Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Peyroux 04.12.06)
---
Madeleine Peyroux, 4. 12. 2006 Mozartsaal
Man durfte auf ihr Stuttgarter Konzert gespannt sein. Nachdem Madeleine Peyroux, die amerikanische Sängerin mit dem französischen Namen, vor zwei Jahren „Careless Love“, ein wunderschönes Album gemacht hat, lag die Latte für die nachfolgende CD „Half The Perfect World“ wohl allzu hoch. Madi, wie sie von ihren Freunden daheim in Brooklyn gerufen wird, ist glatt unten durch gesprungen.
Ganz branchenunüblich reagiert Madeleine Peyroux auf Enttäuschungen. Nach ihrem Debüt „Dreamland“ kehrte sie 1992 schnurstracks zu ihren Ursprüngen zurück: in die hallenden Gänge der Pariser Metro. Als Straßensängerin hatte sie an der Seine mit dem Hut Euros eingesammelt, bis sie wegen ihrer starken Stimme, die an Billie Holiday erinnerte, mit einem Plattenvertrag von Universal weggelockt wurde. Jetzt singt die 32-Jährige auf der Bühne des Mozartsaals „Blue Alert“ von Leonard Cohen, dessen Tochter Lorca damals zu ihrer Pariser Clique gehörte. Der noch stärkere Cohen-Song „Dance Me To The End Of Love“ sollte noch folgen. Wie ein Motorradfahrer genussvoll Kurven nimmt, legt Madeleine Peyroux alles in ihre Phrasierung. Sie zerdehnt die Silben, beschleunigt das Tempo, verzögert wieder, um am Ende punktgenau ins Ziel zu kommen. Timing, Feeling und eine besondere Stimme – Madeleine Peyroux hat alles. Nur Show- Qualitäten, die hat sie nicht. Doch manchem ist ihre bescheidene Ehrlichkeit lieber als der routinierte Dauerfrohsinn einer Diva. Der Applaus, so scheint es, kommt von Herzen. Die junge Frau im Hosenanzug, rotem Jackett und Flip-Flops bringt Lieder von Dylan, Tom Waits, Randy Newman und am Ende „La Javanaise“ von Serge Gainsbourg. Ihr junges Quartett spielt leicht und locker und geschmackvoll – swingenden Jazz, Blues, Country, Musette oder Samba. Die Hammondorgel schwelgt, der Kontrabass legt ein voll und warm tönendes Fundament, der Drummer streichelt die Felle, die E-Gitarre erweckt weiche Melodien zum Leben. Madeleine Peyroux schrubbt dazu Akkorde auf einer braunen Wandergitarre und singt. Unprätentiös und ein wenig spröde, aber doch ganz bezaubernd. „Don’t Cry Baby“ hören wir, den „Weary Blues“ von Hank Williams, „Careless Love“ von W. C. Handy – und alles wird gut. Den Ausrutscher, den sie sich mit ihrer aktuellen CD „Half The Perfect World“ geleistet hat, haben wir fast schon wieder vergessen.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber