Artikel geschrieben am: 01.01.70

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19. Internationale Theaterhaus Jazztage, 12.04.04
„Total global“ (Reijseger – Youssef – World Quintet)
Wenn das Cello sich dreht wie ein Kreisel
Die Cellosaiten schabend, ein Rhythmussäckchen schüttelnd, auf eine Kalebasse klopfend – so findet das holländisch-senegalesische Trio zu ihrer Musik: vom Geräusch zum Klang. Der Rhythmus nimmt Fahrt auf, und Mola Sylla singt, während er sich mit einem Daumenklavier begleitet, im nasal- und vokalreichen Idiom der Wolofsprache ein Lied. Das ist jedoch viel mehr als westafrikanische Folklore. Der experimentierfreudige Ernst Reijseger, dessen dadaistischer Humor jedes Kind (und viele Erwachsene) zum Lachen bringt, benutzt sein Cello virtuos als Kontrabass, als Gitarre, als Rhythmusinstrument und lässt es drehen wie einen Kreisel. Das Konzert wird zur lustvollen Performance gleichberechtigter Musikern. Der senegalesische Rhythmus, angetrieben von Serigne Gueye, tanzt mit dem Cello, dass es eine helle Freude ist.
Musik, das wird hier deutlich spürbar, kann - über alle Grenzen und Differenzen hinweg – eine Gegenseite der Globalisierung sein. Wie eine erfüllte Utopie nimmt sie Probleme auf, verarbeitet sie musikalisch und verwirklicht so ein respektvolles freundliches Miteinander. Die leichteste Art der Existenz, das wusste schon Brecht, ist jedoch nicht in der rauen Realität, sondern in der Kunst. Ein Konzert wie das von Sylla, Gueye und Reijseger zeigt aber immerhin schöne Möglichkeiten auf. Davon lässt sich jedes Publikum begeistern – in Dakar, Amsterdam und im Stuttgarter Theaterhaus.

Ähnlich tastend wie das Trio zuvor findet das norwegisch-deutsch-tunesische Quartett des Lautenspielers Dhafer Youssef ins Spiel. Elektronisch erzeugte Klangwolken schweben durch den Raum, den eine E-Gitarre blitzartig aufhellt, begleitet vom Grollen der Bass Drum. Nun reißt Youssef mit dem Federkiel die Saiten seiner Oud an, die im warmen Holzklang des Kontrabasses von Dieter Ilg einen tiefen Widerklang findet. Wie auf einer breiten Schnellstraße gleitet diese Variante der Weltmusik dahin, angetrieben vom großhubigen Motor eines dröhnenden Rock-Rhythmus. Sie durchquert staubige arabische Landschaften, in denen Youssefs Vokalisationen wie die Stimme des Muezzins klingen, die durch die Megaphone schallt. Vorbei führt die Fahrt an den staunenden Gesichtern armer Leute. Der ethnische Charakter erscheint in Youssefs Musik als Dreingabe, fast wie ein kommerzielles Argument. Folgerichtig nennt er sie „Digital Prophecy“.
Auch auf einem soliden Rock-Fundament, aber ohne elektronische Effekthaschereien, bewegt sich das World Quintet (früher: Kol Simcha). David, der Sohn des Jazzers Oskar Klein, schlägt sich als starker Drummer durchs Programm, nachdrücklich unterstützt von Daniel Fricker am Kontrabass. Mit sperrigen Akkorden und perlenden Läufen bringt Pianist Olivier Truan, der geniale Komponist der Combo, den Jazz ins Spiel. Die silberhelle Querflöte des virtuosen Ariel Zuckermann begleitet das Hauptinstrument der Klezmermusik auf ihren jubilierenden Höhenflügen: die Klarinette des erstaunlichen Michael Heitzler. Sie klingt scharf und schneidend, jauchzend und frohlockend, vor Ungeduld brennend wie ein Liebhaber: „Auf, auf, mein Herz!“ - wie beim jungen Goethe scheint nur eine Richtung in Frage zu kommen. Das World Quintet macht weltweit Furore mit seiner vibrierenden körperbetonten Musik, die inspiriert wird vom modernen Großstadtgetriebe, aber nicht kalt und berechnend ist, sondern leidenschaftlich und mitreißend. Dabei verleugnet es keinen Moment die alte Klezmertradition der osteuropäischen Juden. Der Mensch, so lautet die Botschaft von Klezmer, ist der Überbringer des Liedes. Daran halten sich die fünf jungen Männer aus der Schweiz. Aber Tradition ist für sie keine hohle Pflicht, sondern der Funke, der ihre Musik entflammt. Sie machen eine sprühende Feuermusik, die auch tief empfundene Melancholien weg brennen kann wie Zunder, und im Taumel eines atemlosen Tanzliedes mit einem erschöpften, seligen Lächeln endet. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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