Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Osterjazz14.04.06)

21. Internationale Theaterhaus Jazztage
„Deutschland, Deutschland, unter anderem“ könnte das Motto fast aller Jazzfestivals hierzulande lauten. Nicht so im Theaterhaus Stuttgart. Hier gaben an Ostern deutsche Jazzer den Ton an. Eine Ausnahme: die amerikanische Jazzlegende Charlie Mariano. Der 82-jährige Holzbläser lebt schon so lange hier, dass er aus der hiesigen Jazzfamilie kaum wegzudenken ist. Dieser Bilderbuchgroßvater mit dem wachen, liebevollen Blick unter den buschigen Brauen ist immer noch ein wunderbarer Jazzer, der bei aller Vorliebe für Melodisches den Sinn für’s Widerborstige, Angriffslustige bewahrt hat. Einfühlsam begleitet wird er von Dieter Ilg am warm und voll tönenden, von Flageoletts aufgehellten Kontrabass.
Die Begegnung von Klassik und Jazz, die leider oft als Kollision endet oder als Nebeneinander versickert, funktioniert beim Trio von Richie Beirach und den Hübner-Brüdern, in deren Adern böhmisches Musikantenblut fließt. Natürlich nicht reibungslos, man macht ja Jazz. Gregor Hübner ist, um einmal Udo Lindenberg zu zitieren, einfach „ein Wahnsinnsgeiger“. Beirach, der Leipziger Jazzprofessor, spielt stählern, rhythmisch gut und glasklar, und Veit Hübner ist nicht von ungefähr als glänzender Kontrabassist bekannt. Die Klassik wird von diesem Jazztrio aufgemischt und zum Swingen gebracht. Bartóks 4. Bagatelle, die in eine Siziliana von Bach übergeht, begeistert das Publikum. Der Beifall steigert sich, als Mariano mit seinem „Plum Island“ einsteigt und zum Quartettspiel antritt.
Während sich ein anderer Leipziger Pianist in der Garderobe auf seinen Auftritt vorbereitet, beginnt im kleineren Saal T3 das Konzert des jungen Berliner Tentetts von Nicolai Thärichen mit Michael Schiefel, voc. Es verläuft ebenso kurzweilig wie das von Rainer Tempels Elfmann-Band „Eleven“, in der die Elite der mittleren Jazzergeneration den Klangraum zum Vibrieren bringt.
Zurück im ausverkauften Saal T1. Dort hat sich Joachim Kühn an den Steinway-Flügel gesetzt. Neben ihm hockt ein alter Bekannter mit einer 12-saitigen Laute auf dem Schoß: der in München wohnende Oud-Spieler Rabih Abu Khalil. Rhythmusmann Jarrod Cagwin aus USA legt leichthändig das elastische Fundament für die Höhenflüge von Khalil und Kühn. Deren inspirierte Improvisationsmusik wirkt wie ein Heilmittel der Völkerverständigung und beeindruckt, ja berührt das Theaterhauspublikum. Thomas Staiber

„Jung und gut“ – Ostersonntag, Theaterhaus
Es dauert lange, bis in Deutschland die traumatische Nazivergangenheit bewältigt ist. Ein so schöner Begriff wie Heimat wurde in Blut und Dreck gezogen, Volkslieder klingen verdächtig. Nun haben sich junge Jazzer endlich daran gemacht, - was in anderen Ländern normal ist - das Tor zur Tradition zu öffnen, deutsche Lieder mit dem Jazz in Einklang zu bringen.
Young Friends nennt sich eine Jazzcombo aus Berlin, die über eine der stärksten Rhythmusgruppen und einen sehr scharfen Bläsersatz verfügt. Beflügelt wird sie von Michael Wollny am Klavier. Das altbekannte „Dein ist mein ganzes Herz“ aus einer Lehàr-Operette füllt in einer derart frischen Version mit dichtem Kollektivspiel und hervorragenden Soli den Klangraum, dass es einem schier den Atem verschlägt. Keine Spur von triefender Sentimentalität, aber welch ein Gespür für melodische Schönheit! „The Great German Songbook“ heißt das Projekt der jungen Jazzer, die - wie die beiden anderen Gruppen des Abends – beim ACT-Label unter Vertrag stehen.
Die quecksilbrige Ausstrahlung des Sängers Michael Schiefel mit seiner feminin angehauchten Kopfstimme prägt die Performance von Jazzindeed, einer Fünfmannband, die sich den 80-er Jahren verschrieben hat, auf der Neuen Deutschen Welle surft. Schiefel, der begeistern, aber auch nerven kann, hört neben den starken Liedern von Ideal oder Rio Reiser bestimmt auch Platten von Al Jarreau. Instrumentenimitation inclusive. Brodelndes Combospiel auf rockiger Basis, witzige Free-Jazz-Versatzstücken – die leicht erkennbaren Songs der NDW kullerten als bunte Jazzklunker über die Bühne.
Schlager und Jazz – das ist wie Feuer und Zuckerwasser. Das Trio Daerr-Sieverts-Jütte verzichtet darauf, in der Melodienseligkeit von Ralph-Siegel-Songs zu schwelgen. Die drei jungen Männer bürsten das Material gegen den Strich, brechen mit diebischer Freude – aber todernsten Minen – die schlichten Klischees auf und versprechen denjenigen, die den Schlager erkennen, eine Gratis-CD. Wiederkennungseffekt gleich null.
Unterdessen wird im rappelvollen Saal T3 mit der Band tok tok tok ein geschmeidiges Soul-Jazz-Konzert bejubelt, bevor die Festivalnacht mit dem Jazzvokalisten Roger Cicero und After Hour angenehm ausswingt. Thomas Staiber



~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild