Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Pur28.11.2009 Schleyerhalle)

Pur, 28. 11. 2009 Schleyerhalle
Freude pur – für 15000 Fans
Fünfzehntausend Fans - mehr als alle Einwohner Plochingens zusammen - bejubelten in der ausverkauften Schleyerhalle das Konzert von Pur, ihrer Lieblingspopgruppe mit dem schwäbischen Akzent. Wie groß die Zuneigung ist, verdeutlicht ein Mädchen, das beim Verlassen der riesigen Halle zum Papa hoch schaut und ihn treuherzig fragt, ob sie ihr nächstes Meerschweinchen ‚Hartmut’ nennen dürfe. Hartmut Engler, Sänger und Frontmann von Pur, hätte auch dafür bestimmt Verständnis.
Pur-Songs - das zeigt das Konzert - sind aus dem Leben gegriffen, leicht zu verstehen und für ihre Fans schlicht glaubwürdig. Mag sie mancher als postpubertäre Ergüsse abtun, die Gefühle so vieler Menschen, die dabei ganz offensichtlich glücklich sind, zu verspotten wäre hochnäsig und herablassend. Pur - so sehen es die Fans - das sind Kerls im besten Alter, die man gern zum Kumpel hätte. Insbesondere Engler bewundern sie als einen, der das ausspricht, was man selber fühlt und denkt, ohne es selbst je so griffig sagen, geschweige denn singen zu können.
Natürlich dreht sich bei Pur das meiste – wie überall in der populären Musik – um die Liebe. Um Liebe zwischen Lust und Leid. „Zwei Königskinder, wir sahen uns im Seelenschein - verwandt, verwandelt, taumelnd. Ziel: Richtung Happyend. Doch der Weg war nicht derselbe, was uns auseinander trieb, bis uns beiden nichts mehr anderes übrig blieb“, singt Engler mit seiner hellen Stimme im Brustton der Überzeugung und teilt seine jüngst durchlittenen Trennungsgefühle mit. „Geliebt“ heißt der neue Song, und dessen Aussage können viele nachvollziehen. Dieses Mitteilen und Teilen eigener Erfahrungen, schönen und weniger schönen, macht Pur erfolgreich. Dabei stellen sie sich nicht als Combo mit aufgepimptem Ego zur Schau, sondern halt als die sympathischen Typen von nebenan, die es geschafft haben. So ist Engler mit seinen Texten eine Identifikations- und Projektionsfigur zahlloser „Normalos“. Selbst kritische Töne, die er anschlägt, werden nicht verübelt, solange Hoffnung auf bessere Zeiten besteht: „Irgendwo in dieser Welt liegt ein bisschen Glück. Irgendwo woho, oho, oho. Irgendwo in dieser Welt liegt ein bisschen Glück versteckt. Und ich wünsch mir so, ich hätt's für mich entdeckt.“ Wo das ebenfalls vielstimmig besungene „Abenteuerland“ liegt, bleibt freilich offen. Vielleicht irgendwo zwischen Europapark und Breuningerland?
All das ist nicht bloß - wie akademisch gebildete Kritiker unterstellen – tumbe Schlagerseligkeit. Trotz aller Eingängigkeit und eskapistischen Tendenzen richtet sich der Blick durchaus auf die Realitäten, auch auf die Unbilden des Lebens. So wird ein Nachmittag auf der Diakoniestation nicht ausgespart, bei dem sich eine gewisse Frau Schneider mit fortschreitender Altersdemenz als Meisterin des Halma-Spiels erweist. Beste Stimmung herrscht beim Heimspiel der Bietigheimer Popgruppe in der Halle, Leuchtstäbe und Arme werden geschwenkt, sodass es von oben aussieht, als streiche der Wind durch ein Kornfeld.
Pur möchte nicht bloß Leute berühren und sie zum gut, besser, am besten Sein auffordern, Pur will, so bescheiden man sich gibt, auch beeindrucken. Eine Menge Euros wurden investiert - schwäbischer Unternehmergeist gebietet es -, um mit avancierter Ton- und Lichttechnik und einer durchgestylten Dramaturgie die Show über die Bühne zu bringen. Die steht mitten in der Halle, umringt von singenden, jubelnden Fans. Und sie ist beweglich, sodass die Achtmannband mit hämmerndem Supertramp-Keyboard, warm pumpendem E-Bass, knackigem Schlagzeug und geschmeidigen Gitarrenriffs über die Menschen hinweg gleiten kann. „Mittendrin“ heißt der passende Titel.
Engler, der mit seinem wie aus Holz geschnitzten Gesicht aussieht als sei er ein Vetter von Günther Öttinger, strahlt wie ein Honigkuchenpferd und besingt mit angenehm klarer Stimme „Die Beste“. Damit meint er dieses Mal keine Frau, sondern Frau Musica, die Musik selbst, die hier für so viel Gemeinschaftsgefühl und Freude pur gesorgt hat. In unserer modernen Gesellschaft mit fortschreitender Vereinzelung und Anonymität ist das doch lobenswert oder etwa nicht? Thomas Staiber


~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild