Artikel geschrieben am: 28.04.10

Tuareg

 

 

 


 

Eine E-Gitarre in der Wüste

Tamikrest nennt sich die Band, die den Schmerz und die Wut der Tuaregs besingt, dem Nomadenvolk, das verfolgt und zur Sesshaftigkeit gezwungen wurde. „Es macht mich krank, wenn ich an meine Reise denke.“ Osman Ag Mossa will nach Algier fahren, zweitausend Kilometer im Bus von Tamanrasset im Süden der Sahara. Zweitausend Kilometer, um ein Schengen-Visum zu beantragen. Unter der Rubrik Beruf steht auf seinem Pass Künstler. Sein Pass wurde in Mali ausgestellt, dem westafrikanischen Staat, der an den Süden von Algerien grenzt. Osman Ag Mossa, der Sänger, Gitarrist und Komponist der Gruppe Tamikrest, will nach Europa reisen, um für „Adagh“, das erste Album der Gruppe zu werben. Es ist bei einem deutschen Label erschienen, produziert von Chris Eckman, dem Gründer der amerikanischen Folk-Rock-Band The Walkabouts. Im Begleitext der CD heißt es: „Für Tamikrest gilt der schöne Satz: Tradition bedeutet nicht, die Asche aufzubewahren, sondern das Feuer am Brennen zu halten. Gegründet 2006, sind Tamikrest die adoptierten, ‚spirituellen Söhne’ der berühmten Tuareg-Band Tinariwen. Die sieben Musiker aus Kidal, Mali, allesamt Mitte zwanzig, führen mit dem hypnotischen Groove und den intensiven Songs ihres Debüts ‚Adagh’ die Tradition in die Zukunft. Die Songs von Tamikrest atmen die Magie und Faszination der Wüste, künden aber auch von der harten politischen Realität und dem Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung.“

Osman ist ein Tuareg, wie die Araber sagen, „un homme bleu“ sagen die Franzosen wegen der indigoblauen Farbe des Turbans. Osman entspricht aber nicht dem Klischee. Er hat keinen Fes, reitet kein Kamel, und er trägt auch nicht die Farbe Blau. Dem Film Avatar ist er definitiv nicht entsprungen. Osman lebt in Tamanrasset und war noch nie in Europa. Er hat noch nicht einmal die Sahelzone verlassen. Er ist ein wahrer Wüstensohn, einer, der 1985 in einem winzigen Dorf zwischen Mali und Algerien auf die Welt kam. Im selben Jahr wurden seine Eltern wegen der extremen Trockenheit sesshafte Bauern. Fünf Jahre später starben seine Mutter, seine kleine Schwester und ein Bruder an den Folgen einer Epidemie. Kurz darauf hat die Armee von Mali das Dorf angegriffen. Der Konflikt zwischen den Tuaregs und der Zentralmacht geht zurück auf die Zeit der Dekolonisation in den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Franzosen die Sahara-Region verlassen hatten. Das Territorium wurde mit sauberen geraden Linien zwischen Mali, Algerien, Libyen, Niger und Mauretanien aufgeteilt. Der Verantwortliche mag ein guter Geometer gewesen sein, ein guter Geopolitiker, den das Schicksal der Nomaden interessierte, war er nicht.

Die Stämme - daran gewöhnt, sich frei zu bewegen - wurden separiert, marginalisiert, administriert. Die schwarzen Eliten bezeichneten sie als Weiße und beglichen alte Rechnungen aus der Zeit, als die Tuaregs schwarze Sklaven hielten. 1963 kam es in der Gegend von Adagh, da wo Osman Ag Mossa aufwachsen sollte, zu einem Aufstand der Tuaregs, der blutig niedergeschlagen wurde. Die Zivilbevölkerung wurde angeklagt, die Aufständischen unterstützt zu haben und abgeschlachtet. Unter den Opfern ein Mann namens Alhabib Ag Sidi. Dessen Sohn Ibrahim ist als Vierjähriger bei dem Massenexodus dabei. Später wird er sich bewaffnen, zuerst mit Pistole und Krummmesser, später mit einer E-Gitarre. Ibrahim ist der Gründer  von Tinariwen, der legendären Gruppe, die den Tuareg-Rock erfunden hat.

Der libysche Oberst Muammer Al Ghadafi nahm in den 70-er Jahren Tuaregflüchtlinge auf und rekrutierte sie in der Islamischen Legion. Dort wurden sie zu Kanonenfutter in einem Kampf gebraucht, der nicht der ihre war. 1990  formierte sich eine Widerstandsarmee von Tuareg-Rebellen, die am 29. Juni die Polizeistation und das Gefängnis von Menaka im Norden Malis überfiel. Damit war die Jagd auf alle Tuaregs eröffnet. In den Bergen von Adagh wurden die Zivilbevölkerung und das Vieh massakriert. Osman erinnert sich: „Die Rebellen versteckten sich in den Bergen, aber für die Armee waren wir Tuaregs alle Freiwild. Wir mussten fliehen, unsere Arbeit, unsere Gärten aufgeben. Was folgte, war das reine Elend. Das sind die ersten Erinnerungen, die sich in mein Gedächtnis eingegraben haben.“  Eines Tages hörte er ein Lied von Tinariwen und war wie elektrisiert von dieser Musik. Ein Instrument hatte Osman noch keins, also sang er. 1994, nachdem Mali und die Tuaregs einen Vertrag unterzeichnet hatten, erhielt Osman die Chance, eine von Franzosen finanzierte Privatschule zu besuchen. Dort lernte er mit den Buchstaben des Tifinagh-Alphabets schreiben und erhielt Informationen über die alte Kultur der Tuaregs. Am Schuljahresende bei einer musikalischen Aufführung berührt Osman zum ersten Mal in seinem Leben eine Gitarre. Aber erst 2003 bekommt er von seinem großen Bruder eine geschenkt. Mit Tinariwen-Kassetten bringt er sich dann selbst das Spiel auf den sechs Saiten bei. Osman ist da Gymnasiast in Kidal, einer Kleinstadt im Norden von Mali. Es ist der Beginn seiner Musikerlaufbahn - auf den Spuren der Helden von Tinariwen.

Die Geschichte von Tinariwen ist eine moderne Tuareg-Legende, eine Quelle des Stolzes und der Hoffnung für das Volk der Tuareg, ein Vorbild für die Jugend. Mit ihren Liedern singen sie sich - nur von einer einzelnen Gitarre begleitet - ihren Gram und Groll von der Seele, sie fühlen sich zusammengehörig und stark. In den 80-er Jahren werden viele von ihnen in den libyschen Trainingslagern von Ghadafi militärisch ausgebildet. Dort kommen sie erstmals auch mit E-Gitarren in Berührung, schreiben Protest-Songs auf Tamasheq, der Tuareg-Sprache. Die Rebellion gärt. 2001 veröffentlicht Tinariwen das erste Album, drei Jahre und vier Alben später sind sie international gefeierte Stars des Wüsten-Blues. In dieser Zeit gründet Osman mit ein paar Kumpels vom Gymnasium die Gruppe Tamikrest, die durch die Tür geht, die Tinariwen geöffnet hat. Osman: „Sie haben den Tuareg-Rhythmus erfunden, wir sind ihnen gefolgt“. Doch der Weg, der vor ihnen liegt, ist steinig. Der Vertrag von 1991 wurde gebrochen und Kidal wieder von Rebellen kontrolliert. Mali reagiert mit der Drohung, Kidal zu bombardieren. Wieder fliehen die verängstigten Familien in die Berge, müssen die Kinder ihre Schulen verlassen. Osman findet sich in Tamanrasset wieder ohne die Möglichkeit, Abitur zu machen, Jura zu studieren, Rechtsanwalt zu werden. Also entschließt er sich, mit seinen Freunden als Musiker die Sache der Tuaregs zu verteidigen. Mit den vier Mitgliedern der Band führt er ein wildes Bohème-Leben – wie schon fünfzehn Jahre vor ihnen die Gruppe Tinariwen. „Jeden Abend machten wir bei Freunden Musik. Einen festen Job hatte keiner. Tagsüber schliefen wir, nachts machten wir Musik. Bei Hochzeiten gab’s ein bisschen Geld, manchmal spielten wir in der Wüste unter freiem Himmel.“ Der harte Kern der Gruppe ist nach Kidal zurückgekehrt, Osman aber hat noch ein Standbein in Tamanrasset, 900 km von Kidal entfernt. Um keine Probleme an der Grenze zu bekommen, hat er einen Pass beantragt. „Die Leute mit den traditionellen Kleidern und Turban können ohne Papiere nach Algerien einreisen; mich kontrollieren sie, weil ich wie ein Rasta aussehe, und fragen mich, ob ich Drogen habe, ob ich ein Verbrecher sei.“ Tatsächlich sieht Osman nicht aus wie ein klassischer Tuareg, eher wie eines seiner Vorbilder, wie Bob Marley. Wie ein psychodelischer Rocker pflegt er aufzutreten und trägt dabei Cowboy-Stiefel. Damit fällt in Südalgerien auf wie ein Hai im Hallenbad. Osman wohnt im Zentrum von Tamanrasset. Straßenschilder finden sich dort kaum, auf der Straße flanieren die Ziegen. Die Luft ist heiß und staubig. Osman lebt in einem Haus mit nackten Ziegeln; es wirkt arm, gemessen an europäischen Standards. An der Nahtstelle zwischen Maghreb und Schwarzafrika liegt diese Stadt mit etwa 150000 Einwohnern. Es gibt Kamelmetzger, Cyber-Cafés und seit vier Jahren eine Universität. Eine Stadt in Bewegung. Vor zwei Jahrzehnten wohnten da fast nur Menschen der Wüste, heute leben hier viele Nordalgerier, die die Wirtschaft vorantreiben. „Die Welt verändert sich“, sagt Osman. „Nomaden kennen keinen Strom, keine Autos, sie wollen völlig frei sein. Das Land durchqueren sie mit ihren Karawanen. Heute sieht man in den Hoggar-Bergen kaum noch einen Kameltreiber. Sie haben ihre Tiere verkauft für ein Auto mit Allradantrieb. Der Markt hier ist eine Katastrophe, es gibt bloß noch Jeans und T-Shirts. Die Tradition verschwindet.“ Wie können, fragt man sich, Tuaregs hier wohnen, Menschen, die daran gewöhnt sind, viel Raum um sich zu haben, Menschen, die mit ihren Tieren leben. Besonders für die Alten ist das schwer. Viele sind krank geworden. Früher wanderten sie ruhigen Schrittes, kannten keinen Lärm, nur den Sand und die Geometrie der Dünen. Vielleicht könnten sie vom Fremdenverkehr profitieren, meint Osman, aber Touristen kommen nicht hierher wegen der Terroristen, die sich in der Wüste verstecken. „Ich hoffe so sehr“, sagt Osman weiter, „dass die junge Generation ein Gespür für unsere Tradition bewahrt.“ Um die Erschütterungen zu verstehen, denen die Tuareg-Kultur ausgesetzt ist, genügt es, einen Blick nach draußen zu werfen. Da tragen die Bäume seltsame Früchte. Plastikbeutel in allen Farben, die der Wind hergetragen hat, hängen in den Ästen. Es scheint, als sei der Wüste die Umweltverschmutzung aus dem Norden egal. Doch das könnte ein Trugschluss sein. Die Tuaregs lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. „Abwarten und Tee trinken.“

Fatma, Osmans Lebensgefährtin, bereitet den Tee zu. Ein langes und virtuos ausgeführtes Ritual. Der sehr süße Tee wird auf einem tragbaren Kohlenbecken gekocht, umgefüllt und ein paar Mal wieder erhitzt, bevor er als karamellisiertes Gebräu in ein kleines Glas gegossen wird, auf dem sich eine dünne, sämige Schicht befindet. Wenn es fertig ist, beginnt die Prozedut von Neuem, denn die Tradition verlangt, dass drei Gläser hintereinander gereicht werden. „Tee trinken und rauchen – das ist für mich neben der Musik das Schönste“, bemerkt Osman. Er arbeitet nur so viel, dass er über die Runden kommt. Reich will er nicht werden. Zeit will er haben. „Außerdem“, fügt er hinzu, „kann ich besser komponieren, wenn ich nicht satt bin.“ Neben sich hat er seine neue E-Gitarre, eine Danelectro, die ihm der amerikanische Tamikrest-Produzent Chris Eckman kürzlich geschenkt hat. Der Batterie betriebene Verstärker daneben sieht nicht gerade nach High-Tech aus, für das Spielen im Freien jedoch eignet er sich perfekt. „In der Wüste finde ich meine Inspiration. Ich brauche meine Ruhe, die Einsamkeit. Nur so kann ich zu mir selbst kommen. Alles was schmerzt, steigt dann auf und wird zum Lied.“

Ab und zu organisiert Osman ein Konzert im „Tausendsternehotel“, wie er sagt. Ein paar Männer und Frauen lagern weit außerhalb der Stadt um ein Feuer und betrachten den Sonnenuntergang. Die unverschleierten Frauen beten. Tuaregs praktizieren einen liberalen Islam. Mossa Ag Borayba verbindet das Verstärkerkabel mit der Batterie eines Geländewagens, Hassan Mohammed singt und spielt Gitarre. Er gehört nicht zu Tamikrest, schafft es aber jedes Mal, auf dem Photo zu sein, wenn ein Journalist kommt. Die Frauen singen auch und klatschen im Rhythmus. Baklia Sheik trommelt dazu auf einem Plastikkanister. Später bereiten die Frauen den Tee zu, die Männer das Essen. Es gibt Hammel- und Kamelfleisch mit Gemüse, dazu Taguella, Grießfladen, eine kulinarische Spezialität der Tuaregs. Wenn die Nacht hereinbricht, fallen schlagartig die Temperaturen. Der Wind bläst so stark, dass die Ziegen ihre Hörner verlieren, sagen die Tuaregs. Man rückt am Feuer näher zusammen und singt lauter. Der Wind trägt die neuen Lieder von Tamikrest und die klassischen von Tinariwen davon. Der Geländewagen springt nicht mehr an, die Batterie ist leer. „Mit einem Kamel wäre das nicht passiert“, lacht Osman. Ein Toyota schleppt das Fahrzeug ab. Das Feuer erlischt. Keiner hat Lust, sich auf die Suche nach dem Trockenholz zu machen, das in der Wüste selten ist. Zigaretten glühen in der Dunkelheit auf. Die Silhouetten der Tuaregs sehen aus wie Scherenschnitte vor dem unendlichen Sternenhimmel über der Sahara.

 

Thomas Staiber

 

 

Tamikrest: „Adagh“.

Label: Glitterhouse
CD 946272

Internet:

www.myspace.com/tamikrest

 

www.youtube.com/watch?v=DviS1R5tyY8&feature=related

 

 

Tinariwen:

www.youtube.com/watch?v=WcqlOq1cjjc&feature=related

 

 

 

 

 

~ Thomas Staiber

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