Artikel geschrieben am: 28.12.10
1959 - ein Schlüsseljahr für die Entwicklung des modernen Jazz
Von Thomas Staiber
Im Jahr 1959 kam Barbie in die Puppenstuben, der britische Mini für 500 Pfund auf die Straße, Alaska wurde der 49., Hawaii der 50. Staat der USA. In Kuba übernahm Fidel Castro die Macht, der Dalai Lama floh aus Tibet, und Nikita Chruschtschow besuchte erstmals die USA. Im Kino lief Ben Hur, im Radio Elvis, Bonanza im Fernsehen. Der Jazz, diese Jahrhundertmusik aus Amerika, erlebte vor 50 Jahren eine wunderbare Blütezeit. Eine ganze Sparte befand sich im Umbruch. Spannender als damals ging es in den Jazzkellern und Clubs nie zu. Der Jazz erneuerte sich selbst, erfand sich neu und brach auf. Doch wohin sollte die Reise gehen? 1959 präsentierten fünf herausragende Jazzmusiker mit ihren Formationen bahnbrechende Projekte. Bis heute sind es Wegweiser des modernen Jazz: Dave Brubeck „Time Out“, Charles Mingus „Mingus Ah Um“, John Coltrane „Giant Steps“, Ornette Coleman „The Shape of Jazz to Come“ und M iles Davis „Kind of Blue“.
Dave Brubeck, den einzigen Weißen dieser illustren Reihe, den kultivierten Pianisten, der kurze Zeit bei Schönberg und Darius Milhaud in Oakland studiert hatte, umgab schon immer eher die Aura eines Grandseigneurs denn die eines Revolutionärs. Und doch war gerade er es, der mit dem ehernen Gesetz brach, nachdem Jazz nur dann swingen könne, wenn im Vierviertel-Takt gespielt wird.
Durch seine Studien klassischer und zeitgenössischer Musik und neue Hörerfahrungen, die er bei Reisen durch den Orient gewonnen hatte, führte Brubeck „krumme“ Metren, fremde Skalen, Polyphonie, führte Formen wie Fuge und Rondo in den Jazz ein. Seine Kompositionen swingten. Und wie. „Blue Rondo à la Turk“ im Neunachtel-, „Unsquare Dance“ im Siebenviertel- und „Pick Up Sticks“ im Sechsviertel-Takt. „Take Five”, eine der bekanntesten Nummern im Jazz überhaupt, deren Titel nirgends angesagt werden muss, hat nicht der kultivierte Kalifornier geschrieben, sondern Altsaxophonist Paul Desmond, der stille Star des Brubeck Quartetts. Seit vielen Jahren steht der heute 89-jährige Dave Brubeck für gepflegten, gelegentlich etwas kindlich anmutenden, aber stets originellen Jazz mit gefällig fließender Improvisation. Vor 50 Jahren war der heute auf allen Bühnen der Welt gefeierte Pianist und Komponist nichts weniger als ein richtiger Erneuerer.
1959 war auch ein Jahr der Trauer. Billie Holiday, die wohl beste Jazzsängerin, wurde zu Grabe getragen, und auch Saxophonist Lester Young, den sie respektvoll The President nannten, starb in diesem Jahr. Zu seinem Gedenken hat der Angry Man of Jazz, der große Kontrabassist Charles Mingus, auf seinem Album „Ah Um“ die Ballade „Goodbye Pork Pie Hat“ komponiert. Lester Young pflegte nämlich bei seinen Auftritten stets einen flachen Strohhut zu tragen.
Ganz anders als der elegante Brubeck war Mingus jedoch aufgeladen mit Wut. Eine Wut, die musikalisch als langsame vehemente Attacke daherkam und ganz anrührend mit zarten Stellen kontrastierte. Als Ort des Sterbens hat sich Mingus, der unter einer fortschreitenden Muskelschwäche litt, 20 Jahre nach „Ah Um“ einen mexikanischen Vulkan ausgesucht. Was für ein Gedanke!
In seinem bewegten Leben hatte er unermüdlich gegen soziale Ungerechtigkeiten gekämpft, gegen die Auswirkungen der Rassentrennung insbesondere. Deshalb war für seinen Jazz der Bezug zum Spiritual, zur Gospelmusik, maßgebend. „Better Git It In Your Soul“ ist dafür das beste Beispiel, „eine brodelnde Gospel-Hardbop-Brandung“, wie es in einer Mingus-Biographie heißt.
