Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Pannonica Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche)

Pannonica de Koenigswarter: Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche.
Reclam, Stuttgart, 2007. 312 S., 35 €
„Pannonica“ hat das schweigsame Jazzgenie Thelonius Monk eine seiner Kompositionen genannt. So hat er der großen Jazz-Mäzenin seinen Dank ausgedrückt. Die Baronesse aus dem Hause Rothschild, von ihren Freunden Nica gerufen, wuchs in Frankreich auf, studierte in München Malerei, verließ Nazideutschland, heiratete den französischen Diplomat und Schmetterlingsforscher de Koenigswarter, bekam fünf Kinder, bereiste als Pilotin halb Afrika und unterstützte die Résistance. Nach dem Krieg trennte sie sich von ihrem Mann und zog nach New York. In ihrem weißen Bentley-Coupé fuhr sie zu den Jazzclubs (Five Spot, Village Vanguard, Birdland, Small’s) und wurde in den 1950-er und 60-er Jahren zur Gönnerin und Freundin zahlreicher Musiker In ihrer Hotel-Suite fanden phantastische Jam-Sessions statt, dort starb aber auch der 34-jährige Charlie Parker, den die obduzierenden Ärzte auf siebzig schätzten. Als „Negerhure“ wurde Nica beschimpft, die Jazzer aber liebten die exzentrische großzügige Frau. Thelonius Monk und sie wurden Freunde für’s Leben. Tommy Flanagan widmete beiden ein Stück mit dem Titel „Thelonica“. Durch Nica erhielt Monk die überlebenswichtige cabaret card zurück, ohne die er jahrelang nicht öffentlich auftreten konnte. Als er ernsthaft erkrankte, zog er in ihre Villa in New Jersey, wo er 1982 verstarb. Cat-House hieß die wegen der vielen Katzen der Baronesse - und wegen der Jazzer, die sich selbst ja Cats nannten. 1988 starb dann auch die Grande Dame Du Jazz, und man verstreute ihre Asche zu den Klängen von „Round Midnight“ im Hudson River.
Vor kurzem fand nun Nadine de Koenigswarter einen Karton ihrer Großtante. Darin ruhte ein Schatz. Mit ihrer Polaroid hatte Nica dreihundert Jazzmusiker photographiert und sie nach ihren drei Wünschen befragt. Die Photos, teilweise fleckig und zerfallend, zeigen die Großen des Jazz in ungeschönter Manier: Thelonius Monk beim Pingpong, Charles Mingus an der Bar, Art Blakey an der Schreibmaschine, Miles Davis lachend mit offenem Hemd oder Carmen McRae auf dem Bauch, Polaroids anschauend. Die wirken nach den bekannten Bildbänden mit all den Hochglanzphotos, etwa von William Claxton, so kunstlos und beiläufig-authentisch, dass sie bestimmt auch Andy Warhol gefallen hätten.
Wünsche verraten auch etwas über Mängel der Wünschenden. Kein Wunder, dass für viele Jazzer bei ihren drei Wünschen Anerkennung und Geld besonders wichtig sind. Manche wünschen sich Frieden, andere einen eigenen Club. Mingus sagt, er sei wunschlos glücklich, und der auf seine Hautfarbe so stolze Miles Davis wünscht sich witzigerweise, er wäre weiß.
Aber eines enthielt der Zauberkarton der Pannonica nicht: den wunderbaren Jazz, der in den 50-er und 60-er Jahren gemacht wurde. Den muss man hören!
Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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