Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Petrucciani Nachrufe)

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Der Beitrag "Love Letters" von Bert Noglik ist erschienen in der TRIANGEL 12/2002, dem Programmheft von MDR FIGARO. MDR FIGARO | Jazz | Porträt Love Letters - Michel Petrucciani Der Pianist wäre am 28.Dezember 2002 vierzig Jahre alt geworden von Bert Noglik In seinen Konzerten hat er nie mit den Klängen gegeizt, sich ganz der Musik hingegeben und sich zugleich dem Publikum offenbart, sich beinahe verschenkt. Und er bekam all das auch zurück, wurde geliebt, kam nie von der Bühne ohne Zugaben. Michel Petrucciani, als Sohn eines italienischen Jazzgitarristen und einer Französin geboren am 28. Dezember 1962 in der Provence, litt von Kindheit an unter der seltenen Osteogenesis imperfecta, der so genannten Glasknochenkrankheit, die ein normales Wachstum verhindert. So wurde er nur knapp einen Meter groß und musste bei Ungeschicklichkeiten oder Unfällen, bei denen andere blaue Flecke befürchteten, gleich mit dem Schlimmsten rechnen. Mit enormer Willenskraft gelang es ihm, sich als Jazzpianist von internationalem Format zu profilieren. Love Letters - eine Widmung an die Liebe und das Publikum Anfangs als Wunderkind gefeiert, hat er in den achtziger und neunziger Jahren eine erstaunliche musikalische Reife erkennen lassen. Früh vollendet, könnte man mutmaßen. Nein, Michel Petrucciani - gestorben, 36-jährig, an den Folgen einer schweren Lungenentzündung am 6. Januar 1999 in einem New Yorker Krankenhaus - wäre gern unter den Lebenden geblieben, hätte noch viel mehr geben können, als er ohnehin schon verschenkt hat. Wen die Götter lieben ... Michel Petrucciani liebte seine Frau, ihr hat er seine Komposition "Love Letters" zugeeignet. Doch wenn er dieses Stück im Konzert spiele, sagte er, sei dies zugleich auch eine Widmung an das Publikum. Rückblende in das Jahr 1995 Nach monatelangen Telefongesprächen mit einem französischen Agenten war es uns gelungen, Michel Petrucciani für ein Konzert zu den Leipziger Jazztagen zu gewinnen. Natürlich wollte ich auch ein Interview mit ihm führen, fragte ihn nach dem Soundcheck, wann es ihm recht sei, und war verwundert, als er mir sagte, das liebste wäre ihm vor (!) dem Konzert. So saßen wir einander in der Garderobe gegenüber, und Michel kam ins Plaudern. So ein Gespräch käme ihm jetzt gerade recht, denn er sei immer entsetzlich aufgeregt vor seinen Auftritten. Wörtlich: "I hate it." Das Lampenfieber gehöre für ihn zu den schrecklichsten Dingen im Leben. Mit dem Handicap habe er lange gelernt umzugehen. "Ich versuche, das Beste zu übernehmen und das Beste zu geben." Danach befragt, dass viele seiner Stücke von klangschönen, gesanglichen Melodien durchzogen seien, antwortete er: "Na ja, ich weiß nicht; ich glaube das ist mein italienisches Herz. Wir singen viel und sind vielleicht ein bisschen glücklicher, das liegt wohl im Blut." Und dann kam er auf seine Heldengestalten zu sprechen, auf Duke Ellington und Thelonious Monk, auf Bill Evans, auch auf Rachmaninow, Ravel, Debussy und Mozart. Und wie fast alle großen Jazzmusiker bekundete er seine Liebe zu Bach. Er wolle deutsch lernen, wiederkommen nach Leipzig und sich dann mit mir deutsch unterhalten. In seinem Spiel gehe es ihm darum, das Beste aus zwei Welten zu bewahren, aus dem Jazz und aus der Musik Europas: "Jazz ist eine afroamerikanische Kunstform; und ich bin ein Europäer mit all den klassischen Einflüssen; aber ich will das Ganze nicht ideologisieren. Ich bin ein Kind dieser Welt. Ich lebe in Amerika, in Paris und auf Reisen. Ich versuche, das Beste zu übernehmen und das Beste zu geben. Mir gefällt klassische Musik, aber eben nicht alles, weil ich nicht alles verstehe. Das ist im Jazz genauso. Ich bin kein Sektierer, der nur einen Stil akzeptiert. Ich mag Musik mit einem großen M." "Ich glaube, dass das Leben wert ist, gelebt zu werden." Zweimal in seinem Leben war Michel Petrucciani verheiratet, in erster Ehe mit einer Navajo-Indianerin. Von seinen drei Kindern leidet eines gleichfalls an der Glasknochenkrankheit. Dies war den Eltern bereits während der Schwangerschaft bewusst, und Michel Petrucciani bekannte in diesem Zusammenhang: "Ich glaube, dass das Leben wert ist, gelebt zu werden." Vielleicht hat er gar noch mehr gegeben, noch mehr geben wollen und können, weil er so gefährdet war. In seiner Musik ist alles zu hören: die Kraft dynamischer Steigerungen, die Anstrengung und die Verausgabung, aber auch das Wissen um die Besonderheit des Zarten, die Schönheit des Zerbrechlichen. Er wusste mit rasanten Tasteneskapaden ebenso wie mit nachdenklichen Balladen zu überzeugen. Und er erwies sich als sinnenfroh der Welt zugewandt. Die Freude und der Stolz, mit der er mir seine Rolex-Uhr präsentierte, hatte etwas Kindliches, aber beileibe nichts Protzendes. Eher schien er damit sagen zu wollen: Schaut an, ich muss doch etwas können, wenn ich mir so etwas leisten kann ... Auch die Popularität, die er sich als Stammgast von "Willemsens Woche" erspielte, hat er genossen - eine Popularität, die weit über die Kreise des Jazz hinausreichte. Am Anfang standen Duke Ellington und ein Spielzeugpiano Im Alter von vier Jahren sah Michel Petrucciani eine Fernsehsendung mit Aufnahmen von Duke Ellington. Diese faszinierten ihn derart, dass er seine Eltern bettelte, ihm ein Klavier zu kaufen. Was er bekam, war ein Spielzeugklavier. Eines Tages hat er dieses mit einem Hammer zertrümmert. Eine deutliche Sprache: seht mal, das genügt mir nicht, ich will ein richtiges Klavier. Auf einem solchen, allerdings mit speziellen Pedal-Vorrichtungen, gab er dann sein Debüt als Jazzmusiker in der Familienband der Petruccianis mit Vater Tony, Gitarre, und Bruder Louis am Kontrabass. Mit fünfzehn wurde er Berufsmusiker bei Kenny Clarke, mit siebzehn spielte er sein erstes eigenes Album ein. In Frankreich hörte man ihn mit dem Trompeter Clark Terry, auch im Duo mit dem Altsaxophonisten Lee Konitz. In Amerika Anfang der achtziger Jahre ging Michel Petrucciani für längere Zeit nach Amerika. Dort besuchte er den Saxophonisten Charles Lloyd, der sich nach den großen Erfolgen seiner Gruppe mit Keith Jarrett meditierend in die Wälder zurückgezogen hatte. Charles Lloyd und Michel Petrucciani schlossen Freundschaft. Es war Michel Petrucciani, der Llodys langes musikalisches Schweigen bzw. seine Abstinez, öffentlich aufzutreten, durchbrochen hat: ein kleinwüchsiger Mensch aus Europa, den Charles Lloyd wie ein Kind auf den Arm nahm und den er, der rund ein Vierteljahrhundert Ältere, als einen musikalisch gleichberechtigten Partner verehrte. "Allein am Klavier gehört dir die ganze Welt." Michel Petrucciani hat mit vielen herausragenden Musikern des Jazz gespielt: mit Dizzy Gillespie, Joe Henderson, Wayne Shorter, Jim Hall, Charlie Haden, John Scofield, auch mit dem seinerzeit 88-jährigen Stéphane Grapelli. Klavier spielen, bekannte Michel Petrucciani, sei für ihn eine Kombination aus Gesang und Percussion. Wie sein Freund Charles Lloyd hätte er wohl am liebsten selbst gesungen. Doch das Klavier ermöglichte ihm dann, Nuancenreichtum, harmonische Finessen und Klangsensibilität zu offenbaren. Besonders gern gab er Solo-Konzerte. "Allein am Klavier", sagte er, "gehört dir die ganze Welt." Vieles in den Äußerungen und im Spiel von Michel wirkte schlicht, nicht naiv, sondern - vor allem in der Art, wie er es vortrug - beseelt von Emotionen. Auf dem Weg von der Garderobe bis zur Opernbühne Der Weg mit Michel Petrucciani von der Garderobe bis zur Opernbühne mutete endlos an. Nie sind mir die großen Stahltüren hinter der Bühne dermaßen gefährlich vorgekommen wie bei diesem Gang. Sich mit kleinen Schritten vorwärtsbewegend, fluchte Michel noch einmal: "I hate it." Eine Art Hassliebe, eine Überwindung, ins Rampenlicht zu treten. Und schließlich: Standing Ovations und "Love Letters". Quelle: http://www.mdr.de/mdr-figaro/musik/435104.html -------------------- Zitate von Roger Willemsen "Es gibt keinen quotenfreien Raum im Fernsehen." "Ich habe einen Musikredakteur gehabt, beim ZdF, der mir bei vier Beiträgen, die ich zu machen hatte, und ich hatte in einer Sendung zwei schwarzafrikanische Musiker, sagte: »Zwei Bimbos in einer Sendung sind zuviel«. Das ist kein Witz, das ist eine Dienstanweisung über die mich hinwegsetzen muß." Nach einer Sendung mit Michel Petrucciani (zwergwüchsig wegen Glasknochenkrankheit), bei dem die Quote sank, sagte ein Herr vom ZdF: "Der Zwerg muß weg". Roger Willemsen: "Daraufhin hat die Redaktion [seiner Sendung, H.H.] gesagt: »Der Zwerg bleibt oder wir gehen alle.«" Alle obigen drei Zitate aus: Roger Willemsen: Macht das Fernsehen dumm? Der neue "Literaturclub"-Moderator im Gespräch mit Roger de Weck aus der SF DRS-Gesprächsreihe "Sternstunde Philosophie"; Erstsendung: 1.2.2004. 3sat 7.2.2004 Quelle:http://www.gavagai.de/zitat/diverse/HHCD06.htm -------------------- "Der Zwerg muss weg!" …so markant brachte es ein ZDF-Mitarbeiter laut Roger Willemsen auf den Punkt. Michel Petrucciani hieß der "Zwerg" und Willemsen hatte ihn seinerzeit als ständigen Gast für seine Sendung "Willemsens Woche" gebucht. Jeder Auftritt des am "Glasknochen-Defekt" leidenden Pianisten lies die Quoten kurzfristig absacken - wie das allerdings bei jedem anständigen Jazzmusiker passiert wäre, da brauchte es die Mini-Körpergröße des Pianisten nicht… Petrucciani nannte sich selbst nicht "krank" sondern eben "nur" mit einem Gen-Defekt geschlagen, der ihn zu dem machte, der er eben war. Fakt ist, daß er "zerbrochen" auf die Welt kam, mit zahllosen Knochenbrüchen im Leib und er im Laufe seines Lebens immer in Gefahr stand, neue zu erleiden. Unmittelbare Folge seiner Krankheit war seine Kleinwüchsigkeit und damit ein unverwechselbares Aussehen, mit großen, immer etwas erstaunt in die Welt blickenden Augen und einem mächtigen Bauch - der allerdings nicht zuletzt auch einem guten Leben geschuldet war, wie sein Freund Willemsen erzählt. Roger Willemsen ist ein großartiger Erzähler und er lässt in der Einführung zum Film ganz plastisch die Persönlichkeit Petruccianis mit einigen kurzen Anekdoten lebendig werden. Wichtig ist ihm, daß er zunächst von Petruccianis Musik angetan war und erst später die "markante Optik" entdeckte. Betonen muss er das wohl, weil bei der Beschäftigung mit Petruccinai - als Medienmensch zumal - sofort der Verdacht aufkommt, es ginge auch um den "Freak-Faktor" der da zu Markte getragen wird. Tatsächlich war Michel Petrucciani ein begnadeter Pianist: Die Wärme und Begeisterung mit der Willemsen von Petrucciani spricht ziehen sich durch seinen einstündigen Dokumentarfilm und das persönliche Engagement für seinen Freund Michel wirkt an manchen Stellen schon fast ein wenig übertrieben. Es war - wie er betont - sein erster Dokumentarfilm und dessen Stärken sind die kleinen anekdotischen - oft sehr witzigen - Szenen aber vor allem die Gespräche zwischen Petrucciani und Willemsen, die zwischen gepflegten Albernheiten und Michel Petruccianis Angst vor dem Tod pendeln. Manchmal fehlt dem Regisseur Willemsen der kritische Blick und vielleicht ein gutgemeint warnendes Wort vor zu dick aufgetragenem Kitsch aber wahrscheinlich macht genau die Nähe und Distanzlosigkeit zum Sujet und der Dilettantismus - ganz im Sinne von "Liebhaberei - dieses Erstlingswerk zu einem besonders liebenswerten, persönlichen Film, der einem den Menschen Petrucciani in knapp einer Stunde sehr nahe bringt. Der Zwerg musste beim ZDF übrigens dann doch "nicht weg", weil der damalige ZDF-Intendant Stolte die Qualität Petruccianis zu schätzen wusste - und alle Freunde des großartigen Pianisten sowieso. PS: Die Matinee war überfüllt. Man nur raten, sich für die noch folgenden Veranstaltungen unbedingt vorab die kostenlosen Karten bei Enjoy Jazz zu reservieren - auch wenn vermutlich so mancher an diesem Sonntagvormittag dem Lockruf des Fernsehstars gefolgt war. Nicht minder interessant werden gewiss die Veranstaltungen mit Elliot Sharp am 21.10. und mit dem Bassisten Charlie Haden am 4.11.07. PPS: Ein persönlicher CD-Tipp ist "Conference de Press". Eine hinreissende Duo-Aufnahme mit dem Organisten Eddie Louiss - Montag spiele ich eine Kostprobe in Jazzology - im Freien Radio Rhein-Neckar. Und ein Intverview zu diesem Scheibchen gibt es auch. Autor: Frank Schindelbeck, Webmaster von: www.jazzpages.com | www.schindelbeck.org | www.pixelzauber.de | www.jazzology.de | www.schindelbeck.de | und einiger an dieser Stelle ungenannter Websites. Quelle: http://www.jazzblogger.de/index.php?s=intverview -------------------- Donnerstag, 25. April 2002, 21 Uhr, Grosser Hörsaal NON STOP - EINE REISE MIT MICHEL PETRUCCIANI Film des ZDF Regie / Autor: Roger Willemsen Kamera: Ekkehart Pollack, Miljen Babic Produktion: Noa Noa Fernsehproduk-tion/Francis Dreyfus Music Michel Petrucciani, 1962 in Orange mit osteogenesis imperfecta (Glasknochenkrankheit) geboren, ist einer der bedeutendsten Jazz-Pianisten der Welt. Zwischen dem Moderator Roger Willemsen und Michel Petrucciani entwickelte sich, nicht zuletzt durch dessen regelmäßige Auftritte in der Sendung "Willemsens Woche", eine tiefe Freundschaft, die Willemsen dazu motivierte, mit seinem Freund im Sommer 1995 eine gemeinsame Reise zu unternehmen. Von Paris über Hamburg nach San Francisco, Big Sur in Kalifornien und New York begleitete Willemsen den Pianisten - zu Konzertauftritten, bei der Auswahl seines neuen Flügels, beobachtete ihn bei Plattenaufnahmen und war in privaten Augenblicken mit seinem Sohn und seiner Lebensgefährtin und seinen Freunden dabei. In langen Gesprächen offenbart Petrucciani sein Verständnis der Musik ebenso wie seine außergewöhnliche Sicht auf das Leben. Quelle: http://w1.theoinf.tu-ilmenau.de/jazzclub/termine/termine2002.shtml -------------------- "Sobald man anfängt sich für gut zu halten, fängt es an, schlecht zu werden" Michel Petrucciani Im Leben ein Vorbild sein-Michel Petrucciani (von Martin Kersten) Clark Terry konnte sich eine abfällige Bemerkung nicht verkneifen. Der renomierte Trompeter aus den Staaten war gerade bei einer Tournee mit kleiner Besetzung durch Frankreich und machte beim Festival von Cliousclat Station, als ihm für ein Konzert der Pianist abhanden kam. Da sah ein dreizehnjähriger Junge aus dem südfranzösischen Orange seine Chance kommen, und er bot Clark Terry seine Dienste an. Der Trompeter glaubte an einen Scherz, doch Michel Petrucciani ließ sich nicht beirren. Er setzte sich ans Klavier, sagte zu Clark Terry: "Komm, laß uns den Blues spielen!" und der gestandene Trompeter staunte nicht schlecht, als dieser dreizehnjährige Junge anfing zu spielen! Doch ganz so einfach war das alles für Michel Petrucciani nicht. Schon in frühester Kindheit wurde bei ihm die Glasknochenkrankheit festgestellt, was bedeutete, daß er ein Leben voller Schwierigkeiten wegen ständiger Knochenbrüche vor sich hatte. Außerdem blieb er sein ganzes Leben lang körperlich sehr klein. Doch als würde ihm das alles irgendwie nicht so richtig was ausmachen, legte er auf der anderen Seite eine Zielstrebigkeit an den Tag, die jeder Beschreibung spottete. Als er vier Jahre alt war, sah Michel Petrucciani, zusammen mit seinem Vater, Duke Ellington im Fernsehen spielen. Da faßte der kleine Michel einen Entschluß für`s Leben: "Dieses Instrument möchte ich auch spielen können!" Er bekniete seine Eltern, die erst nicht so richtig wußten, was sie davon halten sollten, so lange, bis er sein Klavier hatte. Er übte und spielte, bis daß "die Tasten geraucht haben". Es war für ihn der Anfang eines Weges. Eines Weges, der ihn zum Vorbild werden ließ. Er war kaum volljährig, als er den keineswegs sicheren Schritt in die Vereinigten Staaten wagte, um als einer der ganz wenigen Europäer einen riesigen Erfolg zu feiern. Aus dieser Zeit stammen sehr schöne Aufnahmen u.a. mit Wayne Shorter, Lee Konitz, Jim Hall und vielen anderen Jazzmusikern. Er ging sein ganzes Leben lang auf Krücken, mußte auf die Bühne getragen werden und es gab nur wenige, die das durften, wie z.B. sein langjähriger Freund Roger Willemsen. Aber wenn er am Klavier saß und spielte, hätte man fast denken können, daß das alles gar nicht stimmt, das mit den körperlichen Schwierigkeiten. So virtuos hat der kleine Mann mit dem harten und rhythmischen Anschlag gespielt. So stehe ich auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise am Grab dieses Mannes, der doch nur 36 Jahre alt wurde. Ich stehe hier und kann eine gewisse Trauer nicht verbergen. In Gedanken bin ich bei seinen Auftritten in der Frankfurter "Alten Oper" oder zusammen mit dem Organisten Eddy Louiss im Pariser "Le Petit Journal du Montparnasse". Ich höre seinen unverwechselbaren Ton, den er auf dem Klavier hatte. Und ich höre, wie die Zuschauer einem Mann applaudieren, von dem man eigentlich nur sagen kann: "Er ist im Leben ein Vorbild gewesen!". So stehe ich an seinem Grab, lege ein paar Blumen darauf und rufe ihm zu: "Hast Du gut gemacht"! Michel Petrucciani starb am 6. Januar 1999 in New York an den Folgen einer Lungenentzündung. Quelle: http://www.jazzmeblues.de/Petrucciani1.html -------------------- MICHEL PETRUCCIANI (1962-1999) Plus petit qu'un piano, plus grand que la musique Mon premier souvenir de Michel Petrucciani fut cette arrivée à La Halle Aux Grains sur l'épaule d'Aldo Romano. Et Michel,ce merveilleux oiseau des îles ainsi déposé parmi nous, immédiatement commença à chanter. Oiseau mortel de nos âmes, il répandait le bonheur en musique, immense tout à coup. Plus tard à la Salle Nougaro j'ai entendu ses rires et ses joies d'enfant quand justement son fils en coulisses gazouillait, et quand il le montra sur scène comme le plus beau fruit de sa musique Lui dont la survie permanente était un miracle, brandissait son espérance contre la mort, un étendard contre le néant. Volubile comme tout bon enfant d'ORANGE, méridional jusqu'à l'excès, doté d'une énergie volée au soleil des jours et du midi dans une recherche éperdue du bonheur, il aura joué à cache-cache entre la douleur et comptant au pied de l'arbre des touches du piano. Aimant la fête il prenait la vie de vitesse. Pianiste célèbre, plus que Martial Solal hélas, il aura seulement passé 36 ans à ne plus grandir que dans nos mémoires Vif comme un écureuil, généreux au-delà des normes humaines porté par son amour à pleines dents pour la vie, il aura été contesté par les puristes et adoré par le grand public . Il voulait être compris et surtout donner du bonheur à ceux qui l'écoutaient. Fier d'avoir un public de concert classique lors de Piano aux Jacobins, il en faisait des tonnes, pour dire " c'est moi ". Partage plus qu'égoïsme : " Il est capital pour moi de donner, passer cette générosité qui est indispensable dans l'art, la musique et la vie". En solo, il se laissait emporter, il se faisait débordement par toutes ses écoutilles. Avec ses os en cristal, il taillait des bouteilles à la mer, souvent brusquement grave, immédiatement après loufoque et grossier et toujours la larme si prés de l'œil. Lui parler était fort simple, à condition absolue de ne jamais s'apitoyer sur lui et sur le monde, et de louer virilement la beauté des femmes et du vin. Pudeur de l'impudeur, il balayait avec ses immenses pognes les miettes de la douleur, et caressait jusqu'aux spasmes les touches du piano. Quand la phase troublante de son installation était passée entre gêne et pitié des autres, avec leur regard obscène de voyeur, il s'empoignait dans un beau combat corps à corps avec l'ivoire des notes. Plus que tous les autres, sa famille adorée, les femmes aimées, le piano était son royaume, sa transfiguration. Lui qui n'aura appris la musique qu'à l'oreille, " qu'à coups de pied aux fesses " en se confrontant aux autres, aura été une fontaine publique de village de la musique. Elle sortait de lui déhanchée et intarissable, vitale et limpide. Fouettée par le swing, et refusant les laisser-aller, sa musique était son combat. Une de ses confidences troublantes, citée par Pascal Anquetil était: "Je me souviens, à l'âge de huit ans, avoir dit à mon père en pleurant : Je n' arrête pas d'entendre de la musique en moi. Comme une radio sans fin. Je vivais alors un vrai cauchemar. Mon père m'a simplement dit : C'est bien. Profite de ce don ". Son piano était un tambour vers les autres, un feu de camp pour éloigner les mauvaises ombres. Il se savait en sursis alors il s'est consumé entièrement dans la musique qui hantait sa tête et ses doigts. Il l'aura voulu intense et urgente. Ses amis musiciens comptaient tant pour lui, par exemple il voulait tous nous convaincre du génie de Frank Avitabile, Di Battista ou autres, et ne parlait que de Charles Lloyd qu'il avait fait sortir de sa tanière, de Wayne Shorter et surtout d'Eddy Louis. Il a eu plusieurs vies, depuis celle dans sa famille où l'on baignait dans la musique comme dans une bonne soupe, du père aux deux frères, saoulés aux sources chaudes des racines italiennes. Mais celle qui le marquera au fer rouge des jours, sera la vie dans l'éducation de la dignité et du travail. Se contraindre, se dépasser pour savoir vivre " à la dure ", lui le cristal qui songe et qui vibre!. " Michel ! viens jouer pour le monsieur !": j'ai entendu ça toute ma jeunesse. ", dira-il encore blessé. Lassé de ce rôle de bête de cirque, il aura pour devise " Moins, c'est toujours plus ! " Homme en verre, protégé il se fera homme en s'enfuyant à Californie pour échapper à la fois aux hôpitaux et à la tendresse épuisante des autres qui l'infantilisait. Là il pourra tout expérimenter, et voyager avec les amarres du piano pour le ramener à terre. Devenu autant américain que français, mais toujours du Vaucluse, il fera une carrière, mêlant jazz commercial et fulgurances. Mais peut-on juger une telle gentillesse, un tel amour des gens, des choses qui font un destin, et du piano qui le contient tout entier?. Michel ramait vers le bonheur et ce n'est pas seulement le musicien qui me reste, mais ce père de famille ayant fait un bras d'honneur à la charogne, ivre de vie et d'espoir. Sa main lourde s'est maintenant posée sur le front de la nuit, elle ne s'endort plus sans lui. Quelle: http://www.espritsnomades.com/sitejazz/petrucciani.html --------------------       Michel Petrucciani: Victory of the Spirit by Mike Zwerin International Herald Tribune Tuesday, January 12, 1999 One midsummer evening in 1978, pedestrians on the narrow unpaved main street of the village of Cliousclat in the Drome region were startled when what looked like a puppet wearing Count Basie's yachting cap leaned out of an old tinny Citroen 2CV and exclaimed: "Hey baby!" It was Michel Petrucciani. At the time they were the only words of English he knew. Living in the city of Montelimar, he was the headliner of Cliousclat's monthly jam sessions. Provencal musicians were talking about a 15-year-old piano player of Corsican ancestry in a provincial backwater. He already played jazz like an African-American veteran. It's a good thing he started early because he was not going to last all that long. Petrucciani died last week from a pulmonary infection at 36. He suffered from osteogenesis imperfecta, also known as "glass bones," which stunted his growth and made his bones brittle. By 15 he had played with the legendary drummer Kenny (Klook) Clarke, who is credited with "discovering" him. Clark Terry, Joe Pass and the bluesman Sugar Blue "discovered" him shortly thereafter. The word was spreading. There is an early photo of Clarke flanked by Petrucciani's brother, the bassist Louis, and his father, Tony, a Wes Montgomery-style guitarist, who was carrying Petrucciani in his arms. Later Petrucciani grew chunkier and his bones became somewhat sturdier and he could get around astonishingly well on his own with crutches. But when he was young, he had to be carried. Somehow there was always a carrier available. He looked embarrassed, and bemused at the same time. With raised eyebrows behind oversized glasses, his expression seemed to say: "Do you believe what happened to me?" He was carried by his family and a succession of buddies. When he began to play with his good friend the French drummer Aldo Romano, and with such respected American musicians as Jim Hall, Lee Konitz and Charles Lloyd, each had their turn carrying him. It was something of an honor to be among those who carried Petrucciani. There were good-natured jokes about forming a club. He inspired good nature. Lloyd had performed his rock-oriented jazz in Tallinn, Estonia, in the Soviet Union, in 1967 with a band of longhairs, including Keith Jarrett and Jack DeJohnette. It was an event; the story was on the front page of The New York Times. Then, after "sitting on a mountain pulling metaphorical weeds" in California for most of the 1970s, Lloyd came out of retirement when he met Petrucciani. "Michel changed my life," he said. "I never thought I'd ever play again." In August 1980, when he was 17, Petrucciani was sitting between takes at a piano in a remote studio in southern France. It was his first recording, he was a sideman. Still, he was the guiding force. He may not have been the official leader, but he provided the focus. There was silence while the musicians decided what to play next. Petrucciani asked: "Does anyone know 'Giant Steps?"' An up-tempo John Coltrane tune with fast-moving chords, it was a sort of test that divides the men from the boys. Nobody wanted to admit they might not pass it. Suddenly, Petrucciani announced: "Well, I do," and he erupted with great confidence into a solo version at breakneck speed. His hands were large enough to span a tenth on the keyboard, an essential minimum for a normal professional pianist. As the years went by, he learned that he could live a normal life in other ways. Women were attracted to him. He had three important relationships and two children, one who also has "glass bones" and one adopted. He was proud to have children. He said: "My father never expected grandchildren from me. I think he respects me now." He liked to party, to swing in more ways than one. He began to be seen as a sort of gangster of love. (This New Year's Eve he was in the Village Vanguard until dawn.) His small and fragile bones indirectly caused the pulmonary infection that killed him. His organs were compressed inside his shrunken trunk; he had had problems with asthma; he was pushing it. Some sort of breakdown always seemed to be lurking. His sense of humor, however, was always solid. The accent was on irony. Although he frequently predicted that he would not live very long, his friends did not take him seriously. In retrospect, he was lucky to have lasted as long as he did. Even a small fall could have been fatal years earlier. As a young pianist, he'd had to sit on a special stool to enable him to get a proper perspective on the keyboard; and his tiny legs pumped a custom-built pedal extension. In a musical sense, his disease was a blessing in the form of a handicap. Like being blind, there was no choice other than the piano. He could not go and ride his bike or turn on television. why not?? He practiced for as much as six or seven hours a day. But it was a lot more than practice. It was The Gift. The Muse had chosen to give The Gift to Michel Petrucciani. It was his confidence as much as his ability that caught your attention. He had no doubts about himself. He could do just about anything, and he kept learning to do more. As he grew older and better known, he became very well paid. In 1998 he played something like 140 concerts. He acquired more maturity, technique and individuality - particularly his solo playing. His between-tunes microphone patter drew good-natured laughter. He lost some soul along the way, becoming increasingly dependent on the applause. And it was always there. His attitude, his talent, his humor and his take-no-prisoners approach to improvisation, combined with his affliction and the way it made him look, put him in a unique place. Cliques, racism and phobias disappeared when he was around. Everybody was honored to play with him - black and white, old and young, French and American, traditional and avant-garde. After his death, the French press called him, along with Django Reinhardt, one of the best French jazz musicians ever. And one of the very few to have become a star in America. True enough, but he was way beyond such everyday qualifications. Petrucciani reminded people of Dostoyevsky's "Idiot" - the "wholly beautiful man" whose function it was to disseminate a new state of being. He led them to re-evaluate their definitions of ugliness and beauty and of bad and good luck. He was a redeemer. Charles Lloyd called him an "avatar." It can be said without rhetoric that he was the personification of the victory of the spirit over the flesh. Quelle: http://www.iht.com/articles/1999/01/12/michel.t.php --------------------