Der Kontrabasston, mit der er seine Musik verkünden, protestieren, aufschreien ließ, war tief und weit zugleich. „Fables of Faubus“ nannte Mingus, ganz Musiker und Agitator, ein anderes Stück. Orval Faubus, das war der berüchtigte Gouverneur von Arkansas, der von Eisenhowers Nationalgarde mit Gewalt daran gehindert werden musste, an der Schule von Little Rock die Rassentrennung beizubehalten. Durch eine Bassbegleitung, die doppelt so schnell war wie das Klaviersolo, steigerte Mingus die Spannung dieser Protestnummer. Ursprünglich war sie mit aggressivem Sprechgesang versehen; als sie jedoch bei der Plattenfirma Columbia erschien, fehlten die Worte. Ob sie Mingus daraufhin auch fehlten, ist nicht verbürgt. Dass die LP Shuffle-, Boogie- und Bluesnummern enthielt, trug jedenfalls zu ihrem Verkaufserfolg bei. Der eigenartige Titel „Mingus Ah Um“ war Mingus übrigens eingefallen, als er sich ans Deklinieren im Lateinunterricht erinnerte: Mingus, Minga, Mingum.
Eine ganze neue Grammatik suchte und fand der Saxophonist und Komponist John Coltrane, kurz: The Trane, der 1926 in Hamlet auf die Welt kam und 41 Jahre später in Huttington starb. In dieser relativ kurzen Lebensspanne vollendete sich eine der intensivsten Ausdrucksformen, die in der Geschichte des Jazz zu finden ist. Nach den üblichen musikalischen Anfängen bei Pfadfindern, in der Armee und Rhythm And Blues-Combos infizierte sich Coltrane unheilbar mit dem Jazz-Virus.
Mit 33 Jahren, nachdem er bei Gillespie, Monk und Miles Aufsehen erregt hatte - eben im Jahr 1959 war Coltrane, soeben von einer Drogensucht geheilt, der beste Saxophonist der Post-Bop-Ära. Er verstand es mit unglaublicher Schnelligkeit, Ideendichte und derart flüssig zu improvisieren, dass es das staunende Publikum und auch seine Kollegen kaum fassen konnten. Mit dem Tenorsaxophon deckte er drei Oktaven ab, gleichermaßen kraftvoll in allen Lagen. Mit dem Sopransaxophon flocht er unermüdlich Girlanden um die Harmonien. Ob tonal oder modal - Coltrane öffnete mit „Giant Steps“ die Pforten in neue unerhörte Bereiche, die er selbst als erster mit Riesenschritten durchmaß und erforschte.
Noch heute halten viele Hörer die Intensität der Coltrane-Improvisationen kaum aus. Dabei überzeugt gerade sein Album „Giant Steps“, das er im Frühling 1959 aufnahm, mit großer Geschlossenheit und harmonischer Komplexität. Nach schnellen heftigen Nummern erfreut die Ballade „Naïma“, die er seiner damaligen Frau gewidmet hat und die - wie auch das Titelstück - zu einem epochalen Standard des modernen Jazz geworden ist. Höchstes technisches Vermögen, eine Stimme, die wie aus archaischen Zeiten zu tönen scheint, und eine samtene Melancholie sind Merkmale des Jazzgenies John Coltrane.
Radikaler als Mingus oder Coltrane war Ornette Coleman, ein 29-Jähriger aus Fort Worth, Texas, der die amerikanische Jazz-Szene gehörig durcheinanderbrachte und lächelnd Kontroversen provozierte. Schon mit seinem weißen Plastiksaxophon sorgte er im New Yorker Five Spot für Aufsehen, doch ging es ihm um mehr als um bloße Provokation: Coleman zertrümmerte alte Formen, um eine neue Ästhetik formulieren zu können. Selbstbewusst gab er seinem Album von 1959 den vielsagenden Titel „The Shape Of Jazz To Come“. Mit von der Partie: Musiker vom Schlag eines Charlie Haden (Kontrabass), Billy Higgins (Schlagzeug) oder Don Cherry (Trompete). „Free Jazz“ nannten sie ihr Baby. Das Publikum reagierte ganz unterschiedlich auf die Neutöner und ihre Zumutungen, total begeistert oder heftig protestierend - Coleman wurden einmal nach einem Konzert die Schneidezähne eingeschlagen und sein Instrument zerstört.
