schön, wenn man diese Wirkung haben könnte, so dass jemand sagt: Ach, wie schön die Welt doch sein könnte! Letztendlich ist es mir aber völlig wurscht, die können sich bekriegen, so lang sie wollen, so lange ich meine Musiker habe, mit denen ich gut zu Recht komme. Ich glaube, wir können uns letztendlich nur in Mikrokosmen aufhalten. Ich glaube auch nicht, dass eine Zeit gegeben hat, wo man sich kulturell freier getroffen hat als heute. Wir haben heute relativ viele Möglichkeiten uns vorurteilsfrei auf kultureller Ebene zu begegnen, und es funktioniert noch immer nicht. Realistisch gesehen glaube ich auch nicht, dass man das irgendwann von der Welt erwarten kann. Wenn die Amerikaner sich wundern, dass die Iraker sie nicht mögen … unlängst hatte ich eine Diskussion, wo plötzlich einer sagte: Stell dir mal vor, das wäre umgekehrt und die Iraker wären in Amerika! Und die Menschen würden dann sagen: Was wollen die hier? Wollen die uns Freiheit bringen, hier in Amerika? Also diese umgekehrten Vorzeichen werden unheimlich wenig beachtet. Begriffe wie Freiheit oder Demokratie, die vielleicht für uns absolut klar sind, bedeuten für andere Leute überhaupt nichts. Bei den Kreuzrittern damals hat man ja auch nicht verstanden, was die wollen. Da herrschte in Europa völliges Unverständnis, wieso die da drüben nicht Jesus Christus mit offenen Armen empfangen - wieso bestehen die auf ihrem blöden Propheten? Ich glaube nicht, dass man zwischen Kulturen vermitteln kann, aber es ist schön zu wissen, dass es möglich wäre. Ich glaube nicht, dass man mit Musik zum Frieden beitragen kann. Ich glaube nicht, dass ein Rechtsradikaler meine Musik hört und dann sagt: Toll, die sind doch nicht so blöd. Das Einzige, was passiert ist, dass Leute, die schon die Einstellung haben, dass die Welt in Friede leben kann, ihre Meinung nur bestätigt sehen. Letztendlich ist das eine banale Feststellung: Natürlich geht es, es ist ja auch schon immer gegangen. Die ganze Kulturgeschichte der Menschheit lebt ja von gegenseitiger Einflussnahme. Zum Beispiel Mozart mit seinem "Alla Turka", das war eine absolute Modeerscheinung. Und gerade die Künstler waren sich nie zu schade, um von anderen Kulturen Einflüsse entgegenzunehmen. Nur haben sich die Menschen deswegen immer noch bekriegt und geschlachtet. Ich glaube, wir Künstler werden immer unsere relativ heile Nische in der Welt haben, wo wir sagen können: Das ist jetzt unser Bereich, und zumindest tun wir keinem was.
MS: Warum wohnst du eigentlich in einer kleinen bayrischen Stadt?
RAK: (Lacht) Irgendwie bin ich dort hängen geblieben. Ich habe auch überhaupt keine kulturellen Assoziationen mit dem Ort, in dem ich wohne. Letztendlich wohne ich nur dort … Zuerst habe ich in München gewohnt, ich bin aus dem Libanon dahin gekommen, weil ein Freund aus dem Libanon von mir schon da war. Er ist dann irgendwann zurückgegangen, und ich bin geblieben. Ich bin auch so viel auf Reisen, dass ich mich gar nicht so ortsgebunden empfinde. Aber ich habe schon ein Verhältnis zur deutschen Kultur, ich mag auch die deutsche Sprache sehr gern. Ich weiß letztendlich nicht, wie sie klingt, ich kann das schlecht beurteilen, weil ich sie schon zu gut kenne. Aber ich spreche ein paar Sprachen, und ich finde, es ist schon enorm, welchen Kosmos an Ausdrucksmöglichkeiten die deutsche Sprache hat. In anderen Sprachen suche ich wirklich lange, bis ich das finde. Nur schade, dass kaum noch jemand korrekt Deutsch spricht … (lacht) Auch die Möglichkeit, Wörter zusammenzusetzen, gibt es so in keiner anderen Sprache. Zum Beispiel der Ausdruck „Fingerhut“! Das Wort an sich hat schon eine poetische Aussage. Oder „ankommen, durchkommen, wegkommen, durchkommen …“ Schon beeindruckend, wie viele Dichter es in der deutschen Kulturgeschichte gegeben hat. Ich kann das als Libanese ja sagen, ohne mich irgendeinem Verdacht auszusetzen … (lacht) In meinen Bands haben wir ja immer diese kulturelle Vielfalt, wir machen uns aber auch ständig darüber lustig.
Text und Interview: Martin Schuster
(im Bild links neben Rabih Abou-Khalil)
Fotos: Herbert Höpfl


~ Thomas Staiber

Deko Füller
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