Michel Petrucciani: Sieg des Geistes von Mike Zwerin International Herald Tribune Dienstag, den 12. Januar 1999 An einem Mittsommerabend im Jahre 1978 wurden Fußgänger auf der schmalen, ungepflasterten Hauptstraße in dem Dorf Cliosclat in der Drôme von etwas erschreckt, das aussah wie eine Puppe, die Count Basies Segelsportmütze trug, sich aus einem alten Citroen 2CV lehnte und "Hey Baby!" rief. Es war Michel Petrucciani. Zu dieser Zeit waren es die einzigen Worte in Englisch, die er kannte. Er lebte in Montélimar und war der Star in der monatlichen Jamsession in Cliosclat. Die einheimischen Musiker sprachen von einem 15 Jahre alten Pianisten, korsischer Abstammung und provenzalischen Wurzeln. Er spielte den Jazz bereits wie ein erfahrener afrikanischer/ amerikanischer Musiker. Es war gut, dass er so früh mit der Musik anfing, denn sein Leben dauerte nicht allzu lang. Petrucciani starb letzte Woche an einer Lungenentzündung im Alter von 36 Jahren. Er litt an der Osteogenesis Imperfecta, auch bekannt als Glasknochenkrankheit, welche sein Wachstum hemmte und seine Knochen porös werden ließ. Mit 15 Jahren spielte er schon mit dem legendären Schlagzeuger Kenny (Klook) Clarke, dem Petrucciani's Entdeckung zu verdanken ist. Clark Terry, Joe Pass und der Bluesmusiker Sugar Blue entdeckten ihn ebenfalls kurz darauf. Es sprach sich schnell herum. Es gibt ein frühes Foto von Clarke mit Petrucciani's Bruder , dem Bassisten Louis, seinem Vater Tony, einem von Wes Montgomery beeinflussten Gitarristen, der Petrucciani in seinen Armen trägt. Später wurde er etwas kräftiger, seine Knochen wurden etwas robuster und er konnte erstaunlich gut mit Krücken gehen. Aber als er jung war musste er getragen werden. Irgendwie war immer ein Träger zur Stelle. Er schien peinlich berührt und amüsiert zugleich. Mit hochgezogenen Augenbrauen hinter zu großen Brillengläsern schien sein Gesichtsausdruck zu sagen: "Glaubst Du, was mit mir passiert ist?" Er wurde von Familienmitgliedern und ausgewählten Freunden getragen. Als er anfing mit seinem Freund, dem Schlagzeuger Aldo Romano und so erfahrenen Musikern wie Jim Hall, Lee Konitz und Charles Lloyd zu spielen, war jeder einmal an der Reihe ihn zu tragen. Es war eine Art Ehre unter denen zu sein, die ihn tragen durften. Lloyd hatte seinen rock-orientierten Jazz im Jahr 1967 in Tallinn, Estland und der Sowjetunion mit einer Gruppe von "Langhaarigen", darunter Keith Jarrett und Jack DeJohnette, gespielt. Es war ein Ereignis; es stand auf der Titelseite der New York Times. Nachdem Lloyd den Großteil der siebziger Jahre in Kalifornien damit verbrachte "auf einem Berg zu sitzen um metaphersches Unkraut zu ziehen", traf er Petrucciani als er aus seiner Abgeschiedenheit zurückkehrte. "Michel veränderte mein Leben", sagte er. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals wieder spielen würde. Im August 1980, als er gerade 17 war, saß Petrucciani zwischen zwei Takes am Piano in einem Aufnahmestudio in Südfrankreich. Es war seine erste Aufnahme, er war ein Sideman. Dennoch war er die leitende Kraft. Er mag zwar nicht der offizielle Leader gewesen sein, aber er war der Mittelpunkt. Es herrschte Stille während sich die Musiker darüber berieten, was sie als nächstes spielen wollten. Petrucciani fragte: "Kennt jemand "Giant Steps?" Ein Uptempo-Stück von John Coltrane mit schnell wechselnden Akkorden. Es war eine Art Test, der die Männer von den Jungs unterschied. Niemand wollte zugeben, dass er es nicht schaffen würde. Plötzlich bemerkte Petrucciani: "Nun, ich versuch`s" und er stürzte sich mit großer Zuversicht in eine Soloversion mit halsbrecherischer Geschwindigkeit. Seine Hände hatten genug Spannweite, um eine Dezime am Klavier greifen zu können. Ein Minimum für einen normalen professionellen Pianisten. Mit den Jahren lernte er auf seine Art ein normales Leben zu leben. Frauen fühlten sich zu ihm hingezogen. Er hatte drei wichtige Beziehungen und zwei Kinder; eines, das ebenfalls die "Glasknochenkrankheit" hat und ein adoptiertes. Er war stolz Kinder zu haben. Er sagte: "Mein Vater erwartete nie Enkelkinder von mir. Ich glaube, jetzt respektiert er mich". Er feierte gern und tanzte auf vielen Hochzeiten. Nach und nach bekam er den Ruf als Gangster der Liebe. (An jenem Neujahrsabend war er bis zum Morgengrauen im Village Vanguard.) Seine kleinen und zerbrechlichen Knochen verursachten indirekt die Lungenentzündung, an der er starb. Seine Organe waren in seinem gedrungenen Rumpf zusammengedrückt; er hatte Probleme mit Asthma. Irgendeine Art von Zusammenbruch schien immer zu lauern. Seinen Sinn für Humor hat er jedoch nie verloren. Es gab immer ironische Akzente. Obwohl ihm häufig vorausgesagt wurde, dass er nicht sehr lange leben würde, nahmen seine Freunde das nicht ernst. Zurückblickend hatte er Glück, dass er überhaupt solange lebte. Sogar ein kleiner Sturz hätte Jahre früher schon tödlich sein können. Als junger Pianist musste er einen speziellen Stuhl benutzen um ihm eine vernünftige Sitzposition am Flügel zu ermöglichen. Seine kurzen Beine drückten eine speziell angefertigte Pedalvorrichtung. In musikalischer Hinsicht war seine Krankheit ein Segen. Wie bei einem Blinden gab es keine andere Wahl als das Klavier. Er konnte nicht Fahrrad fahren oder den Fernseher einschalten. Warum sollte er da nicht mehr als sechs oder sieben Stunden am Tag üben. Aber es war viel mehr als nur üben. Es war die Gabe. Die Musen hatten entschieden, die Gabe an Michel Petrucciani zu geben. Es war seine Zuversicht, wie auch sein Können, das Aufsehen erregte. Er zweifelte nicht an sich selbst. Er konnte einfach alles erreichen und er lernte immer mehr dazu. Als er älter und bekannter wurde, bekam er höhere Gagen. Im Jahr 1998 spielte er an die 140 Konzerte. Er entwickelte mehr Reife, Technik und Eigenständigkeit - besonders bei seinen Solorecitals. Er verlor ein Stück seiner Seele auf Reisen, wurde zunehmend abhängig vom Applaus und der war immer da. Seine Einstellung, sein Talent, sein Humor und seine unkonventionelle Annäherung zur Improvisation verbunden mit seinem Leiden und die Art wie es ihn aussehen ließ, brachte ihm eine einzigartige Stellung ein. Klischees, Rassismus, Phobien verschwanden wenn er da war. Jeder empfand es als Ehre mit ihm spielen zu können - schwarz und weiß, alt und jung, Franzosen und Amerikaner, Traditionalisten und Avantgardisten. Nach seinem Tod nannte ihn die französische Presse, zusammen mit Django Reinhardt, einen der besten französischen Jazzmusiker überhaupt und einen der wenigen, die in Amerika zum Star wurden. Wirklich genug, aber er war weit jenseits solcher Alltagsqualifikationen. Petrucciani erinnerte die Menschen an Dostojewki's " Der Idiot" - der "ganze schöne Mensch", dessen Bestimmung es war eine neue Art des Seins zu verbreiten. Er brachte sie dazu ihre Einschätzung von Schönheit und Hässlichkeit und Glück und Unglück zu überdenken. Er war eine Art Heiland. Charles Lloyd nannte ihn einen "Avatar". Ohne Übertreibung kann man sagen, dass er der personifizierte Sieg des Geistes über das Fleisch war. Übersetzung: Sven Ochsenbauer

-------------------- Reinhard Köchl, "Neuburger Rundschau", 05.05.1996 Zauberer mit offenen Karten Michel Petruccianis phänomenales Solokonzert im Neuburger Stadttheater Das Licht verlöscht und der Pianist betritt die Bühne. Behende entledigt er sich seiner Krücken, schwingt sich auf den Klaviersessel, sagt hastig "Good Evening" und beginnt sofort zu spielen. So, als ob eine gewaltige Kraft den Weg ins Freie sucht, einer Explosion gleich, fliegen die Akkorde, prasseln die Läufe von einer Sekunde zur anderen auf das fassungslose Publikum hernieder. Einen Energieausbruch dieser Größe hätte niemand im vollbesetzten Neuburg Stadttheater diesem kleinen Mann zugetraut. Michel Petrucciani ist behindert. Durch die heimtückische Glasknochenkrankheit ist er zum kaum ein Meter großen und nur 28 Kilo schweren Zwerg geworden. Ohne fremde Hilfe kann er sich nur schwer fortbewegen, Tourneen wie diese stellen für den 32jährigen Franzosen eine unendliche Qual dar. Lediglich seine Hände und seine Arme besitzen normale Ausmaße. Aber gerade diese Gliedmaßen ermöglichen es Petrucciani, aus dem Schattendasein seines körperlichen Leidens auszubrechen. Die Musik ist seine Lebensmotor. Sie hat aus dem vom Schicksal Gezeichneten einen selbstbewußten Menschen und einen absoluten Superstar des Jazz gemacht. Als "Little Big Man des Jazz" feiern ihn die Medien, und vor allem seit Michel Petrucciani regelmäßig bei der ZDF-Talkshow "Willemsens Woche" live auftritt (erst wieder am Tag vor dem Neuburg-Solokonzert), kennt seine Popularität keine Grenzen mehr. Wer freilich hinterhältig behauptet, daß der ganze Ruhm möglicherweise nur mit seinem Äußeren zusammenhängt, der entlarvt sich selbst als Voyeur. Sein unvergleichliches Spiel, seine Beredsamkeit und seine Freigiebigkeit auf den Tasten haben den gallischen Virtuosen in einer imaginäen Rangliste längst an den meisten Pianisten dieser Welt vorbeiziehen lassen. Petrucciani liebt den Exzeß. Er hat es eilig, will schnell alles sagen und eröffnet seinen spielerischen Kampf. Die Zuhörer sitzen wie festgenagelt, als ein Medley seiner Lieblingssongs jeden Winkel des Stadttheaters durchstürmt. Eine subtile Homage an Thelonious Monk taucht in der frivolen Bissigkeit von "My Funny Valentine" oder "Les Feuilles Mortes" auf. Das Pianoforte nimmt er zuweilen wörtlich, schlägt die Tasten mit der flachen Hand und kehrt mit ausgefeilten Akkorden zum Pianissimo zurück. Wie Skorpione tanzen die Finger aufeinander zu, um die ganze Jazzwelt und noch mehr einzufangen: die aufflammende Leidenschaft eines McCoy Tyner, den treffsicheren Witz eines Art Tatum und Fats Waller, die lyrische Empfindsamkeit eines Bill Evans, ja sogar die stupende Griffsicherheit von Horowitz und die selbstverliebte Überschwenglichkeit Ravels und Debussys. "All diese Songs sind die Klassiker der Zukunft" schwärmt Petrucciani nach jener 40minütigen emotionalen Eruption, gibt charmant mit trockenem Humor zu verstehen, daß ihn die vielen Hüstler im Publikum doch ein wenig stören und wendet sich eigenen Kompositionen zu. Die Triologie "Sun in Blois" oder "Looking Up" verraten viel über sein lebensbejahendes Wesen, aber auch über seinen besonderen Bezug zu Farben. Der Franzose läßt aus Tonfolgen Schattierungen entstehen, die Bilder von atemberaubender Schönheit ergeben. Als wolle er im Stile eines der großen Expressionisten an der Leinwand wüten, greift er mit der Rechten in die Baßbereich über, daß er fast vom Hocker kippt. Auf der Bühne ist dieser unvergleichliche Virtuose in seinem Element. Mit seiner ungekünstelten Offenheit will der Harmonie-Süchtige zwischen Blues, Sinfonie und Bebop eine Brücke zu seinem Publikum bauen. In Neuburg dankten es ihm seine (neuen) Fans mit minutenlangen stehenden Ovationen. Denn wo Michel Petrucciani auftritt, fliegen ihm die Herzen zu. Er ist ein Zauberer. Aber einer, der immer mit offenen Karten spielt. Quelle: http://www.birdland.de/a_kritiken/kritiken01/Michel%20Petrucciani.html -------------------- Témoignage Le père de Michel avait adapté une batterie à sa taille. Le trio magique des années 80: Aldo Romano et Jean-Francois Jenny Clark à l'hotel médlé… d'Avignon (Photo Jacques-Henri PONS) Le poète et auteur dramatique avignonnais Jacques-Henri Pons se souvient: "Le peintre Michel Bonnaud et moi-même connaissions la famille Petrucciani depuis les années 70: relations d'amoureux du jazz. "Le père, Tony, était guitariste et quand la famille a quitté Orange, il tenait un magasin de disques à Montélimar. Nous y allions souvent. Tony avait aménagé un studio de travail pour le petit Michel, qu'il avait mis très jeune au piano. Le matin, avant de partir au travail, il lui donnait une partition à déchiffrer, qu'ils jouaient ensemble le soir avec son frère Louis à la contrebasse. "J'ai même joué à l'opéra de Montélimar - Michel Bonnaud était au saxo, moi au piano - avec les deux frères Petrucciani. Michel, me laissant le piano, tenait une batterie que son père avait adaptée à sa taille. A cette époque, il m'envoyait des partitions qu'il avait 'allégées' à l'intension de mes maigres moyens! "Plus tard - Michel avait 14 ans - ils écumèrent les MJC environnantes lorsque sa maladie des os le lui permettait. -------------------- Pour un hommage différent à Michel Petrucciani Inutile, ici, de s'étendre en considérations de circonstance, que le monde entier diffusera bien assez. Ce qui importe, c'est que l'on écoute la musique de ce personnage dont la vie difficile constitue de surcroît, pour un grand nombre d'admirateurs, une fameuse leçon de choses... Nous vous avons tiré à part, ci-après, la discographie du maître français. Non pas une sélection, mais "la totale": il ne s'agit pas de réduire le souvenir de Petrucciani à une discographie "idéale" à laquelle on se limiterait, pour tout savoir du grand musicien en 48 heures et l'oublier aussi sec. Sachons regarder les choses en face: si la production de ce pianiste fut aussi abondante (vingt ans de musique sur disque vinyle, puis sur CD!), c'est qu'il voulait nous laisser plus qu'un "top 10" de son énergie créatrice... Un langage "Petrucciani correct" ? A cet égard (pouvoir regarder les choses en face), il ne manque pas d'intérêt d'aller voir un peu ce qu'à titre posthume on pense bon de dire, ça et là... D'abord, il paraît que certains présentateurs radio/TV et des journalistes ont mis au rebut de leurs propos toute utilisation des mots "grand", "énorme" ou "gigantesque" pour parler de Petrucciani, craignant que ces termes, pourtant appliqués au talent, ne paraissent déplacés face au handicap dont souffrait le musicien. Ridicule, n'est-il pas? D'accord... Pas d'accord... Ensuite, on peut se demander quel conseiller musical a fait dire au Président de la République française le commentaire suivant: Michel Petrucciani "a su renouveler le langage du jazz, se donnant à son art avec passion, courage et génie musical". D'accord pour la passion, le courage et le génie. Mais personne n'imagine que Petrucciani ait jamais cru "renouveler le langage du jazz". Pianiste de génie, oui, précisément, voilà ce qu'était ce grand musicien, qui n'a rien renouvelé mais a continué de porter au zénith un certain style de jazz où l'avaient mené d'autres musiciens avant lui. Au même titre que des Herbie Hancock, Chick Corea, Keith Jarrett, Brad Mehldau et bien d'autres apportent chacun leur éclairage personnel à un patrimoine pianistique bien installé. Il n'est de perfection qu'approchée... D'accord, Petrucciani, bien qu'inventeur prodigieux, n'a rien créé de très moderne. Et là, les amateurs de jazz pointu diront que l'apport du virtuose français n'était, en fin de compte, guère fondamental. Mais où se trouve le fondamental? Voilà ce qu'en pense (sur France-Info) le clarinettiste-saxophoniste-bandonéoniste Michel Portal à qui on ne peut certainement pas faire reproche d'un quelconque immobilisme musical: "Il m'est arrivé de l'accompagner sur une scène et souvent de me dire: mais comment on peut, avec son état qui était très fragile souvent, avoir cette énergie, cette musicalité, cette sensibilité extraordinaire qu'il avait?" Tout est là: dans l'extraordinaire. Peut-être que passé un certain niveau d'expression, peu importe ce que l'on dit mais comment on le dit. D'ailleurs, ne vous est-il jamais arrivé d'être pris d'émotion face à cette perfection approchée, quasi-touchée-du-doigt, dont l'un ou l'autre artiste a fait montre un jour devant vous, quand bien même pratiquait-il les claquettes irlandaises ou autre discipline qui, de prime abord, ne devait pas vous transporter? Ces moments où l'on se dit: "Ce que je vois, ce que j'entends est vraiment Grand". Et peu importe que le mot ne s'accorde pas à la taille du danseur... Petrucciani, lui, dansait avec ses doigts, arpentant sans relâche et dans tous les sens une avenue blanche et noire qui le mena d'Orange (où il naquit) à New York (où il mourut). -------------------- Teledoktor Glasknochenkrankheit Ein kleiner Mann, aber ein großer Jazzmusiker - Michel Petrucciani. Er ist 1999 an einer Lungenentzündung gestorben, nur 36 Jahre alt. Petrucciani hatte eine seltene Erbkrankheit. In Deutschland - schätzt man - sind davon zwischen 5000 und 6000 meist jüngere Menschen betroffen: von der Glasknochenkrankheit, der Osteogenesis imperfecta, zu deutsch "unvollständige Knochenbildung". Damit im Körper Sehnen, Knorpel oder Knochen stabil genug sind, wird ein spezieller Eiweißstoff gebraucht, das Kollagen. Die Kollagenbildung wird gesteuert durch Gene. Bei der Glasknochenkrankheit sorgt ein genetischer Fehler dafür, dass zu wenig Kollagen gebildet wird, oder Kollagen von schlechter Qualität. Und das wirkt sich auf die gesamte körperliche Entwicklung aus. Es kommt zum Beispiel vor, dass bei einer Schwangerschaftsuntersuchung mit Ultraschall ein frischer Knochenbruch beim werdenden Kind festgestellt wird. Manchmal sieht der Arzt dabei auch ältere, verheilte Frakturen. Nach der Geburt geht das so weiter: 100 und mehr Knochenbrüche in den ersten Lebensjahren sind möglich. Morgens aus der Klinik entlassen, abends mit dem nächsten Bruch wieder eingeliefert. Die Knochenstruktur ist so schwach, so glasartig, dass kleinste Bewegungen reichen, um Knochen brechen zu lassen - Arme, Beine, Rippen, auch die Wirbelsäule. Das führt zu Kleinwüchsigkeit, Rückgrat, Arme und Beine sind verbogen. Auch die Schädelknochen sind in manchen Fällen verformt. Die Patienten hören oft schlecht, haben schlechte Zähne, Atemprobleme, und sie sind vielfach auf den Rollstuhl angewiesen. Nun das ist die schlimmste, die ernsthafteste Form , die bald nach der Geburt zum Tod führen kann. Aber der Schweregrad und auch der Verlauf der Krankheit können sehr unterschiedlich sein und sie sind meistens auch nicht vorhersagbar. Am häufigsten ist die milde Form mit fast normaler Körperstatur. Nach der Pubertät hören die Knochenbrüche allmählich auf. Geheilt werden kann die Glasknochenkrankheit nicht. Da sie so selten ist, wissen Eltern eines kranken Kindes und auch viele Ärzte nicht, wie sie damit umgehen sollen. Es sind schon einige Therapieversuche gemacht worden, zum Beispiel indem man einem kleinen Patienten Knochenmark eines gesunden Kindes übertragen hat. Aber das hat nicht weit geführt. Neuerdings ist die Transplantation von Stammzellen im Gespräch, aber da ist es für eine Beurteilung noch zu früh. Gewisse Hoffnungen haben Versuche mit einem Wirkstoff erweckt, der auch zur Behandlung der Osteoporose im höheren Alter verschrieben wird, das sind die sogenannten Bisphosphonate. Und Knochenbrüche werden heute so versorgt, dass die Patienten sich möglichst bald wieder bewegen können. Denn es wäre ganz falsch, sie in Watte zu packen, im Gegenteil. Sie müssen sich bewegen, damit Muskulatur und Knochen nicht noch weiter abgebaut werden. Michel Petrucciani hatte sich übrigens schon als Kind ein Klavier gewünscht. Als es aber nur ein Spielzeugklavier war, soll er das aus lauter Wut zertrümmert haben. Er wollte ein echtes! Zerbrechliche Knochen, aber ein eiserner Wille! Quelle: http://www.swr.de/ -------------------- Notfalls mit der Handkante Der Pianist Michel Petrucciani gastiert heute in Berlin 25.10.1995 Kultur - Seite 23 Philip Lukas Ein Freund, ein guter Freund - wer möchte das nicht sein? Noch besser freilich ist es, einen solchen Freund zu haben, am besten allerdings einen, der beim Fernsehen ist. Michel Petrucciani hat dieses Glück gehabt. Sein guter Freund heißt Roger Willemsen, und der präsentiert ihn sooft wie möglich in "Willemsens Woche", einer der wenigen Talkshows, die nicht vom vordergründigen Klamauk leben. < Roger Willemsen und Michel Petrucciani - ein Duo, das über die Liebe zum Jazz zueinandergefunden hat, aber physisch unterschiedlicher kaum sein kann: baumlang der Fernsehmoderator, zwergwüchsig der Jazzpianist, kaum einen Meter groß, nur Arme und Hände haben normale Größe. Und die kann er gebrauchen wie kaum ein zweiter, wenn er am Flügel sitzt. Wer den kleinen Franzosen im Konzert erlebt, vergißt dessen Behinderung, versteht, daß der Mann kein Mitleid braucht, und bewundert dessen Einfallsreichtum, seine Klangnuancierungen, seine Lust am Fabulieren in Tönen. < Ein unter Musikern und Insidern hochgeschätzter Pianist, der trotz seiner mehr als zwei Dutzend Plattenaufnahmen nur wenig bekannt war, das war Michel Petrucciani bis vor zwei Jahren. Die Freundschaft zu Willemsen ist ein Glücksfall für den Pianisten, der Balladen hinschmelzen kann, ohne kitschig zu wirken, der aber auch die Tasten mit Handkantenschlägen traktiert, wenn es der Song erfordert. Zuletzt verkauften sich seine Platten in sechsstelliger Größenordnung, darunter auch das wundervolle, live aufgenommene Album "Au Theatre Des Champs-Elysees". Und er ist einer der wenigen Jazzpianisten, die in der Lage sind, im Rahmen einer Deutschlandtournee auch größere Konzertsäle bis auf den letzten Platz zu füllen. Sollte das auch beim Berliner Auftritt im Kammermusiksaal der Fall sein - für Jazzfans gibt es heute reichlich Ausweichmöglichkeiten. Ab 21 Uhr tritt die Pianistin JoAnne Brackeen mit einem Quartett im A-Trane auf, zu dem auch der Coltrane-Sohn Ravi Coltrane gehört. Und ab 22 Uhr zeigt der zuletzt in höchsten Tönen gepriesene James Carter im Quasimodo, was alles im modernen Jazz auf dem Saxophon möglich ist. Philip Lukas Michel Petrucciani, heute 20 Uhr, Kammermusiksaal der Philharmonie. +++ -------------------- Klassizist des Jazz Pianist Michel Petrucciani tot Von Michael Pilz Da saß er mit seinem Steinway in der Philharmonie in Berlin und spielte an gegen die Strenge des Konzertsaals. Ganz allein war er, vergrub sich in seinen Tasten. Schlug weite Bögen, überbrückte harmonische Brüche, verirrte sich mitunter in ziellosen Läufen. Bis die Leute endlich auf den Rängen standen. Bis sie ihn freundlich mit ihrem Beifall umfingen, und Michel Petrucciani noch einmal seinen Hocker erklomm. Dann eilte er auf seinen Krücken hinter die Bühne. "The Marvellous", wie er sich nicht ungern nennen ließ. Denn er konnte eitel sein und laut. Doch nach diesem Konzert verschwand er still in seiner Garderobe. Und war allein.Das war vor zwei Jahren, im Februar, und im folgenden Winter war er wieder in der Stadt. Zwischen Baß und Schlagzeug sprang er am Flügel durch die Jazzgeschichte. Michel Petrucciani, der Gesellige, der Entertainer aus Paris. Er war als Klassizist am besten aufgehoben im Jazz. Ein Verehrer der Alten, die Bud Powell oder Thelonious Monk hießen. Und er besaß die Fähigkeit, sie mit leichter Hand zusammenzuführen, sie noch einmal auferstehen zu lassen und dabei mehr Schallplatten zu verkaufen als viele seiner verstorbenen Idole. Vor allem die Deutschen kannten ihn gut aus dem Fernsehen, wo ihn Roger Willemsen regelmäßig in seiner Talkshow spielen ließ. "TV is a magical thing", staunte er, als er sich in den Hitparaden wiederfand. Daß dieser Erfolg auch mit dem öffentlichen Interesse an seiner Behinderung zu tun haben könnte, nahm er gelassen. Petrucciani litt unter einer angeborenen Glasknochenkrankheit, die ihn nur einen Meter wachsen ließ und ihm das Reisen und Konzertieren zur Tortur machen konnte. "Marvellous" hieß auch eines seiner schönsten Alben, und auf dieser Platte hat er vor Jahren schon sein Requiem hinterlassen. "Bésame Mucho" als liebenswert düsteres Memento Mori unter all seinen Klassikern. Am Mittwoch ist Michel Petrucciani in einem New Yorker Krankenhaus an einer Lungenentzündung gestorben. Mit 36 Jahren und fern von Paris. Artikel erschienen am 07.01.1999 Quelle: http://www.welt.de/data/1999/01/07/622621.html -------------------- Der Vogel fliegt nicht mehr Zum Tod des Jazzpianisten Michel Petrucciani 07.01.1999 Feuilleton - Seite 09 + 10 Ulf Drechsel Man wird sie nicht mehr über die Tasten eines Konzertflügels fliegen sehen die Hände des Pianisten Michel Petrucciani. Am 5. Januar starb der französische Pianist gerade 36 Jahre alt geworden in New York an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Jazzwelt verliert einen ihrer bedeutendsten Jazzpianisten, einen Musiker, der außerdem berühmt war für seine Lebens- und Spielfreude. Seine Liveauftritte zeigten Petrucciani als ungeheuer einfallsreichen, virtuosen und einfühlsamen Pianisten und versprühten darüber hinaus einen Humor und Spielwitz, wie man ihn nur selten findet. Michel Petrucciani ließ sich vom Publikum immer wieder inspirieren, nahm dessen Reaktionen auf und gab sie mit seiner Musik den Zuhörern zurück. Der Musiker litt an der seltenen Glasknochenkrankheit, war nur einen Meter groß und konnte nicht laufen. Das war mehr als nur ein körperliches Handicap, das Petrucciani seit frühester Kindheit mit Musik zu bezwingen versuchte. "Ich habe viel unter der Krankheit gelitten, als ich jünger war", sagte er. Aber inzwischen wolle er mit niemandem mehr tauschen. Nachdem sich Petrucciani als Neunjähriger am Schlagzeug in einer Familienband ausgetobt hatte, entdeckte er im Fernsehen Duke Ellington und den Jazz. Ellington-Stücke gehörten bis zuletzt zum Repertoire von Petrucciani. Seine Vorliebe war es, Lieblingsstücke in Medleys zusammenzufassen, die fast eine Stunde dauerten, ohne daß er vorher wußte, in welche Richtung sich die Musik entwickeln würde. Klar war nur der Anfang: meistens Ellington. Mit 18 wollte Petrucciani das Leben kennenlernen und ging in die USA, wo er eher zufällig im Haus von Charles Lloyd landete. Lloyd lebte zurückgezogen vom Musikbusineß und holte sein Saxophon meist nur zu Hause aus dem Koffer, so auch an dem Tag, als er Petrucciani kennenlernte. Sie jammten in Lloyds Wohnzimmer und beschlossen, gemeinsam auf Tour zu gehen. Das war die "Wiedergeburt" von Lloyd und der Beginn der Karriere von Petrucciani. Seit Anfang der 80er Jahre gehörte Petrucciani zu den Stars der internationalen Jazzszene. Er reiste mit verschiedenen Bands, vor allem aber als Solist um die Welt. "Wenn ich allein spiele, fühle ich mich wie ein Vogel. Ich kann fliegen, wohin ich will", sagte er. Petrucciani, Vater von zwei Söhnen, lebte in New York und Paris, war außerdem regelmäßig in Hamburg, wo ihn Roger Willemsen zum "Hauspianisten" seiner Talkshow gemacht hatte. Seitdem füllte Petrucciani auch in Deutschland große Säle, zuletzt im Frühjahr 1998 den Friedrichstadtpalast, ein seltener Platz für einen Jazzer. Petrucciani konnte seine Jazzschule in Frankreich nicht mehr eröffnen, er konnte nicht mehr, wie er es wünschte, mit einem Sinfonieorchester arbeiten. Was bleiben wird, sind mehr als 30 Schallplatten, die er eingespielt hat. -------------------- Wie die Schaumkrone auf einer gewaltigen Woge "Dreyfus Night in Paris": Marcus Miller & Michel Petrucciani 24.10.2003 Feuilleton - Seite 13 Philipp Schwenke Michel Petrucciani war der große, kleine Mann am Klavier. Gezeichnet von seiner Glasknochenkranheit und nur wenig größer als ein Kleinkind, zauberte er aus seinem Instrument Improvisationen, die perlten, swingten, leuchteten. Im kommenden Januar ist es fünf Jahre her, dass Petrucciani in Paris an einer Lungenentzündung starb. Fast zwanzig Platten hatte er bis zu seinem Tod veröffentlicht, aber, das sagt sein Plattenlabel Dreyfus, "da ist noch einiges in den Archiven". Zum Beispiel die Aufnahme vom 7. Juli 1994, von der zweiten "Dreyfus Night" im Pariser Palais des Sports, die jetzt in Deutschland erschienen ist. Petrucciani war an diesem Abend Bandleader und Master of Ceremonies eines formidablen Quintetts rund um einen formidablen Bassisten: Marcus Miller. Schon Miles Davis, Grover Washington jr. und Luther Vandross vertrauten auf Miller, weil er den Bass pumpen und scheppern lassen kann wie wenige sonst. Weil er eine Band zusammenhalten kann und brillante Solos spielt. Und weil er Melodien schreibt, die hängen blieben. "Tutu" zum Beispiel, von Miles Davis gleichnamigem Album, stammt von ihm, und "Tutu" eröffnet auch die "Dreyfus Night in Paris". Miller und Drummer Lenny White rollen den breiten, vertrackten Groove instinktsicher aus, jeder Ton, jeder Break sitzt. Die beiden sind schließlich schon Ende der siebziger Jahre zusammen auf Tour gegangen, da gibt es so etwas wie blindes Spielverständnis. Genauso selbstverständlich lässt auch Kenny Garret am Saxofon die Melodie einfliegen, lässt Michel Petrucciani kleine Fills und große Soli fallen. So gut war "Tutu" selbst auf Millers eigenem Live-Album nicht. Petrucciani, der Miller spielt, funktioniert; auch bei "The King Is Gone". Millers Stücke sind groove-orientiert, Petruccianis Flügel klingt dazu wie die Schaumkrone auf einer gewaltigen Woge. Er nimmt die Bassläufe auf, dreht sie dreimal durch seine Finger und lässt wieder aus dem Flügel rollen. Millers Bass lässt Oberkörper wippen, Petruccianis Flügel schmeichelt den Ohren. Umgekehrt klappt das Zusammenspiel allerdings nicht ganz so reibungslos. "Looking up" hat Petrucciani komponiert, ein flockiges, leichtes Thema, zu dem Millers schnalzender Bass nur so einigermaßen passt. Es dauert fast acht Minuten, bis die fünf klingen wie eine Band und nicht wie ein paar Musiker, die zufällig über die gleichen Akkorde improvisieren. Trotzdem ist "Dreyfus Night in Paris" eine beeindruckende Session mit hervorragend aufgelegten Musikern. Es wird wohl nicht die letzte Aufnahme sein, die von Petrucciani zu hören ist. Da soll ja noch einiges in den Archiven liegen. Marcus Miller & Michel Petrucciani: Dreyfus Night in Paris (Dreyfus Jazz/ Soulfood); Marcus Miller spielt am Sonnabend und Sonntag im Quasimodo, jeweils um 22 Uhr. Millers Bass lässt Oberkörper wippen, Petruccianis Flügel schmeichelt den Ohren. -------------------- Der Ruhm aus 20 Sekunden Michel Petrucciani in Berlin 18.02.1998 Feuilleton - Seite 19 Philip Lukas Zwanzig Sekunden dauert durchschnittlich sein Auftritt in "Willemsens Woche", dann kommt für den Pianisten Michel Petrucciani das Talkshow-Aus. Die Show aber hat den Pianisten bekannt gemacht. Er kann es sich erlauben, mit seinem

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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