Dabei ging Ornette Coleman keineswegs missionarisch streng zu Werk, er strahlte vielmehr eine Fröhlichkeit aus, die ansteckend, aber eben auch provozierend wirkte. In den sechs Titeln des Albums lösten sich die Musiker von den harmonischen Mustern des Bebop und öffneten die Pforte ins Freie, Gesetzlose, Wilde. Dabei folgten sie anfänglich noch dem Schema Thema-Improvisation-Thema. Während der Rhythmus eher Akzente setzte, als einem festen Metrum zu folgen, stellten die beiden Bläser etwa bei „Lonely Woman“ das Thema in einem langsamen Rubato vor, um dann entfesselt, in ganz unterschiedlichen emotionalen Befindlichkeiten, entspannt oder schrill in schnellem Wechsel darüber zu improvisieren. Musikalische Detonation, rhythmische Besessenheit, sprühende Energie, schräger Humor und unerwartet lyrische Melodien von anrührender Zärtlichkeit wurden zum Markenzeichen der Free-Jazz-Legende Ornette Coleman.
Ein Meilenstein in der Geschichte des Jazz war das Album „Kind Of Blue“ von Miles Davis. Miles, wie ihn alle Jazzer nennen, zahlte seinen Musikern 100 Dollar für die Aufnahmen. Das Album verkaufte sich sechs Millionen Mal. Der kommerzielle Erfolg entspricht hier dem künstlerischen Wert. Der verhangene Trompetenton, der von weither, wie aus dem Dunkel des Universums, zu kommen scheint, hat seit 50 Jahren nichts von seinem Reiz verloren. „So what“, zugleich ein Lieblingsausdruck des wortkargen Band-Leaders, eröffnet mit einem dorischen Modus den Reigen. Paul Chambers am Kontrabass stellte, äußerst ungewöhnlich, das Thema vor, Pianist Paul Evans begleitet. Die Hochkaräter Cannonball Adderley, John Coltrane und Jimmy Cobb komplettieren das Sextett.
Miles Davis, der sie zu Höchstleistungen anzuspornen vermochte, erweist sich als Meister der Andeutung und der Stille, als Virtuose des Unsagbaren und Unausgesprochenen, als gelassener Erfinder und kühner Grenzgänger, als Katalysator und Schwamm. Sein Trompetenton, in hohen Lagen vibratolos durchdringend und von erschreckender Klarheit, klingt in den tiefen Lagen verschleiert, geheimnisvoll, gedämpft.
Davis hatte sich seit Jahren für die Theorie der modalen Musik von George Russell interessiert und setzte sie mit seinem Sextett, in dem er die Crème de la Crème der amerikanischen Jazzmusik versammelt hatte, genial in die Praxis um. Unter modalem Jazz versteht man die Abkehr vom üblichen Dur-Moll-Schema und die Anwendung mittelalterlicher Kirchentonarten (Modi), über die improvisiert wird. Dies führte zu einer harmonischen Befreiung, der die rhythmische auf dem Fuß folgte. „So what“ ist das erste und unübertroffene Gipfelstück des modalen Jazz. Zum Jubiläum ist eine Luxusedition dieser Aufnahmen mit alternativen Takes, zwei CDs, DVD, Poster und einer 180 Gramm schweren LP erschienen.
50 Jahre sind seit dem Schlüsseljahr 1959 vergangen, das in eine strahlende Zukunft des Jazz, aber auch in manche Sackgasse geführt hat. Und heute? Heute scheint der Jazz die Fähigkeit aufgegeben zu haben, sich von innen heraus zu erneuern. Stattdessen frischt er seine vielfältigen Traditionen auf, er verschwistert sich mit unterschiedlichen ethnischen Musikstilen, verschwägert sich mit Rock, Funk, Pop, Heavy Metal oder Techno, um auf der Höhe der Zeit zu sein und um sich zu verkaufen.
Als Lounge Jazz wurde ihm gar seine Widerborstigkeit ausgetrieben, bis er bloß noch lauwarm, zahnlos und kuschelweich daherkam. Sehr erfreulich dagegen: Immer mehr junge Menschen sind auf dem Weg zum modernen Jazz. Bestens ausgebildete Jungjazzer verlassen die Musikhochschulen, auf der Suche nach Auftrittsmöglichkeiten und eigenem Profil. Findet sich unter ihnen vielleicht ein neuer Miles Davis, ein neuer Ornette Coleman, Dave Brubeck, Charles Mingus oder John Coltrane?
Der amerikanische Jazzmusiker Miles Davis in jungen Jahren. Der Bass zittert leise, das Klavier setzt ein wie ein Flüs- tern - so beginnt ein Stück Musikgeschichte: „So what“, der erste Titel auf Miles Davis' Album „Kind of Blue“, das zu einem Meilenstein der Jazz-Geschichte wurde.
Foto: dpa
Artikel vom 28.11.2009 © Eßlinger Zeitung
~ Thomas Staiber
Neuster Artikel: